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Prophetisches Wissen: Warum Fritz Lang bis heute fasziniert

Die Filme des Regisseurs von „Metropolis“, „M“ und „Die Nibelungen“ gelten als Meilensteine der Filmgeschichte und bleiben erstaunlich aktuell.

Jürgen Große
Jürgen Große
9 Min
Fritz Lang im Jahr 1969 auf dem Flughafen Schiphol, Amsterdam

Fritz Lang im Jahr 1969 auf dem Flughafen Schiphol, Amsterdam

© piemags/Imago

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Mitte der 80er-Jahre in Berlin-Mitte, im noch unsanierten Kino Babylon. Gezeigt werden die zwei Teile von Fritz Langs „Die Nibelungen“. Der unterkühlte Saal und die rauchige Luft sorgen für die passende Atmosphäre. Zunächst lässt der Vorführer aber das Publikum wissen, dass Teil 2 das hunnische Steppenvolk in einer Weise zeichne, die korrekturbedürftig sei.

Mitte der 2020er-Jahre, abermals in Berlin-Mitte, abermals „Die Nibelungen“. Der Länge des Filmepos angemessen, zeigt das Zeughauskino es an zwei Tagen. Auch hier das kritische Vorwort zu „Kriemhilds Rache“, auch hier die Mahnung, die Szenen an Etzels Hunnenhof ideologisch wachsam zu sehen.

Wer war der Regisseur, dessen Werk solche Warnschilder umstellten?

Geprägt von der Literatur der Wiener Moderne

Im amerikanischen Exil galt Fritz Lang als pedantisch-perfektionistisch, als „ein Preuße bis in die Fingerspitzen“ – so sein Produzent Walter Wanger. Doch nach Herkunft und Lebensart war Friedrich „Fritz“ Christian Anton Lang ein echter Wiener.

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1890 wurde er als Sohn des Stadtbaumeisters geboren. Von der Mutter aus jüdischem Bürgertum bestärkt, sog der Knabe die Literatur der Wiener Moderne in sich auf, früh aber auch Kriminal- und Kolportageromane. Fritz wollte Kunstmaler werden, gegen den Willen des Vaters. In München, wo er die Kunstgewerbeschule besuchte, faszinierten ihn die Gemälde Arnold Böcklins, deren Stimmung und Motive in seine ersten Filme mit Thea von Harbou eingingen. Die spätere Lebensgefährtin schrieb mit ihm mehrere Drehbücher. Sie sollte einer der ganz wenigen Menschen werden, die Lang als künstlerisch ebenbürtig ansah.

Im Ersten Weltkrieg verlor Lang seine volle Sehkraft durch einen Schrapnellsplitter, das Monokel wurde sein Markenzeichen. Noch während des Krieges gewann ihn der Produzent Erich Pommer für seine Produktionsfirma als Dramaturgen. Pommer erkannte hinter Langs leicht arroganter Maske den Enthusiasten mit außergewöhnlicher Bildschöpferkraft. In den 1920er-Jahren, seinem Berliner Jahrzehnt, begann Lang mit Ernst Lubitsch und Friedrich Murnau zu konkurrieren.

Für Lang war früh klar, dass die industriell-technische Moderne auch die ästhetische Imagination revolutionieren musste und dass im Zeitalter kommender Raumfahrt („Die Frau im Mond“, 1929) fliegende Teppiche endgültig Vergangenheit waren. Er stellte sich diesem Wandel praktisch wie konzeptionell, ohne Zynismus gegenüber den Massenbedürfnissen. „Der müde Tod. Ein deutsches Volkslied in sechs Versen“ (1921) ist typisch für Langs pessimistisches Menschenbild. Das Drama zeigt eine Reise des Todes durch die Epochen; die Kostüme wechseln, die vom Sterben erlösende Liebe fehlt überall.

Meilenstein der Filmgeschichte: „Metropolis“, 1927

Meilenstein der Filmgeschichte: „Metropolis“, 1927

© Courtesy Everett Collection via www.imago-images.de

Maßstäbe für die Filmkunst gesetzt

„Die Nibelungen“ (1924) mit ihren Spezialeffekten wie einem Flammenmeer um Brunhildes Burg oder dem feuerspeienden Drachen setzten Maßstäbe für die Filmkunst. Lang sagte über den Nibelungenstoff, dass er ihn vom Schema der Kostümfilme habe lösen und dennoch den Prunk der Ausstattung, die Rasanz des Sensationsfilms habe bewahren wollen. Das ist ihm gelungen. Der gigantische Erfolg bestärkte Lang in der Auffassung, dass im Film eine Intensität möglich sei, die keine Theateraufführung erreicht.

Für Lang waren „Die Nibelungen“ weniger ein National- als ein Schicksalsdrama. In ihm treffen unvereinbare kulturelle Idiome aufeinander: Die Naturkinder Brunhilde und Siegfried müssen an der ritualisierten höfischen Welt Burgunds genauso zerbrechen wie später die starre Treueordnung der Nibelungen an der nur oberflächlich chaotischen Hunnenwelt.

„Die Nibelungen“ begründeten zusammen mit dem „Mabuse“-Zyklus (ab 1922), „Metropolis“ (1927) und „M“ (1931) Langs Weltruhm. Nach Erzählzeit, -ort und -sujet ganz verschieden, sind sie allesamt Ausdruck seiner Besessenheit vom Unbeherrschbaren der menschlichen Existenz, von der Zermalmung des Individuums durch die Mächte von Schicksal oder Zufall.

Besonders der heroische Pessimismus der „Nibelungen“, oft verstanden als filmische Antwort auf Deutschlands Weltkriegsniederlage 1918, traf auf Massenzuspruch. Er erweckte auch das Interesse der aufstrebenden NS-Bewegung. Doch Langs Werk taugt kaum zu politischer Instrumentalisierung. Das Schwarz und das Weiß der Figuren wie der Gewänder Brunhilds und Kriemhilds zeigen die zwei Seiten einer Wirklichkeit.

Für Lang lag Wahrheit in Ganzheit. Stark an moralischen Themen interessiert, ist bei ihm das Moralische selbst ein schillerndes Phänomen, so wie die doppelte Maria – Verderberin und Erlöserin, gespielt von einer Schauspielerin – in „Metropolis“. Langs Vision einer Stadt als Moloch, worin sich Versprechungen und Verzweiflung der Moderne unentwirrbar mischen, zeigt sein „fast prophetisches Wissen um die chaotische Angst unserer Epoche“, meint Kurt Pinthus, ein befreundeter Filmpublizist.

Filmposter „The Girl in the Moon“, 1929

Filmposter „The Girl in the Moon“, 1929

© Courtesy Everett Collection via www.imago-images.de

Vom Moraldrama zum Psychogramm und zurück

Angst findet Lang namentlich im Wissen des Menschen um seinen triebhaften Untergrund wie in „M“, seinem ersten Tonfilm. Er schildert die Obsessionen, aber auch die Ängste eines Kindermörders oft aus dessen Perspektive, wechselt virtuos zwischen Moraldrama und Psychogramm.

Langs unbestechlicher, auch kalter Blick irritierte und faszinierte gleichermaßen. „M“ wurde 1934 wie ein Jahr zuvor bereits „Das Testament des Dr. Mabuse“ von Goebbels verboten. Dem Propagandaminister schien dieser Streifen wie ein „Lehrbuch zur Vorbereitung und Begehung terroristischer Akte“. Doch hatte Lang viel mehr gewollt. Mabuses „Herrschaft des Verbrechens“ proklamiert eine Destruktivität als Selbstzweck, die alle technischen und insbesondere die Zerstörungsmittel der Moderne in ihren Dienst nimmt.

Bei höchster Einsicht in soziale Abgründe und die kriminellen Seiten der Politik empfand sich der Regisseur bis in die späten 1920er-Jahre als unpolitisch im Parteisinne. Doch war Lang eine zu charismatische und auch ambitionierte Figur, als dass ihm Deutschlands neue Herren keine Avancen hätten machen sollen. Der Reichspropagandaminister suchte den Regisseur einzuschüchtern und umwarb ihn zugleich. Er trug Lang im April 1933 die Führung des deutschen Films an.

„Nass am ganzen Körper vor Angst“ sei er in Goebbels’ Amtszimmer gewesen, erinnerte sich Lang 1968. Wie das Gespräch wirklich verlaufen war? Jedenfalls emigrierte Lang als einer der letzten deutschen Regiestars. Eine nicht nur künstlerische Entscheidung, denn schon nach NS-Rassegesetzen wäre er gefährdet gewesen.

Das Emigrantenschiff, mit dem der Regisseur 1934 in New York eintraf, war auch von angereisten Lang-Fans mit Beifall empfangen worden. Der Regisseur konnte in Hollywood rasch Fuß fassen. Langs anfängliche Bewunderung für die USA galt einer rechtsstaatlichen Demokratie, doch blieb er illusionslos hinsichtlich moralbigotter Tendenzen. „Fury“ (1936), sein frühes Werk über die Lynchjustiz, wurde sein berühmtester US-Film. Er zeigt die Abgründe inmitten der Normalität, die fragile Trennlinie zwischen Rechtsverlangen und Rachsucht. Den ebenfalls emigrierten Geschwistern Klaus und Erika Mann gefiel dieses präzise Kleinstadtporträt besser als Langs Monumentalwerk der 1920er-Jahre.

15-Stunden-Tage waren nicht selten

Im amerikanischen Exil pflegte Lang sehr unterschiedliche Freundschaften. In ein engeres Verhältnis trat er zu Theodor W. Adorno. Der Philosoph akzeptierte Langs exzentrischen Humor, der sich etwa in seiner jahrzehntelangen Wohngemeinschaft mit einem Stoffaffen namens Peter niederschlug. Dieser ist auf manchen Fotos in Hausjacke und mit Lesebrille zu sehen; er wurde von Lang auch liebevoll zu Bett gebracht.

Derlei Grillen und ein charmanter Humor eigneten dem privaten Lang. Am Set ging es zu wie in einem Arbeitshaus. Bereits in Deutschland waren 15-Stunden-Tage nicht selten gewesen. In Hollywood arbeitete Lang mit den großen Stars dieser Ära. Doch sein Kino war kein Starkino. Lang plante vom Ganzen zum Detail. Er begann seine Arbeit stets mit dem Drehbuchautor, dann besprach er Bühnenbild und Ausstattung mit dem Architekten, aus dem Blickwinkel der Kamera und zuletzt mit den Schauspielern. Die harte Kostenkonkurrenz der Studios erlaubte kaum Wiederholungen und Improvisation.

Langs filmische Kriegsbeiträge „Man Hunt“ (1941), „Hangmen Also Die!“ (1943) oder „Ministry of Fear“ (1944) bewahrten ihn nicht vor Verhören durch das Komitee für unamerikanische Umtriebe. Seine Mitarbeit in Hilfsorganisationen wie der Anti-Nazi League wurde Lang nun zum Verhängnis. Der Regisseur hatte emigrierte Autoren wie Otto Katz, Egon Erwin Kisch oder Bertolt Brecht unterstützt.

Hollywoods Aufbruch in den Kalten Krieg stürzte Lang in einen inneren Konflikt. Anders als Brecht – für Lang „das einzige Genie“ unter den Emigranten – hatte der Regisseur aufrichtig Amerikaner werden wollen. Seit einem Besuch 1924 kannte er die Filmwirtschaft der USA. Lang glückte die Anpassung. Die Freundschaft mit Brecht sollte wohl auch deshalb scheitern. Doch wie so viele Emigranten litt Lang an einer unglücklichen Liebe zu Deutschland (und Berlin). Seiner Biografin schrieb er 1968: „Es gibt Dinge, die zu uns gehören und die man nicht aus seinem Herzen reißen kann. Und wenn Du Dir das ‚Nibelungen-Lied‘ einmal vornimmst, so ist es ja kein Heldenlied des Deutschen Volkes; dazu haben es erst die Rechts-Idioten vor und unter Hitler gemacht …“

Nur der Filmklub Meißen gratulierte zum 75.

Mitte der 50er-Jahre fühlte sich Lang durch den für Amerika typischen Genrefilm unterfordert. In Europa als Filmpatriarch hochgeehrt, arbeitete er nun für den Produzenten Artur Brauner. „Der Tiger von Eschnapur“ und „Das indische Grabmal“ (beide 1959) waren kommerzielle Erfolge, fielen jedoch bei der Kritik durch. Die einzigen Glückwünsche zum 75. Geburtstag kamen vom Filmklub Meißen.

In der BRD konnte Lang für seine Projekte keine Gelder mehr gewinnen. Stets ein wacher Sozialbeobachter, hatte ihn das Phänomen der halbstarken „Teddy-Boys“ mit ihrer Langeweile am Nachkriegswohlstand beschäftigt. Doch die deutsche Version von „Rebel Without a Cause“ wurde nie realisiert.

Am 2. August 1976, einem wolkenlosen Sommertag, starb der Regisseur in Beverly Hills. Ein amerikanischer Freund sorgte dafür, dass Peter zusammen mit Fritz bestattet wurde.

Jürgen Große ist Historiker. Zuletzt erschien „Im Deutschland der anderen. Miniaturen aus der dritten Republik“ (2026).

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