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Ich lebe seit über vier Jahrzehnten in Deutschland. Länger als viele, die heute über Integration sprechen, überhaupt auf dieser Welt sind. Ich habe das Land gesehen, wie es war, wie es wurde – und wie es sich heute manchmal nur noch wundert, dass es nicht mehr ist, was es mal zu sein glaubte.
Manchmal frage ich mich, ob das Problem wirklich die Migration ist. Oder ob sie nicht nur der Spiegel ist, in den niemand mehr sehen will. Vielleicht ist Migration heute der große Projektionsschirm einer Gesellschaft, die es verlernt hat, sich selbst zu fassen – weil sie innerlich schon längst aufgerieben ist. Zwischen Netflix und dem Grundgesetz. Zwischen „Nie wieder“ und „Jetzt reicht’s“. Zwischen Feuilleton und Kommentarspalte.
Wenn Friedrich Merz über „kleine Paschas“ oder das „Stadtbild“ spricht, dann sagt er nicht nur etwas über junge Männer in prekären Milieus. Er sagt auch etwas über die kollektive Ohnmacht einer politischen Klasse, die seit Jahrzehnten zugeschaut hat – beim Wegschauen.
Deutschland hat jahrzehntelang die Wirklichkeit ignoriert
Die Probleme, von denen er spricht, sind real. Sie sind sichtbar im Stadtbild, hörbar auf Schulhöfen, spürbar im öffentlichen Raum. Und ja: Sie haben Gesichter, Namen, Sprachen. So ehrlich muss man sein.
Aber auch so ehrlich: Diese Probleme haben Geschichte. Und sie haben Ursachen, die weit über den Bahnhof von 2015 hinausreichen. Denn Deutschland war nie vorbereitet auf das, was kam. Weder intellektuell noch institutionell. Es war ein Land, das sich aus gutem Grund geschworen hatte, nie wieder in die Fratze der Verachtung zu blicken – und das darum die Konfrontation mit der Wirklichkeit scheute wie ein Relikt aus der Vergangenheit. Aus Angst zu verletzen hat man verlernt zu benennen.
Was man heute „Klartext“ nennt, ist oft nur eine plumpe Ersatzhandlung für Jahrzehnte des Schweigens. Aber man sollte sich nicht täuschen: Auch das „deutsche Wir“ ist brüchig geworden. Der Ruf nach Leitkultur verhallt in einer Gesellschaft, die längst keine gemeinsame Richtung mehr kennt.
Was heißt denn heute überhaupt noch deutsch? Einen Döner in der Hand und eine Halloween-Deko im Fenster? Ein Netflix-Abo, das sich die Patchwork-Familie mit der ukrainischen Mitbewohnerin teilt? Man fordert Integration – aber in was genau?
Dialekt stirbt. Vereine bluten aus. Die Innenstädte leeren sich. Die Kultur, die man angeblich verteidigen will, ist selbst in der Krise. Und während man sich auf dem Papier noch an der Nationalhymne festhält, wirkt das Land vielerorts wie ein gut verwaltetes Altersheim mit Erinnerungsstücken aus besseren Zeiten.
Das Problem beginnt mit Deutschland, nicht mit Geflüchteten
Es ist leicht, sich angegriffen zu fühlen. Viele mit Migrationsgeschichte tun das – verständlicherweise. Ich nicht. Ich habe gelernt, zwischen der Botschaft und dem Boten zu unterscheiden. Ich weiß, dass hinter dem Schlagwort „Paschas“ nicht nur Vorurteile stehen, sondern auch reale Herausforderungen, denen sich niemand stellen will, solange sich Schuld so bequem verschieben lässt.
Aber ich weiß auch: Das Problem beginnt nicht dort, wo neue Menschen in dieses Land kommen. Es beginnt dort, wo das Land selbst aufgehört hat, sich zu fragen, was es sein will.
CDU und Leitkultur: Der deutsche Kitt sind Pizza und Döner (und nicht Hitler)
Gut vernetzt und trotzdem orientierungslos: Warum wir uns nicht mehr verstehen
Deutschland ist in einer tiefen Identitätskrise. Nicht weil es zu viele Fremde hat – sondern weil es zu wenig Selbstverständnis besitzt. Und vielleicht ist das die eigentliche Tragödie: Dass ein Land, das so viel durchlitten, aufgebaut, geleistet hat, sich heute selbst nicht mehr erklären kann. Nicht seinen Bürgern. Nicht seinen Gästen. Nicht einmal seinen Kindern.
Vielleicht ist die Frage nicht: „Wie viele kommen noch?“ Sondern: „Wer wollen wir sein, wenn sie bleiben?“
Ayten Eral schreibt über gesellschaftliche Dynamiken, Brüche und Begegnungen – immer mit dem Blick dafür, wie Menschen denken, fühlen und handeln.
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