Kunstmarkt

Neues Forschungsgebiet: Private Kunstsammlungen in der DDR plötzlich auf der Agenda

Erst seit Ende der 90er-Jahre hat Provenienzforschung für jüdische Raubkunst einen Aufschwung bekommen. Nun wurde der Spot in Chemnitz auf DDR-Sammler gesetzt.

9 Min
Die Provenienzgeschichte dieses Poträts des jüdischen Unternehmers David Leder wird derzeit in Chemnitz erforscht.

Die Provenienzgeschichte dieses Poträts des jüdischen Unternehmers David Leder wird derzeit in Chemnitz erforscht.

© Ingo Eckardt/Ostdeutsche Allgemeine

Es war eine besondere Ost-West-Geschichte, die da in den Chemnitzer Kunstsammlungen kürzlich ein großes Auditorium fand. Kunstexperten aus Ost und West fanden sich zu einer Fachtagung zusammen, die gemeinsam von den Kunstsammlungen und der federführenden Universität Bonn ausgerichtet wurde. Die Fachleute widmeten sich einer Leerstelle der bisherigen Kunstforschung: Wie wurde in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und später in der DDR Kunst gesammelt und welche Auffälligkeiten kann man entdecken?

Vieles drehte sich um Provenienzforschung, die in Deutschland nach Jahrzehnten des Herumdümpelns insbesondere durch die Washingtoner Erklärung von 1998 einen stärkeren Fokus auf Raubkunst legte, die jüdischen Eigentümern während der NS-Zeit entzogen wurde. Weitgehend unterbelichtet blieb hingegen die Zeit der DDR. Dabei handelt es sich um ein Forschungsgebiet, das erst in jüngerer Zeit stärker in den Fokus gerückt ist und allerlei Merkwürdigkeiten aufweist – wie die in Chemnitz vorgestellten Fälle privater Sammlungen zeigten.

Anne-Kathrin Hinz und Lucy Wasensteiner wollten mit ihrer Anregung vor allem das Bewusstsein entwickeln, dass entzogene Werke aus der SBZ und der DDR bis heute in vielen Museen vorhanden sind. Das Thema Provenienzforschung ist an der Bonner Uni ein spezifischer Forschungszweig geworden. Dabei geht es nach Lucy Wasensteiners Worten darum, eine Sensibilität für Kunst in der DDR und der SBZ, aber auch für koloniale Raubkunst zu entwickeln. Einen Masterstudiengang habe man deshalb in Bonn aufgelegt, um spezielle Fachleute auszubilden.

Anne-Kathrin Hinz und Lucy Wasensteiner haben gemeinsam mit Marie Winter (v.l.n.r.) von den Kunstsammlungen Chemnitz eine erste große Tagung zu Privatsammlungen in der DDR organisiert.

Anne-Kathrin Hinz und Lucy Wasensteiner haben gemeinsam mit Marie Winter (v.l.n.r.) von den Kunstsammlungen Chemnitz eine erste große Tagung zu Privatsammlungen in der DDR organisiert.

© Ingo Eckardt / Ostdeutsche Allgemeine

Viele Provenienzen haben einen Fluchthintergrund

Kritische Erwerbungen im Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte hatte Uta Kumlehn auf der Agenda, und sie zeigte eine Reihe von Verdachts- und Einzelfällen auf, die im Rahmen der Sammlungsdigitalisierung auffielen. So erzählte sie von einem Porträt, das nach Caputh in Brandenburg deutete. Die Eigentümerfamilie wurde im Zuge der Bodenreform auch ihres Hauses und ihrer Einrichtung samt Kunstwerken beraubt.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

„Hier müssen wir intensiv forschen, Provenienzen stehen oft im Zusammenhang mit der Flucht in den Westen“, berichtete die Forscherin, die bei Auffälligkeiten stets auch die Vermutung hege, dass hier ein Verkauf privaten Kunsteigentums durch den Kunsthandel der DDR erfolgte. Acht Fälle mit Entzug von Kunstwerken nach dem extra dafür erlassenen Kulturschutzgesetz seien in ihrem Hause nachweisbar, so die Fachfrau aus dem Potsdam-Museum.

Viele Menschen seien unter Druck gesetzt worden, Kunstwerke an Museen zu verschenken, oft mit fingierten Steuerstrafvergehen. So berichtete sie von einem Juwelier aus Potsdam, der beschuldigt wurde, illegal Edelsteine taxiert zu haben. „Sein Wohnhaus wurde komplett beschlagnahmt, auch ein Teil der Möbel, Bilder und eine Münzsammlung. Das alles wurde an Museen der Region verteilt“, erklärte sie und sorgte damit für erstaunte Blicke.

Bildnis von David Leder: Der jüdische Unternehmer hinterließ einen großen Fundus an Kunstwerken, darunter dieses Porträt, das heute bei den Chemnitzer Kunstsammlungen ein zentraler Faktor der Provenienzforschung ist. Eine Sonderschau zeigt derzeit den Forschungsstand.

Bildnis von David Leder: Der jüdische Unternehmer hinterließ einen großen Fundus an Kunstwerken, darunter dieses Porträt, das heute bei den Chemnitzer Kunstsammlungen ein zentraler Faktor der Provenienzforschung ist. Eine Sonderschau zeigt derzeit den Forschungsstand.

© Jürgen Seidel/Kunstsammlungen Chemnitz

Stasi und KoKo: Beim Kunsthandel die Finger im Spiel

Eine große Rolle spielte in diesem wie auch in vielen anderen präsentierten Fällen eine Tochter der Kommerziellen Koordination (KoKo) von Alexander Schalck-Golodkowski, die Kunst und Antiquitäten GmbH (KuA), die unter anderem in Mühlenbeck bei Berlin ihre größte Lagerhalle mit Kunstwerken in der DDR unterhielt. Als 1990 die Auflösung der Gesellschaft erfolgte, wurde offenbar, dass die Zeitwertfeststellungen oft auf den fingierten Steuerverfahren gegen private Sammler basierten.

Das galt wohl auch für den umtriebigen Kunst- und Antiquitätensammler Frank Hänel. Glaubt man den Zuschreibungen über den als „Schieber-Frank“ bekannten Händler, ist er mit dem Begriff „dubios“ wohlwollend beschrieben, wie es in einer Diskussionsrunde einer der Fachbesucher ausdrückte. „Der Sammler im Verborgenen? Verdecktes Sammeln und privater Kunsthandel in der DDR am Beispiel des Galeristen Frank Hänel“ überschrieb denn auch Lucia Seiß von der Universität zu Köln ihren Vortrag über Hänel.

Der ehemalige DDR-Kunstsammler und -händler Frank Hänel (r. mit seiner Frau Ellen) in seiner Frankfurter Galerie in den frühen 1990er-Jahren

Der ehemalige DDR-Kunstsammler und -händler Frank Hänel (r. mit seiner Frau Ellen) in seiner Frankfurter Galerie in den frühen 1990er-Jahren

© ZADIK | Zentralarchiv für deutsche und internationale Kunstmarktforschung, Universität zu Köln, Bestand A 129

1987 flüchtete der „Schieber-Frank“ nach einer Westreise in einer Familienangelegenheit in die BRD. Er habe, so die Forscherin, eine umfassende, aber wenig aussagekräftige Stasiakte. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) registrierte in einem IM-Bericht über Hänel im Jahr 1985, dass er große Bestände an Kunstobjekten, Antiquitäten und jede Menge Bargeld habe. An diese Objekte sei er über Zeitungsannoncen (unter anderem 1983 in der Berliner Zeitung), die er selbst oder seine Strohmänner aufgaben, gekommen. Und auch der Verkauf lief genau auf diesem Weg ab – 1983 seien so Kunstgegenstände für über 80.000 Mark veräußert worden.

Stasi schätzte ein: Frank Hänel ist ein Hobbysammler

Doch damit der Umtriebigkeit nicht genug: Er selbst wurde ebenfalls als Stasi-IM geführt, und das sogar noch nach seiner Ausreise aus der DDR – zumindest bis auch seine Frau Ellen in den Westen ausreisen durfte. Die Stasi jedenfalls stellte – aus welchem Grund auch immer – fest, es handle sich bei Hänel um einen Hobbysammler.

Der Kunst und Antiquitäten GmbH soll er einmal ein Bild des Expressionisten Otto Schubert angeboten haben. Weil der gebotene Preis zu niedrig gewesen sei, habe er am Ende nicht verkauft, berichtete Lucia Seiß. Später habe er ein erneutes Angebot an die KuA unterbreitet, um Instrumente und Technik für eine von ihm gemanagte Band zu erwerben. Vor der Flucht hatte er Wertsachen seiner Sammlung verkauft, unter anderem eine wertvolle Grafikmappe, Antiquitäten und zwei Autos – seine Sammlung habe er in Teilen liquidiert.

Bereits Anfang 1988 übernahm Hänel in Frankfurt eine Galerie, die bis zu ihrer Auflösung 2009 von seiner Frau geführt wurde. Hier entstand eine der bedeutendsten Ausstellungsreihen zu DDR-Malern. Wie er diese Präsentationen mit dem staatlichen Kunsthandel vereinbart hatte, ist unklar. Spätere Ausstellungen kamen ohne den staatlichen Kunsthandel zustande. Woher Hänel das Geld für den Neustart hatte, darüber könne man nur mutmaßen, erzählte Lucia Seiß.

ALT: Hier entstand eine der bedeutendsten Ausstellungen zu DDR-Malern. Wie er diese

Experten: Dubioser Sammler und Händler aus Berlin

Hänel gab an, einen direkten Draht zur Dresdner Kunstgruppe „Lücke“ unterhalten zu haben, was durch deren Mitglieder stets abgestritten wurde. Doch ob dies alles wirklich das opulente Leben Hänels mit Galerie, Eigentumswohnung und diversen schnellen Autos erklärt, darf bezweifelt werden. „Man spricht diesbezüglich über potenziellen Schmuggel von Kunstwerken, über Freunde und Familie – insbesondere über seine Ehefrau Ellen. In jedem Fall kann man sagen: Seine jahrelang aufgebauten Netzwerke, auch über Grenzen hinweg, trugen auch nach der Flucht zum florierenden Geschäft bei“, so die junge Forscherin.

Aber: Es gab nur Vermutungen, wie teilweise umfangreiche DDR-Sammlungen in den Westen kamen – über die Sammler aus der DDR und von ebenfalls ausgereisten Künstlern soll Hänel Kunst erworben haben. 2006 jedenfalls kam Hänel in Südafrika unter ungeklärten Umständen ums Leben.

Claudia Maria Müller von den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden mutmaßte: „Es kann auch sein, dass er für die KuA heimlich als Einkäufer gearbeitet hat, da liegt noch vieles im Dunkeln. Regelmäßiges Annoncieren und Horten von Kunstobjekten deutet auf Abnehmer hin, die vielleicht ihrerseits für die KuA gearbeitet haben könnten.“ Und ihr Kollege Thomas Rudert ergänzte: „Stasi-Spitzel hatten ein taktisches Verhältnis zu staatlichen Stellen und den Gesetzen der DDR, da wurde Kunst geschmuggelt – teilweise geduldet, um eventuell auch im Nachgang mal jemanden zu erpressen.“ Er erinnerte an Manfred Krug, der seine Möbel aus Berlin-Pankow bei seiner Ausreise in den Westen über einen portugiesischen Diplomaten nach West-Berlin schmuggeln ließ.

Privatsammler in Dresden mit Steuerverfahren gepeinigt

Auch Kunstsammler Friedrich Pappermann (1909–1995) wurde im Blick des privaten Kunsthandels in Dresden nach 1945 von Claudia Maria Müller beleuchtet. Er und viele andere kunstsinnige Sammler nutzten gezielt die günstigen Preise der Nachkriegszeit, in der Platzmangel und Geldsorgen erhebliche Sammlungen und auch eine Vielzahl von Kunsthandlungen entstehen ließen. Fast alle Händler wurden jedoch mit oft fingierten Steuerverfahren in den 1970er- und 1980er-Jahren überzogen, etwa die Kunsthandlung Nova oder Alphons Müller in Dresden, und erhielten in der Folge keine Lizenzen mehr, wohl auch, um die staatliche Kunst- und Antiquitäten GmbH zu stärken. Im Unterschied zu den 50er- und 60er-Jahren diente der Kunsthandel am Ende der DDR nur noch der Devisenbeschaffung, resümierte Claudia Maria Müller, Enkelin des gleichnamigen Kunsthändlers Alphons Müller.

Auf eine besondere Figur des Antiquitätensammelns, nämlich die Ikone der queeren Bewegung in der DDR, Charlotte von Mahlsdorf, machten Caterina Marcucci (FU Berlin) und Evelyn Sutter (TU Berlin) aufmerksam. Die Transfrau betrieb in Mahlsdorf, einem Ortsteil von Marzahn-Hellersdorf, ein besonderes, selbst hergerichtetes Gründerzeithaus, in dem Möbel und Alltagskultur der Gründerzeit sowie mechanische Musikinstrumente gezeigt wurden.

1958 wurde das Gründerzeitmuseum gegründet, 1960 zog die Sammlung ein – gesammelte Möbel wurden zu passenden Ensembles eingerichtet, ergänzt mit Musikapparaten. Wenige Jahre später versuchte man, das private Museum unter das staatliche Dach zu holen, weil es eine Zeitlücke schloss, zu der die staatlichen Museen nichts aufzuweisen hatten. Dank des TV-Rechtsanwalts Friedrich Karl Kaul („Fragen Sie Professor Kaul“) gelang es, die Vermögenssteuerforderungen und die Zugriffsversuche der KuA abzuwehren. Derzeit kann man rund 1200 Objekte aus der Sammlung von Mahlsdorf im Museum Europäischer Kulturen sehen.

Prominente in der DDR: Sündhaft teure Sammlungen

Über die umfangreiche private Briefmarkensammlung von Gerhard Rudolf Meyer, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, referierte Christopher Hölzel von der FU Berlin.

Über die umfangreiche private Briefmarkensammlung von Gerhard Rudolf Meyer, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, referierte Christopher Hölzel von der FU Berlin.

© Ingo Eckardt / Ostdeutsche Allgemeine

Die private, 420.000 Mark wertvolle Briefmarkensammlung von Gerhard Rudolf Meyer, dem Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, sowie die Kunstsammlung des einstigen DDR-Außenministers Lothar Bolz, einem Freund russischer Grafiken (Kandinsky, Archipenko und Chagall) und der Kunst des deutschen Impressionismus und Expressionismus (Schiele, Corinth, Pechstein, Liebermann, Dix), wurden ans Licht geholt. Der Politiker der NDPD hatte ein breites Netzwerk an Künstlern und genug Geld – wurden viele Kunstwerke doch mit Geld des Außenministeriums gekauft.

1983 schenkte Bolz dem Berliner Kupferstichmuseum alle 17.000 russischen Grafiken aus seinem Besitz im Wert von 3,5 Millionen Mark. Dafür bekam er zwei Plastiken aus der Nationalgalerie für den heimischen Garten – unter anderem die berühmte „Bogenspannende“, die heute wieder im Kolonnadenhof der Nationalgalerie zu sehen ist.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner