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Ich bin ein 1957 in der DDR geborener Psychologe und Psychoanalytiker, wurde 2013 mit einer Arbeit zur Psychoanalyse im Nationalsozialismus promoviert. Seit über 50 Jahren beschäftigt mich das Wechselspiel zwischen Individuum und Gesellschaft. Seit 2025 befasse ich mich genauer mit psychosozialen Voraussetzungen für Friedfertigkeit und „Kriegstüchtigkeit“. Wollen Menschen keinen Frieden? Drängen unsere Anlagen nach mörderischer Gewalt? Mitnichten.
Der Blick in Geschichte, Archäologie, Anthropologie und Psychologie lässt ein ganz anderes Bild entstehen. Von den sechs Millionen Jahren, die meist für die Menschwerdung veranschlagt werden, gibt es für 5.988 Millionen Jahre, also für 99,98 Prozent davon, keinerlei Indizien für Krieg. Weit verbreitete Aussagen wie „Der Krieg kam mit dem ersten Menschen auf die Welt“ – verkündet von Ex-US-Präsident Barack Obama –, entbehren jeder seriösen Grundlage. Die Frage, ob „Kriegstüchtigkeit“ zur menschlichen Natur gehört, lässt sich wissenschaftlich untersuchen – und mit einem klaren Nein beantworten.
Menschen kommen nachweislich „gut“ auf die Welt: als sensible, kontaktfreudige, mitfühlende, liebevolle, liebenswerte, neugierige, wissbegierige, kreative, prosoziale Wesen. Das Hinnehmen steigender Kriegsgefahr, erst recht Kriegstreiberei sind daher erklärungsbedürftig. „Kriegstüchtig“ müssen wir erst „gemacht“ werden.
Über das Sehen und Nicht-Sehen: eine Replik auf die Kritik an Christopher Clark
Die „Radfahrer-Persönlichkeit“ als Konsequenz
Das geschieht nicht zuletzt durch gefühlsunterdrückende, uns von uns selbst entfremdende, unberechtigte Selbstzweifel und berechtigte Wut erzeugende „Sozialisation“, vollzogen oder flankiert üblicherweise durch Eltern, Erzieher, Lehrer, Chefs und politische Führer. Was dabei herauskommt, ist – beim einen mehr, beim anderen weniger – der autoritäre Charakter, auch genannt „Radfahrer-Persönlichkeit“: nach oben buckeln, nach unten treten. Die nie angemessen ausgedrückte, dadurch destruktiv gewordene Kinderwut wird kanalisiert in Dominanzstrebigkeit und Verachtung angeblich Minderwertiger.
All das vorausgesetzt, will ich mich aus tiefenpsychologischer Sicht Antworten auf drei Fragen nähern. Mangels aktueller sozialwissenschaftlicher Forschungen fallen diese Antworten recht allgemein und spekulativ aus, sind deshalb nur Denkanstöße.
Erstens: Was bringt Politiker dazu, wachsende Kriegs-, sogar Atomkriegsgefahr herbeizuführen?
Vermutlich nicht zuletzt eben jene, aus frühen Lebensphasen stammende, inzwischen verdrängte Zerstörungswut, gekoppelt mit offenbar durch Macht, Bekanntheit, Besitz und elitäre Arroganz kompensierten Selbstwertproblemen. Die autoritäre Störung lässt sich hier durch Nach-unten-Treten ausleben, hasserfüllt-verächtliche Feindbilder wie das von den „russischen Barbaren“ bieten Alibis und Ventile für das Ausagieren von Wut sowie Chancen künstlicher Selbsterhöhung. Korruption, Bestechung, Erpressung, Angst vor Macht-, Geld- und Gesichtsverlust, vor Bestrafung für schuldhaftes Handeln können im Einzelfall zusätzlich begünstigen, auf Katastrophenkurs zu verharren.
Bei konsistent Kriegshysterie Anheizenden muss wohl auch jene seelische Störung in Betracht gezogen werden, die Erich Fromm als Lebensfeindlichkeit oder „Nekrophilie“ diagnostizierte: süchtiges Angezogensein von allem Toten, Mechanischen, Zerstückelten. In seiner „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ warnte Fromm, „dass schwer nekrophile Personen sehr gefährlich sind. Es sind die Hasser, die Rassisten, die Befürworter von Krieg, Blutvergießen und Destruktion. Sie sind nicht nur dann gefährlich, wenn sie politische Führer sind, sondern auch als die potentiellen Kohorten eines diktatorischen Führers. Aus ihnen rekrutieren sich die Henker, die Terroristen und Folterer; ohne sie könnte kein Terrorsystem errichtet werden.“
Psychisch gesunde Menschen würden sich nie dafür hergeben, Kriege anzuzetteln. Aber sie würden auch nicht passiv hinnehmen, dass andere sie auf die Schlachtbank schicken.
Joseph Goebbels hält vom Balkon des Ministeriums für Volksaufklärung und Propaganda eine Rede.
© GRANGER Historical Picture Archive/imago
Zweitens: Was hindert die große Masse der Menschen daran, sich gegen diese existenziellen Bedrohungen zu wehren?
Zunächst auch wieder die autoritäre Störung, die sich hier vor allem zeigt im Nach-oben-Buckeln. Die anerzogene Furcht vor einer Konfrontation mit elterlichen Autoritäten wird auf – ja tatsächlich immer bedrohlichere – staatliche Autoritäten übertragen. Diese Kopplung berechtigter aktueller Befürchtungen mit ins Unbewusste verdrängten Kindheitsängsten kann es schier unmöglich erscheinen lassen, gegen Staatsdiener aufzubegehren oder auch nur deren inkompetentes, verantwortungsloses bis destruktives Handeln klar zu erkennen. Es geht also weder um Desinteresse noch um Dummheit, sondern um angstbesetzte Abwehr von Realitätseinsicht. Wäre diese Basis nicht vorhanden, würde auch jedes noch so clevere „Framing“ manipulativer Medien ins Leere gehen.
Das ist kein neuartiger Zusammenhang. 1933 konstatierte Wilhelm Reich in der „Massenpsychologie des Faschismus“: „Die Grundfrage ist: Warum lassen sich die Massen politisch beschwindeln? Sie hatten alle Möglichkeiten, die Propaganda der verschiedenen Parteien zu kontrollieren. Warum entdeckten sie nicht etwa, dass Hitler den Arbeitern Enteignung des Besitzes an Produktionsmitteln und den Kapitalisten Schutz vor Streiks gleichzeitig versprach?“
Selbst diejenigen, die gelernt haben, die heutige Propaganda zu durchschauen, dichten Medien oft märchenhafte Wirkmacht an. Wer dieser Sichtweise folgt, erspart sich, die eigene Lebensgeschichte daraufhin zu durchleuchten, wie Blockaden realitätsgerechter Wahrnehmung überhaupt erst hergestellt wurden.
Drittens: Wodurch schafft es trotz alledem eine gar nicht so kleine Minderheit, Widerstand zu leisten?
Ich meine, dass niemand den üblichen „Sozialisations“-Prozess absolviert oder absolviert hat, weder in BRD noch DDR, ohne die benannten seelischen Schäden davonzutragen.
Aber ich gehe – wie Wilhelm Reich und Erich Fromm – davon aus, dass wir mit einer Art inneren Kompass auf die Welt kommen. Wir spüren, was wir brauchen und was uns schadet. Durch die übliche „Sozialisation“ wird dieser „gute Kern“ zwar verschüttet, doch er ist nicht totzukriegen, strebt danach, wieder zum Vorschein zu kommen, kann lebenslang freigelegt werden. Am effektivsten geschieht das durch eine tiefgründige Psychotherapie. Allerdings: Nur relativ wenig Menschen nutzen eine solche Therapie.
Wie kommt es dann, dass es in diesem Land erstmals in deutscher Geschichte eine so große Zahl gibt – mindestens 20 Prozent der Bevölkerung –, die nicht alles mit sich machen lassen, die sich zum Beispiel trotz teils massiver Nachteile dem „Corona“-Impfdruck verweigert haben, oder die sich jetzt – obwohl sie penetrant verunglimpft werden – der Militarisierung und antirussischen Kriegshetze entgegenstellen? Wie schaffen es manche von ihnen, ungeachtet der Strafandrohungen und Verfolgungen ihre Haltung weiter mutig öffentlich zu machen, notfalls dafür auch ins Gefängnis zu gehen?
Natürlich kann Widerstand ebenfalls neurotisch motiviert sein: Man agiert zum Beispiel am Staat aus, was gegenüber den eigenen Eltern nie gelungen ist. Oder man ist ohnehin dauerhaft in dem bockig-trotzigen Modus, alles abzulehnen und zu bekämpfen. Die plausibelste Erklärung scheint mir jedoch eine andere zu sein.
Ich vermute, dass zumindest der größere Teil der Widerständigen eine – im Vergleich zu anderen – weniger durch Entfremdung, Anpassung und Unterdrückung gekennzeichnete Kindheit hatte, vielleicht wichtige Bezugspersonen erlebte, die Bestehendes konstruktiv infrage stellten, dass sie vielleicht Werte verinnerlichen konnten, die ihrer friedlichen Natur Halt und Nahrung gaben. Je günstiger in diesem Sinne Kindheit und Jugend verliefen, desto weniger verschüttet wurde der „gute Kern“.
Ich nehme also an, dass es für dieses widerständige Verhalten in erster Linie Gründe gibt, die in der jeweiligen Lebensgeschichte, in der Familie und im sozialen Umfeld liegen, in dem die Widerständigen aufwuchsen.
Die Öffentlich-Rechtlichen, die Politiker und die Beeinflussung der „Menschen“
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Willy Brandt war die Ausnahme
Soziales Umfeld ist auch die Gesellschaft, der Staat. In der DDR aufgewachsen zu sein, dürfte mindestens drei Vorteile mit sich bringen beim Analysieren gegenwärtiger Verhältnisse – als notwendige Voraussetzung von Widerstand. Zum einen haben ehemalige DDR-Bürger erfahren, dass sich eine Gesellschaft auch ganz anders gestalten lässt als die heutige. Und zwar meiner Meinung nach auch in vielem besser gestalten lässt. Nicht nur in Bezug auf soziale Sicherheit.
Wer bedeutende Friedensinitiativen des BRD-Staates sucht, findet kaum mehr als das, was Willy Brandt in den gerade einmal fünf Jahren seiner Regierung geleistet hat – und wofür er im eigenen Land heftig attackiert wurde. Weitaus typischer für die BRD-Politik war es, sich bei den weltweiten massenmörderischen Aktivitäten der USA an deren Seite zu stellen. Die DDR hingegen konnte an ihrem Ende auf über 40 Jahre staatlich verankerte Friedenspolitik zurückblicken. Auch in dieser Hinsicht geht es also nachweislich anders. Viele gelernte Ossis wissen das.
Zum Zweiten haben DDR-Bürger um 1989/90 herum hautnah erlebt, wie vermeintlich in Stein gemeißelte Systeme in frappierender Schnelligkeit kollabierten. Diese Erfahrung erleichtert, das gegenwärtige System ebenfalls als vergänglich wahrzunehmen.
Dabei dürfte manchem – und das ist der dritte Faktor – jene politische Bildung helfen, der in der DDR kaum völlig auszuweichen war. Auch wenn diverse „Rotlicht-Bestrahlungen“ oftmals nervtötend langweilig waren, auch wenn beileibe nicht alles zutraf, was Karl Marx hinterlassen hatte: Vieles, was uns über das Funktionieren von Kapitalismus mitgeteilt wurde, erweist sich spätestens jetzt als nur allzu wahr. Wir haben also gute Chancen, uns einen Reim darauf zu machen.
Andreas Peglau, geboren 1957 in Berlin/ Hauptstadt der DDR, ist Diplom-Psychologe, psychoanalytischer Psychotherapeut, war in der DDR u.a. Studentenklubleiter und Redakteur bei Jugendradio DT 64. Er forscht und publiziert zu psychosozialen Themen, gab 2020 den Originaltext von Wilhelm Reichs „Massenpsychologie des Faschismus“ heraus, lebt in Vorpommern.
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