Die Tour de France ist vorbei, jetzt wird auf den Berliner Straßen die Rennraddichte wieder zunehmen. Jahr für Jahr ist die Tour ein Motivationsschub für Radsportamateure; auf den beliebten Trainingsstrecken im Grunewald, an der Havel und im Umland wird es dann wieder eng vor lauter gebückten Fahrern auf ihren Rennmaschinen. Wie sie so dahinsausen mit abwesendem Gesicht wird klar, was es auf sich hat mit der besonderen Nähe des Radsports zum Doping. Hier sind rasende Feinmechaniker am Werk, die mit ihrer Seele und ihrem Körper umgehen wie Uhrmacher. Die Besten, die Erfolgreichen lassen sich nicht nervös machen von den Leidenschaftlichen, die scheinbar uneinholbar an ihnen vorbeiziehen. Wer hier gewinnen will, muss seine Kräfte dosieren, den Jagdinstinkt zügeln; die Angst, zurückzubleiben, unterdrücken; er muss gleichmütig treten wie eine gefühllose Maschine, reglos sich überholen lassen, um dann kurz vor Schluss, wenn der Rest entkräftet dem Ziel entgegentorkelt, an allen vorbeizuziehen, noch immer so rund und gleichmäßig tretend wie vor Stunden.Radrennfahrer sind perfekte Haushälter der Kräfte und Emotionen, Fanatiker der Gleichmäßigkeit. Man muss nur zusehen, wie sie ihre Maschinen pflegen, wie sie die Kugellager zwischen den Tretkurbeln ihrer Räder einstellen, wieder und wieder den Sitz der Lagerschalen überprüfen, bis sie die ideale Einstellung gefunden haben. Dann laufen die Kugeln gerade so fest wie nötig, aber ohne zu viel Druck und Reibung. Zuvor hat der Rennfahrer das Lager gefettet, gedopt geradezu mit einer weißen Schmiere aus dem Hause Galli oder Campagnolo, deren Rezeptur streng geheim ist. Wer da zusieht und wenig später beobachtet, wie sie ihre rasierten Beine ölen und massieren, der spürt, wie verfallen der Radrennfahrer dem Ideal der Maschine ist.Sicher, jeder Sportler sieht seinen Körper unter biomechanischen und biochemischen Gesichtspunkten, der Radfahrer aber will mit seiner Maschine eins werden, und zwar über die quälend lange Dauer eines Rennens hinweg. Wenn ihm das gelingt, ist er für diese Zeit seinem Ich davongefahren, er hat seine Gefühle, seine Ängste, seine Leidenschaften auf Null gesetzt und radelt mit der absoluten Laufruhe all seiner Kugellager und Gelenke dem Ziel entgegen. Ein Meister des Feintunings, der nun am höchsten Punkt seines Glück angekommen ist, dem perfekt runden Tritt, dieser durch keine Unwucht gestörten Kreisbewegung, umgesetzt in Höchstgeschwindigkeit.Fahren Sie, wenn Sie mit dem Auto unterwegs sind, vorsichtig an ihnen vorbei. Radfahrer im Glück sind nicht ganz bei sich.
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