Eine Eskalation folgt auf die andere. Am Donnerstag wurde Russland im Bundestag erneut „Staatsterrorismus“ vorgeworfen. Die letzten kulturellen Brücken zum russischen Nachbarn werden gekappt. Das Russische Haus in Berlin und das Goethe-Institut in Moskau werden geschlossen. Gleichzeitig verstärken die Nato und Russland ihre Truppen an den gemeinsamen Grenzen in Polen, Finnland und im Baltikum.
Skurril und fast vergessen wirkt dagegen, was sich vor 25 Jahren im politischen Zentrum Berlins ereignete. Damals stand der russische Präsident Wladimir Putin im Deutschen Bundestag und sprach von Frieden, Partnerschaft und einem gemeinsamen europäischen Haus. Seine Ideen und sein Auftritt wurden gefeiert – das Ende des Kalten Krieges war erreicht.
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Schreckenszeit im September 2001
Die Anschläge vom 11. September lagen erst zwei Wochen zurück, als der russische Präsident nach Berlin kam. Deutschland war erschüttert, der Kampf gegen den Terror galt als gemeinsame Aufgabe. Putin war gerade 20 Monate im Amt. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse begrüßte ihn als erstes russisches Staatsoberhaupt im Parlament und nannte Putins Wechsel ins Deutsche eine „außergewöhnliche Geste“. Die Szene war feierlich und hoffnungsvoll.
Putin setzte bewusst auf kulturelle Nähe. Er sprach von der „Einheit der europäischen Kultur“ und sagte: „Russland ist ein freundlich gesinntes europäisches Land.“ Dann kündigte er an, einen großen Teil seiner Rede „in der Sprache von Goethe, Schiller und Kant“ zu halten. Putin wollte Russland nicht als Gegenmodell zu Europa zeigen, sondern als Teil seiner Geschichte, Kultur und Zukunft.
Auch seine europäische Vision war weitreichend. „Der Kalte Krieg ist vorbei“, erklärte er. Die alten Trennlinien zwischen Ost und West sollten verschwinden. Putin sprach vom „einheitlichen und sicheren Europa“ und vom „einheitlichen Großeuropa“. Er verband diese Vision mit Russland. Europa könne sein Gewicht vergrößern, wenn es seine Möglichkeiten mit russischen Ressourcen und Potenzialen verbinde. Die ausgestreckte Hand biete eine engere Verflechtung.
Gerade in Sicherheitsfragen wurde Putins Position deutlich. Russland, sagte er, sei ein Land, für das „der stabile Frieden auf dem Kontinent“ das Hauptziel sei. Gleichzeitig beklagte er: „Heutzutage werden Entscheidungen manchmal überhaupt ohne uns getroffen.“ Daraus leitete er die Frage ab, „ob das eine echte Partnerschaft ist“. Seine Forderung: Russland sollte nicht draußen stehen, sondern an europäischen Entscheidungen beteiligt sein.
Gemeinsamer Gegner: weltweiter Terrorismus
Nach dem 11. September fand Putin einen weiteren Berührungspunkt mit dem Westen. Er warnte vor einem „Zivilisationskrieg“ und wandte sich dagegen, Muslime generell mit religiösen Fanatikern gleichzusetzen. Im Kampf gegen den Terror stimmte er George W. Bush ausdrücklich zu. Gegenschläge könnten einen „vollständigen, zielstrebigen und gut koordinierten Kampf gegen den Terrorismus“ nicht ersetzen. Russland, Europa und die USA, so die Botschaft, hätten gemeinsame Gefahren und Interessen.
Der Saal reagierte entsprechend. Beifall begleitete die Rede mehrfach, am Ende erhoben sich die Abgeordneten. In Deutschland herrschte damals eine spürbare Putin-Euphorie. Rückblicke beschreiben einen jungen Präsidenten, dem viele zutrauten, Russland zu modernisieren, wirtschaftlich zu öffnen und enger an Europa zu binden. Der Kalte Krieg schien auf ewig überwunden. Putin selbst präsentierte das Land als im Aufbruch befindlich: Russland sei am Anfang des Aufbaus einer „demokratischen Gesellschaft und einer Marktwirtschaft“.
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Erste erkennbare Risse
In seiner Rede zeigten sich aber auch einige Widersprüche zwischen Europa und Russland. Putin sprach von Demokratie und Freiheit, rechtfertigte zugleich das russische Vorgehen in Tschetschenien mit dem Kampf gegen den Terror. Er sagte, niemand könne Russland „jemals wieder in die Vergangenheit zurückführen“. Parallel konzentrierte sich unter seiner Präsidentschaft politische Macht zunehmend im Kreml. Die Rede war damit zwar ein Moment echter Annäherung, aber sie deckte auch erste Unterschiede auf.
Der Bruch kam schrittweise. Auf Kanzler Schröder folgte 2006 Angela Merkel. 2008 belastete der Krieg zwischen Russland und Georgien das europäisch-russische Verhältnis schwer. 2014 folgten die Annexion der Krim und der Krieg in der Ostukraine. Die regelmäßigen deutsch-russischen Regierungskonsultationen wurden ausgesetzt. Der russische Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 brachte eine fundamentale Zäsur.
25 Jahre später steht deshalb vor allem der Kontrast im Raum. Putin betrat 2001 den Bundestag, sprach Deutsch, beschwor Europas kulturelle Einheit und bot Partnerschaft an. Sein vielleicht stärkster Satz lautete: „Die Welt ist sehr viel komplizierter geworden.“ Heute klingt die Losung anders nach. Die Geschichte der vergangenen 25 Jahre zeigt, wie weit politische Möglichkeiten und tatsächliche Entwicklungen auseinanderliegen können. Am 25. September 2001 feierte das politische Berlin einen kaum für möglich gehaltenen Höhepunkt der deutsch-russischen Beziehungen. Was folgte, war der traurige Niedergang.
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