Zum EU-Beitritt Rumäniens schreibt die rumäniendeutsche Schriftstellerin Herta Müller in derFrankfurter RundschauRumänien hat sich angestrengt, die Bedingungen des EU-Beitritts zu erfüllen. Wirtschaftlich geht es den Leuten in vielen Gegenden gut. Nur in der Justiz und in der Korruptionsbekämpfung mahnt Brüssel noch. Aber in einem Bereich, der alle anderen Bereiche tangiert, hat die EU leider von Rumänien überhaupt nichts gefordert und Rumänien hat von sich aus so gut wie nichts getan: in der Aufarbeitung der Diktatur. Man tut in Rumänien so, als ob sie sich in Luft aufgelöst hätte, das ganze Land leidet am Gedächtnisschwund. Dabei gab es dort die abstruseste Diktatur Osteuropas und nach Stalin den finstersten Diktator mit einem Personenkult von nordkoreanischem Format. Ceausescu war ein Choleriker mit vier Schulklassen, ein Hypochonder, der sich auf seine Kontrollreisen durchs Land stets einen Tank Badewasser mitnahm, ein Parvenü mit einer wilden Schwäche für Paläste. Sein Familienclan und sein Geheimdienst hatten alles im Griff, auch die Kirche. Achtzig Prozent der orthodoxen Popen waren direkt vom Geheimdienst bezahlt, also Securisten in der Kutte. Bei den Journalisten, Ärzten, Juristen wird es kaum anders gewesen sein. Aber das weiß man nicht und soll es auch nicht wissen können.Der Grund dafür ist einfach: der Sturz Ceausescus, seine Verurteilung in einem Schnellprozess, seine Erschießung hatte die Securitate selber gesteuert. Offiziell wurde der Geheimdienst nach der sogenannten Revolution aufgelöst, sein Personal jedoch heimlich weiter bezahlt. Ohne Unterbrechung kam ein Teil der Securisten vom alten in die neu gegründeten Geheimdienste. Und der schlauere Teil fädelte sich mit seinem Erpressungskapital in die Marktwirtschaft ein. Und darum reicht die Korruption heute noch bis in die höchsten Regierungskreise. Und ihre Ausläufer überziehen das Land als alltägliche Korruption, in der die alte Mentalität mit neuen Methoden arbeitet.Das Archiv der Securitate wurde auch 17 Jahre nach Ceausescu noch vom Personal der Geheimdienste verwaltet. Nun erfolgte am 1. Januar endlich die Übergabe von 1,6 Millionen Dossiers an die 1999 zähneknirschend gegründete Behörde zur Akteneinsicht. Ob sich etwas ändert? Es wurden vor Jahren schon Gesetze verabschiedet, die die Akteneinsicht regelten. Aber jedes Gesetz blieb wirkungslos und die Behörde ein Feigenblatt - sie musste an den Geheimdienst täglich Bittgesuche schreiben. Und so kommt es zu scheinbar surrealen Szenen mit Tätern und Opfern: Ein ehemaliger Dissident bekommt eine Position im öffentlichen Dienst und wird zur Vereidigung einbestellt. Und als er die Tür öffnet, steht da sein ehemaliger Securitate-Vernehmer und nimmt ihm den Eid auf die demokratische Verfassung ab. Oder: Ein ehemaliger politischer Häftling beantragt einen Kredit bei der Sparkasse einer Kleinstadt. Der Direktor der Sparkasse, der ihm mitteilt, dass der Kredit nicht bewilligt wird, ist der Gefängnisdirektor von damals. In Brüssel wird man sagen, der ehemalige Häftling kann doch jetzt zu einer anderen Bank gehen. Die EU-Kriterien sind ja mehr als erfüllt, wenn es noch eine Bank in der Kleinstadt gibt. Fragt sich nur, wer dort heutzutage Direktor ist.
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