Am Morgen des 2. August 2001 stand der Gerichtsvollzieher vor der Tür des Hauses in der Ahrweiler Straße 25 in Schmargendorf. Er hatte einen Räumungsbefehl. Die Mieter der Fünf-Zimmer-Wohnung im Parterre waren seit Monaten mit der Miete im Rückstand. 30 000 Mark Schulden hatten sich aufgetürmt. Der Gerichtsvollzieher traf aber niemanden an. Kurz zuvor hatten Gerichtsmediziner die Leiche des 40-jährigen Manfred M. abtransportiert. Er starb an einer Überdosis Tabletten. Die drei Töchter, acht, zwölf und 14 Jahre alt, lagen mit Vergiftungen im Krankenhaus. Die Ärzte konnten ihr Leben retten. Mutter Michaela M. hatte ihnen und ihrem Mann am Abend zuvor Schlaftabletten in den Apfelsaft getan und, als sie einschliefen, versucht, ihnen die Pulsadern aufzuschneiden. Am Morgen war Manuela M. dann in Panik zu ihrem Bruder gefahren und hatte ihm alles berichtet. Der Bruder rief die Feuerwehr. Manuela M. wurde eine Stunde, bevor der Gerichtsvollzieher kam, von der Polizei festgenommen. Seit gestern wird ihr wegen Totschlags und versuchten Totschlags vor dem Landgericht der Prozess gemacht. Eine schmale Frau mit rot verweintem Gesicht sitzt auf der Anklagebank. Sie ist 39 Jahre alt, von Beruf Friseurin. Ihr gegenüber haben die Nebenkläger Platz genommen. Ein Bruder und eine Schwester ihres toten Ehemannes. Sie sieht nicht einmal zu ihnen hinüber, sie sieht nur die Richterin an. Die verliest zu Prozessbeginn einen Brief, den ihr Manuela M. am 2. Januar aus der Untersuchungshaft schrieb. "Ich bitte Sie, meine Kinder zu schützen", steht darin. Manuela M. fürchtet, dass ihre Kinder erneut "einen totalen Zusammenbruch ihrer Gefühlswelt erleiden", wenn "meine Tat wieder im Mittelpunkt der Öffentlichkeit steht." Deshalb soll die Öffentlichkeit bis zum Urteil ausgeschlossen werden. Das Gericht gewährt dies. Der Staatsanwalt spricht von einer "hoffnungslosen und verzweifelten Familiensituation". Manuela M. sei komplett überfordert gewesen, sagt ihr Verteidiger Mirko Röder. Und der Anwalt der Nebenkläger sagt, sie habe bis zum letzten Tag ein Gebäude aus Lügen aufgebaut und jede Hilfe abgelehnt. AngstträumeBei den Behörden galt die Familie als nicht auffällig. Manfred M. arbeitete als Hausmeister, Manuela M. war Hausfrau. Sie hatten mit Kindergeld und Zuschüssen vom Sozialamt ein monatliches Einkommen von 3 700 Mark netto. Ein geringes Budget für eine fünfköpfige Familie, von dem Manuela M. noch ihren Töchtern Reitunterricht bezahlte. Ihr Ehemann soll Spielschulden gehabt haben, sagt ihr Verteidiger. Als die Zwangsräumung immer näher rückte, suchte sie keine Hilfe. Mitarbeiter des Jugendamtes wurden mit den Worten weggeschickt, man schaffe das alleine. Die drei Mädchen sind jetzt im Heim. Sie seien verschlossen, litten unter Angstträumen, die Älteste habe Selbstmordabsichten geäußert, schrieb Manuela M. der Richterin. Sie hat noch das Sorgerecht. Der Gutachter hält sie für vermindert schuldfähig. Das Gericht wird prüfen, ob sie in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wird. Der Prozess ist bis Februar anberaumt."Sie sah keinen anderen Ausweg aus einer verzweifelten Familiensituation. " Staatsanwalt
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