Ukraine-Krieg

Putins Rache: „Ihr wolltet unsere Wirtschaft zerstören – jetzt brennt eure“

Nach ukrainischen Angriffen auf Russlands Handel droht Putin mit Vergeltung. Supermärkte in Kiew leeren sich bereits, es zeichnet sich ein Winter ohne Strom und Nachschub ab.

Ben Aris
Ben Aris
7 Min
Moskau hat auf die ukrainischen Attacken auf den russischen Einzelhandel mit einem „Lagerhauskrieg“ geantwortet.

Moskau hat auf die ukrainischen Attacken auf den russischen Einzelhandel mit einem „Lagerhauskrieg“ geantwortet.

© IMAGO/Gavriil Grigorov/Russian Governm

Die Ukraine habe mit ihren Angriffen auf Russlands Einzelhandelssektor eine Büchse der Pandora geöffnet und müsse nun mit derselben, aber noch härteren Behandlung rechnen, sagte Russlands Präsident Wladimir Putin in einem jüngsten Interview.

„Das Kiewer Regime hat es darauf angelegt, unserer Wirtschaft zu schaden. Was hat es getan? Es hat diese Büchse der Pandora selbst geöffnet. Nun gut, dann erwartet eine Antwort, die auf eure empfindlichsten Wirtschaftssektoren zielt“, sagte Putin am Wochenende gegenüber dem russischen Staatsfernsehen.

Ukraine: Kein Kriegsende in Sicht

Putin sprach am Ende eines Sommers, in dem die Ukraine ihre Drohnenangriffe auf russische Ölraffinerien verschärft hatte, was eine Treibstoffkrise auslöste, die zuletzt in eine zweite Welle von Engpässen mündete. Ende Juli startete Kiew zudem die „Operation Wildberries“ gegen Russlands größten Online-Händler und zerstörte die Hälfte seines Lagernetzes, das rund zehn Prozent des russischen Einzelhandelsumsatzes ausmacht. Am 21. August wurde Ozon, Russlands zweitgrößter Händler, auf die Zielliste gesetzt, als sein erstes Lager in Samara getroffen wurde – tags darauf folgte ein Angriff auf ein weiteres Lager in Orenburg.

Der Kreml hat in den Folgetagen mit Härte zurückgeschlagen. In einem sich entwickelnden „Lagerhauskrieg“ werden nicht nur Lagerhallen und Einkaufszentren zerstört, sondern es wird systematisch versucht, die Einzelhandelsinfrastruktur der Ukraine zu vernichten. Nach nur zwei Wochen leeren sich Berichten zufolge bereits die Supermarktregale in Kiew, da Geschäfte keine Ware mehr bekommen oder sie nicht mehr rechtzeitig in die Läden transportieren können. Gleichzeitig haben beide Kriegsparteien die Getreideexporte über das Schwarze Meer ins Visier genommen und praktisch zum Erliegen gebracht – ausgerechnet zu Beginn der Erntesaison.

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Es ist ein einseitiger Kampf. Russland verfügt über ein umfangreiches Raketenarsenal und eine deutliche Feuerkraftüberlegenheit. Der Ukraine fehlt es an Raketen, und ihr Vorrat an Abfangraketen – dem einzigen Mittel gegen Russlands verheerende ballistische Raketen – ist erschöpft. Die Folge, so Putin im Interview, seien für die Ukraine weitaus höhere Kosten als die, die Russland nach eigenem Eingeständnis trägt.

Putin äußerte sich unverblümt über das Ausmaß der Vergeltung der russischen Streitkräfte, in einer ausführlicheren, auf Russisch verbreiteten Fassung seiner Aussagen: „Ihr wolltet unsere Wirtschaft lähmen – jetzt brennen Fabriken und Lagerhallen von Lwiw bis Saporischschja. Ihr habt unsere Logistik gestört – das Schwarze Meer ist gesperrt, Eisenbahnknotenpunkte und -strecken werden systematisch zerstört.“

Putin erinnerte daran, dass der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj Russland 40 Tage Zeit gegeben habe, einen Waffenstillstand zu verkünden, andernfalls müsse es „mit den Konsequenzen rechnen“ – doch nichts sei geschehen. „Natürlich hat sich an der Konfrontation mit Russland keine Wende ergeben, und es wird auch keine geben“, so Putin.

Das Getreide-Angebot

Beim Thema Nahrungsmittel machte Putin ebenso sehr ein Verkaufsangebot wie eine Drohung. Russland und die Ukraine zusammen stehen für ein Drittel der weltweit handelbaren Getreideexporte. Die Ausfuhren aus beiden Ländern kamen in den vergangenen Wochen praktisch zum Stillstand, was sich bereits auf die Getreide-Terminpreise auswirkt. Während die Ukraine durch den Beschuss von Odessa faktisch von der Küste abgeschnitten wurde, verfügt Russland laut Putin über alternative Exportwege – per Bahn sowie über Häfen im Baltikum und im Fernen Osten.

Getreide ist die wichtigste Devisenquelle für den ukrainischen Staatshaushalt, und dem Land sind durch die Exportausfälle bereits schätzungsweise 2 Milliarden US-Dollar entgangen – zu einer Zeit, in der das Finanzministerium bereits ein Haushaltsloch von 20 Milliarden US-Dollar für dieses Jahr ausweist. Die ukrainischen Getreideexporte sind seit der Schließung des Exportkorridors Ende Juli um 70 Prozent eingebrochen. Allein die Angriffe auf den Hafen von Odessa könnten die Ukraine laut Expertenschätzungen bis 2027 5,3 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts kosten. Ein neuer globaler Schock bei den Lebensmittelpreisen zeichnet sich bereits ab.

Immer häufiger, wie hier auf dem Bild, brennen in Russland Lagerhäuser von Online-Händlern.

Immer häufiger, wie hier auf dem Bild, brennen in Russland Lagerhäuser von Online-Händlern.

© Alexander Shcherbak/imago

Putin wies Vorwürfe zurück, wonach Russlands Angriffe weltweite Engpässe verursachen würden, da Russland einspringen könne, um die Lücke zu schließen. Er bezifferte die russischen Exportmengen in diesem Jahr auf 60 Millionen Tonnen und bot an, ein etwaiges ukrainisches Defizit mit russischem Getreide auszugleichen.

„Wir haben zwar Herausforderungen beim Versand unserer Waren, aber wir werden diese Probleme lösen. Folglich wird es auf dem Weltmarkt keinen Mangel geben“, sagte der russische Präsident. In der russischen Fassung wurde er noch deutlicher: Ukrainische Vertreter würden „auf dem UN-Podium herumlaufen und die Welt mit einer Hungersnot erschrecken“, während man selbst „bereit sei zu teilen, falls es jemandem an ukrainischem Getreide mangelt“.

Allerdings ist Russlands eigene Exportkapazität durch ukrainische Angriffe erheblich eingeschränkt. Alle drei Getreideterminals in Noworossijsk stellten Mitte August nach ukrainischen Angriffen den Verladebetrieb ein, das Asowsche Meer ist für die Schifffahrt gesperrt, und mehr als 90 Prozent der Exportkapazitäten am Asowschen und Schwarzen Meer liegen brach. In den ersten 20 Augusttagen verschiffte Russland rund 1,4 Millionen Tonnen Getreide – zweieinhalbmal weniger als im Vorjahreszeitraum – und steuert damit auf den schwächsten August seit einem Jahrzehnt zu. Die 60 Millionen Tonnen sind vorhanden; die Verladekapazitäten dafür fehlen.

Was das für Kiew bedeutet

Der Angriff auf den ukrainischen Einzelhandel wirkt sich zunehmend auch auf die Bevölkerung aus. Der Wohnimmobilienmarkt in Kiew ist laut Berichten aus der Hauptstadt in dieser Woche praktisch zum Erliegen gekommen, da Käufer durch das Beschussrisiko und den Zustand des Stromnetzes abgeschreckt werden. Russische Raketen haben in den vergangenen drei Jahren rund drei Viertel der ukrainischen Stromerzeugungskapazität zerstört, und für die verbliebenen 12 Gigawatt wird in diesem Winter allgemein ein brutaler Beschuss erwartet, mit dem Putin die Ukraine ein zweites Mal in die Knie zwingen will.

Die Menschen in Kiew treffen bereits Vorbereitungen für den kommenden Angriff. Die Nachfrage verschiebt sich hin zu Häusern mit Generatoren, Solarpaneelen und Holzöfen, während Wohnungen in der Nähe potenzieller Angriffsziele – Lagerhallen, Industriegebiete und Tankstellen – kaum noch zu verkaufen sind. Die Mieten für Tiefgaragenstellplätze, die zunehmend als Schutzräume genutzt werden, sind Berichten zufolge binnen eines Jahres um rund 20 Prozent gestiegen.

Die Stadt am Dnjepr stellt sich bereits auf einen Winter ohne Strom ein – eine Rückkehr zur Blackout-Kampagne, die Russland in der vergangenen kalten Jahreszeit fuhr, diesmal zusätzlich mit einer zerstörten Einzelhandels- und Lebensmittelversorgungskette.

In einem seltenen selbstkritischen Moment räumte Putin die Schäden ein, die die Ukraine Russland zufügt, während der Konflikt sich von einem Abnutzungskrieg zu einem totalen Krieg wandelt. „Wir haben Angriffe, und wir haben Schäden, und jedes Todesopfer ist nicht nur eine Zeile in einem Bericht“, sagte er. „Es ist eine Tragödie für eine konkrete Familie. Und es ist unsere gemeinsame Trauer.“ Putin stellte dieses Eingeständnis eher als Aufgabenliste dar – Luftverteidigung, zivil-militärische Koordination, Wiederaufbau – denn als Ausdruck von Selbstgefälligkeit, und Moskau hat Staatsgelder für den Wiederaufbau der zerstörten Marktinfrastruktur bereitgestellt.

Zu den Friedensgesprächen wiederholte Putin, Russland sei dazu bereit, „aber nur auf Grundlage der sich vor Ort abzeichnenden Realitäten“, und wies über Vermittler übermittelte Vorschläge als „exotisch“ zurück. Dies ist Russlands Standardposition, die Analysten so deuten, dass Putin nur „Friedensgespräche“ in Betracht ziehen werde, bei denen Kiew jeden Anspruch auf die Krim oder den Donbass aufgibt – auf Grundlage des gescheiterten Istanbuler Friedensabkommens von 2022.

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen einer Kooperation zwischen der Ostdeutschen Medienholding und bne IntelliNews. Der Beitrag erschien zuerst hier auf Englisch.

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