Prinzessin Luise Henriette von Nassau-Oranien war von der Gegend so angetan, dass sie sich 1650 von ihrem Gemahl, Kurfürst Friedrich Wilhelm, das damalige Amt Bötzow schenken ließ. Sie holte holländische Baumeister in das heutige Oberhavelland, die nach niederländischem Vorbild die einstige Wasserburg zum strahlend weißen Palast umbauten. Bevor die Radtour in Oranienburg beginnt, lohnt sich ein Besuch im frühbarocken Schloss mitten in der Stadt mehr denn je. Im Schlosspark erinnert in diesem Jahr die Landesgartenschau an die einstige Kurfürstin. Auf 30 Hektar erstreckt sich ein Meer aus Beeten, Blüten, neu gestalteten Gartenanlagen und Kunstfiguren.Aus der 40 000-Einwohner-Stadt breche ich heute in jene Industrievergessene Landschaft auf, in der es wieder so viele Kiefern- und Laubwälder, Wasserkanäle und Seen gibt wie einst. Oranienburg, das auch die "Grünen Lunge" Berlins genannt wird, liegt nur 31 Kilometer und eine knappe halbe Zugstunde von Berlins Mitte entfernt.Heute werde ich bis zur Zehdenicker Ziegelei radeln, rund 45 Kilometer liegen vor mir. Ich folge den Bahnschienen gen Norden, biege rechts zum Lehnitzsee ab. Gut geteert beginnen dort die ersten Kilometer, direkt durch den Wald. Es riecht nach Kiefern, das satte Sommerlaub raschelt im Wind. Vom Grabowsee dringen Kinderschreie, Jungs werfen sich von Tretbooten in das glitzernde Wasser. Am Ende des Sees beginnt der Oder-Havel-Kanal, den ich überqueren will.Eine winzige Fähre mit buntem Dach steht bereit, vor mir hievt Erwin Jungbluth sein Rad hinauf, am Lenker und auf dem Gepäckträger hat er große Körbe. Er empfiehlt mir einen Besuch beim Oberhaveler Bauernmarkt in Schmachtenhagen. Ich verlasse den Havelradweg und fahre ein paar Kilometer gen Osten, nach Schmachtenhagen. Obst, Wurst und schwere Brotlaibe gibt es hier, fast alles stammt aus der Region. Live-Bands spielen, Kinder fahren mit Eierbahnen durch Hühnerställe. Nach dem kurzen Abstecher geht es über Friedrichsthal zurück, dort biege ich nach rechts wieder in den Havelradweg ein. Die Strecke verläuft durch den Naturpark Barnim. Junge Ahornbäume wurde hier aufgeforstet, lichte Fichten- und Laubwälder wechseln sich ab. Fernab von Straßen- oder Autobahnen siedeln sich unzählige Füchse, Biber und auch wieder Wasseramseln an.Nach einer knappen Stunde passiere ich den kleinen Ort Bernöwe, überquere den Kanal in Kreuzbruch. Kurz vor Liebenwalde schaukeln kleine Yachten im Wasser. An Deck polieren Männer die Kajüten, gönnen sich ein Bier in der Sonne. Das anliegende Vereinshaus bietet Kanus und Ruderboote zum Verleih. Ausflügler sitzen am Ufer des Kanals, an einem kleinen Holzhäuschen, das "Zum Guten Happen" heißt. Die niedliche Gaststätte lädt zu Fischbrötchen und den Pott Kaffee für unter drei Euro ein.Liebenwalde ist eine typische märkische Ackerstadt inmitten der Havelniederungen. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Erzeugnisse der Hanf- und Drahtseilfabrik von hier aus über die Kanäle transportiert. Heute setzt die Stadt auf sanften Tourismus, Radfahrerunterkünfte sind entstanden, geführte Boots- und Wandertouren in die Region werden angeboten. Ein Abstecher in den Ponyhof Neuholland lohnt sich, hier werden Schnupperwochenenden und Reitausflüge, auch für Kinder, angeboten. Ganz stolz sind Einheimische auf das Knast-Museum, eine original Gefängniszelle aus dem vorigen Jahrhundert.Eine Brücke führt auf die andere Kanalseite, ab Bischofswerder geht es am Vosskanal weiter Richtung Zehdenick. Wieder führt hier eine gut geteerte Straße am Wasser entlang, der Pegel ist nach dem vielen Regen fast auf Höhe der Radfahrer. Der Wind schüttelt das dichte Schilf am Ufer, Seerosen blühen auf dem Wasser. Auf der rechten Seite wechseln sich Kornfelder, Wiesen, Weiden und Pferdekoppeln ab. Zwischendrin Rinnsaale und Fließe, die sich wie kleine Äderchen durch die feuchten Wiesen ziehen und in kleine Pfützen münden.Gute Luft vor der HaustürKerstin Gellert und Angelika Strietzel walken mir entgegen, zwei Frauen mit roten Wangen, geschätzte Mitte vierzig. In Zehdenick sind sie aufgewachsen, haben in den letzten Tagen Männer beim Wettangeln beobachtet. Plötzen, Hechte, Aale oder Schleie ließen sich in der Region fangen, am Kanalufer hätten viele gecampt, was zwar nicht erlaubt sei, aber niemanden wirklich störe. "Wir sind eben entspannt, haben ja die Erholung direkt vor der Tür", sagt Kerstin Gellert. Zum Urlauben geht es höchstens mal an die Ostsee.Die letzten Kilometer nach Zehdenick gibt es Rückenwind, am rechten Ufer lugen rote Häuserdächer und die Spitze des Kreweliner Kirchturms empor. Ein paar Meter weiter überquere ich die Hastbrücke, eine rostfarbene Doppelzugbrücke, die früher mal zum Dorf Hast führte. Hinter dem Übergang empfängt das Museumsschiff "Claudia" Besucher der Stadt. Es erinnert an jene Zeit, in der Zehdenick zum bedeutenden Standort der Binnenschifffahrt wurde. Im 19. Jahrhundert wurden hier große Tonvorkommen entdeckt, aus denen Ziegel hergestellt wurden. Das Exportgut wurde damals im Akkord über den Havelwasserweg nach Berlin verschifft. Aus dieser Zeit stammt das geflügelte Wort: "Berlin ist aus dem Kahn erbaut".Wer den Abend auf dem Wasser ausklingen lassen will, kann von Zehdenick mit dem Ausflugsdampfer die Havel weiter gen Norden befahren. Zwischen Havelschloss und Marina legt die so genannte Zehdenixe ab, ein Dampferschiff im Retrostil, das bis Burgwall fährt. Von Bord des Oldtimers hat man beste Sicht auf unzählige Tonstiche, Gruben, die sich inzwischen mit Wasser gefüllt haben und in denen heute Einheimische gern baden.------------------------------Picknick am WasserDie Strecke: Von Berlin-Hauptbahnhof fährt jede Stunde ein Regionalzug in 24 Minuten bis Oranienburg, die S1 fährt vom Bahnhof Friedrichstraße rund fünfzig Minuten. Wer zügig aus Oranienburg bis Zehdenick radelt, schafft die Strecke in zwei bis drei Stunden, denn die Wege sind fast durchgehend gut geteert. Der letzte Zug aus Zehdenick fährt schon um 22.13 Uhr zurück. Planen Sie ihre Rückfahrt rechtzeitig. Infos gibt es bei der Deutschen Radfahrer-Hotline unter 01805/151415).Räder: Für zwei Euro kann man das Rad mit in den Zug nehmen, extra Abteile bieten genug Platz, ein zusätzliches Ticket pro Fahrt kostet zwei Euro. Ansonsten verleiht das Fahrrad-Center Hebestreit am Bötzower Platz 7 in Oranienburg Fahrräder,Tel: 03301/582885.Verpflegung: In allen Ortschaften gibt es Gaststätten und Supermärkte. Picknicken kann man auf den vielen schönen Wiesen zwischen Liebenwalde und Zehdenick.------------------------------1. ETAPPEOranienburg - Schmachtenhagen (7 km)Oranienburg: Rund 41 500 Menschen wohnen in Oranienburg. Die Stadt wurde nach der Gemahlin des Kurfürsten Friedrich Wilhelm benannt. Noch heute steht eine Statue von Luise Henriette von Nassau-Oranien vor dem Schloss. Der frühbarocke Palast wurde im 17. Jahrhundert fertiggestellt und steht mitten in der Stadt. www.spsg.de.Landesgartenschau: Gartenzimmer, Themenwäldchen und holländische Grachten im Schlosspark. Bis Oktober lädt die Landesgartenschau ein. www.laga-oranienburg2009.deKZ-Gedenkstätte: In Sachsenhausen errichteten die Nazis 1936 ein Konzentrationslager, in das rund 200 000 Menschen deportiert wurden. Heute erinnert dort eine Gedenkstätte an die Verbrechen. www.stiftung-bg.deBauernmarkt Schmachtenhagen: Geöffnet: Di-Fr 8-16 Uhr, Sa 10-16 Uhr, So 10-16 Uhr. www.oberhavel-bauernmarkt.deTouristen-Information: Bernauer Straße 53, Tel. 03301/704834. www.tourismus-or.de2.ETAPPESchmachtenhagen - Liebenwalde (20 km)Liebenwalde: Rund 4 500 Menschen wohnen in Liebenwalde. In nächster Nähe liegen viele Flüsse, Kanäle und Seen. In Liebenwalde können Touristen gut vom Rad ins Boot umsteigen. Leihmöglichkeiten gibt es an der Steganlage des Kanals "Langer Trödel", Berliner Straße 45a, geöffnet Mo-So 9-18 Uhr, Tel. 033054/39030.Museum: Vergitterte Fenster, Wandmalereien echter Häftlinge - Liebenwalde zeigt die Umstände, unter denen Gefängnisinsassen im 19. Jahrhundert litten. Adresse: Marktplatz 20, Tel. 033054/80555, www.museum-im-knast.deReiten: Der Ponyhof im Liebenwalder Ortsteil Neuholland bietet u. a. Schnupperkurse für Kinder und geführte Reittouren an. Am Ökoteich 3, 16559 Liebenwalde, www.neuholland.deTouristeninformation: Havel- straße 1a, Tel. 033054/90772. www.liebenwalde.de3. ETAPPELiebenwalde - Zehdenick (18 km)Zehdenick: Heute leben knapp 15 000 Einwohner in der Stadt, Zehdenick wurde 1216 erstmals urkundlich erwähnt. Beim Bau einer neuen Eisenbahnstrecke im Jahr 1887 wurden hier große Tonvorkommen entdeckt. Um 1900 wurden Stadt und Umgebung zu einem der größten Ziegeleireviere Europas. Bis 1990 wurden hier Milliarden Ziegel hergestellt, die über den Havelwasserweg verschifft wurden und aus denen Berlin und große Teile der Mark erbaut wurden.Ziegeleipark: 1997 eröffnete der 42 Hektar große Ziegeleipark für Besucher. Adresse: Ziegelei 10, 16792 Zehdenick, OT Mildenberg, Tel. 03307/310410, www.ziegeleipark.deZehdenixe: Während einer Tour mit dem Oldtimer-Dampfer sieht man die Tonstiche auch sehr gut. Perlenschnurartig reihen sich die ehemaligen Tontagebaue an der Havel entlang. Die Zehdenixe legt von der Marina-Zehdenick in der Schleusenstraße 22 ab.Havelschloss: Das kleine Schloss wird heute als Übernachtungs- und Restaurantbetrieb genutzt wird. Schleusenstraße 13. www.havelschloss.deTouristeninformation: Schleusenstraße 22. Tel.03307/2877, www.fremdenverkehrsbuero-zehdenick.de------------------------------Karte:Viele geteerte Radwege führen an Wasserwegen durch das Oberhavelland. Saftige Wiesen und Weiden säumen die Straßen, teilweise verlaufen die Strecken durch Fichten- und Laubwälder. Empfehlenswert ist es, sich den Picknickkorb einzupacken und an einem schönen Fleck an der Havel oder an einem der Seen bei Liebenwalde zu rasten.------------------------------Foto : Kurfürstliche Augenblicke kann man beim Radeln durch Oranienburg erleben. Vor dem frühbarocken Schloss steht Luise Henriette von Oranien.
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