Fahrradverkehr

Radwege werden zurückgebaut: Warum dieser Autor trotzdem an Berlin glaubt

„Berlin, lass dir das Auto nicht verbieten": Dieser CDU-Slogan brachte Ingwar Perowanowitsch zum Schreiben. Elf Tage vor der Wahl stellt er sein Buch in Mitte vor.

7 Min
Ingwar Perowanowitsch auf dem Tempelhofer Feld: Vier Jahre lebte der Filmemacher in Berlin. Jetzt kommt er zur Buchvorstellung zurück.

Ingwar Perowanowitsch auf dem Tempelhofer Feld: Vier Jahre lebte der Filmemacher in Berlin. Jetzt kommt er zur Buchvorstellung zurück.

© Ingwar Perowanowitsch

Er fuhr in 110 Tagen mehr als 5000 Kilometer mit dem Fahrrad zur Weltklimakonferenz nach Aserbaidschan. Kein Wunder, dass ihn  Berliner Radwege nicht erschrecken können. Jetzt kommt der Autor und Filmemacher Ingwar Perowanowitsch wieder in die Stadt, in der er mehrere Jahre gelebt hat – diesmal mit dem Zug. Am Mittwoch stellt er sein neues Buch vor: „Cycling Cities. Die leise Revolution der Städte".

Elf Tage vor der Wahl, ein guter Zeitpunkt. Am 20. September wird in Berlin auch über die Verkehrspolitik abgestimmt. Während die Debatte zuweilen überkocht, trägt Perowanowitsch ruhig Argumente für eine Verkehrswende zusammen. Verbote sind nicht sein Ding. In seinem Buch geht es um andere Strategien. Und um gute Beispiele.

Als der Politikwissenschaftler aus seinem Studienort nach Berlin zog, war das eine kalte Dusche. Er realisierte, wie „menschenunfreundlich viele Städte hierzulande waren, wie wenig Wert auf Lebensqualität und Sicherheit gelegt wurde“, schreibt er. In Groningen waren Radwege Einladungen. In Berlin dagegen „in Stein gepflasterte Absagen“.

In Fahrradstädten sind Autostaus die Ausnahme

Er erlebte, dass es hierzulande einflussreiche Stimmen gibt, die eine autoarme und lebenswerte Stadt für einen Widerspruch halten. Die  Fahrradstadt-Konzepte als „links-grüne Ideologie“ diffamieren. Ein Kulturkampf tobt. Obwohl auch Kraftfahrer davon profitieren, wenn mehr Menschen Rad statt Auto fahren: „Was in Deutschland Alltag ist, ist in Fahrradstädten die absolute Ausnahme: der Autostau.“

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Von seinem jetzigen Wohnort bei Freiburg im Breisgau behält Ingwar Perowanowitsch Berlin im Blick. Was er von der CDU-Verkehrspolitik mitbekommt, gefällt ihm nicht. In Steglitz wird der Radfahrstreifen Unter den Eichen wieder entfernt. In der Kantstraße verschwindet der Pop-up-Radweg, der 2020 während Corona eingerichtet wurde.

Sicher unterwegs. Nachdem ein Radfahrer von einem Auto getötet wurde, richtete das Bezirksamt 2020 in der Kantstraße einen Pop-Up-Radweg ein. Er soll verschwinden.

Sicher unterwegs. Nachdem ein Radfahrer von einem Auto getötet wurde, richtete das Bezirksamt 2020 in der Kantstraße einen Pop-Up-Radweg ein. Er soll verschwinden.

© Sabine Gudath

2019 bis 2023 lebte der gebürtige Badener in Berlin. 2021 kandidierte er  für die Klimaliste, die eine Dreitagewoche und die Aufhebung vieler Parkplätze forderte. Damals sei viel Gutes passiert, erinnert er sich. Der Ausbau der Radinfrastruktur beschleunigte sich. Schon damals fühlte er sich als Radfahrer in Berlin sicherer als in vielen anderen Städten.

Die Stadt gehörte zum Spitzenfeld. 2018 trat mit dem Mobilitätsgesetz weltweit das erste Gesetz in Kraft, das den klimafreundlichen Fortbewegungsarten Radfahren, Gehen und Nahverkehr bessere Bedingungen verschaffen will. Auch mit dem Radentscheid, einer erfolgreichen Volksabstimmung, mutete Berlin wie Avantgarde an.

Bis 2023 die Vollbremsung kam. „Berlin, lass dir das das Auto nicht verbieten“: Das war einer der Slogans der CDU, die 2023 die Wiederholungswahl mit 28 Prozent der Stimmen gewann. Auf Landesebene ist die Verkehrswende fast zum Stillstand gekommen.

Berliner Wahlplakate gaben den Anstoß

Doch die Pro-Auto-Plakate der CDU und FDP zur Wiederholungswahl vor drei Jahren hatten zumindest etwas Gutes: Sie motivierten ihn dazu, das Buch zu schreiben, das am kommenden Montag erscheint.

Darin erläutert er, warum Deutschland so autozentriert wurde und welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit eine Stadt fahrradgerecht wird. Ein Sieben-Säulen-Modell nennt Perowanowitsch das in seinen Vorträgen, von denen er seit 2023 über hundert gehalten hat. Mit Keynotes vor Vereinen, Parteien und Firmen verdient er sein Geld. Der Film „Cycling Cities“, den er nach „Cycling to COP29“ veröffentlichte, wurde 280.000-mal bei Youtube angeklickt.

Ingwar Perowanowitsch ist nicht der Typ, den Rollen rückwärts wie zuletzt in Berlin verbittern. Portraitbilder zeigen ihn lächelnd. Auch hier ließe sich die positive Entwicklung, die ins Rollen gekommen ist, nicht mehr auslöschen. Die Verkehrswende sei längst da – in vielen Köpfen.

Was die „schlummernde Masse“ will

Das Potenzial sei groß. Viele Menschen wüssten nicht, dass sie gern Rad fahren würden. Es gebe eine große „schlummernde Masse“. Leider seien die Verhältnisse vielerorts immer noch so, dass sich Bürger nicht frei wählen können. Weil das Auto dominiert, und weil die Infrastruktur zu unsicher ist, sich anders als motorisiert auf vier Rädern zu bewegen.

Fahrrradparadies Utrecht: Die niederländische Großstadt ist für Ingwar Perowanowitsch ein Vorbild.

Fahrrradparadies Utrecht: Die niederländische Großstadt ist für Ingwar Perowanowitsch ein Vorbild.

© Peter Neumann/Berliner Zeitung

Hier kommt das Thema Demokratie ins Spiel, das den Politologen  besonders umtreibt. Die aktuellen Verhältnisse auf den Straßen seien nicht Ausdruck und Ergebnis demokratischer Entscheidungen, sondern einer autogerechten Planung, sagt er. Einer Politik, die einseitig auf das private Kraftfahrzeug setzt und keine freie Wahl zulässt. Menschen sollen wieder selbst entscheiden können, wie sie sich fortbewegen.

Es ist nicht das erste Buch, das über den schwierigen Weg zur Verkehrswende geschrieben wurde. Manches hat man in dieser oder anderer Form schon mal gelesen. Bemerkenswert ist die aufreizende Gelassenheit, mit der Ingwar Perowanowitsch sein Plädoyer für eine Verkehrswende begründet. In unserer postfaktischen Zeit, in der Emotionen mehr zählen als Argumente, fällt so etwas auf.

Der freundliche Blick zurück gibt Ingwar Perowanowitsch die Kraft, auch im Getöse des Kulturkampfs das Ziel im Auge zu behalten. „Anfang der Nullerjahre war das Thema vielerorts am Anfang. Inzwischen ist es im Mainstream angekommen“, stellt er fest. In ganz Europa gab es reale Veränderungen auf den Straßen. Fast überall werde darüber diskutiert, wie der öffentliche Raum aufgeteilt werden sollte, sagt er.

Wie das E-Bike ältere Menschen fürs Radfahren gewinnt

Mit dem E-Bike, das von Puristen skeptisch betrachtet und belächelt wird, hat Ingwar Perowanowitsch kein Problem. „Mit dem Siegeszug des E-Bikes erschließt sich das Fahrrad ganz neue Zielgruppen“, schreibt er. „Plötzlich lassen sich ältere Menschen für das Fahrrad gewinnen, ebenso viele, denen das ‚normale‘ Fahrrad zu anstrengend ist.“ Die Hightech-Geräte erhöhen das Prestige des Fahrrads.

Schließlich waren es auch in den Niederlanden nicht nur Öko- Idealisten, die den Stein ins Rollen brachten. „Es waren ganz normale Menschen, die überzeugt waren, dass eine andere Welt möglich ist“, hält er in seine Buch fest. In den 1960er-Jahren demonstrierten Bürger in dem damaligen Autoland gegen den „Kindermord“ auf den Straßen.

Auch deshalb sind die Niederlande, wo Perowanowitsch mit Utrecht die beste Fahrradstadt der Welt lokalisiert, für ihn ein Vorbild – obwohl die Niederländer ebenfalls viel Auto fahren. „Dort ist das Fahrrad ein ernstzunehmendes Verkehrsmittel, das meist aus pragmatischen Gründen genutzt wird.“ Anders als in Deutschland wird es nicht als linksgrünes Vehikel abgestempelt oder als Freizeitspaß verniedlicht.

„Vielleicht sind die jetzigen Probleme nur eine Phase“

Wahrscheinlich wird auch sein Buch von den meisten verantwortlichen Politikern und Planern nicht gelesen. Herrscher wie Donald Trump in den USA und Wladimir Putin in Russland haben mit der Verkehrswende ebenfalls nichts am Hut. Die Förderung fossiler Energien gehört zu ihrem Politik- und Wirtschaftsmodell.

Ingwar Perowanowitsch zuckt mit den Schultern. „Natürlich bin ich mit der geopolitischen Lage nicht zufrieden. Und auch ich weiß nicht, wohin uns Künstliche Intelligenz noch bringen wird. Aber was bringt’s? Wir müssen weitermachen“, sagt er. „Vielleicht sind die jetzigen Probleme nur eine Phase, die vorübergeht.“

Würde er noch einmal wie 2024, als er mit dem Rad von Freiburg nach Baku in Aserbaidschan zur Klimakonferenz COP29 fuhr, 5000 Kilometer mit Pedalkraft zurücklegen? „Eher nicht. Ich bin nicht mehr der Jüngste.“ Für sein nächstes Projekt, einen Film über die ökologische Transformation, der 2028 herauskommen soll, plant Perowanowitsch viele Reisen in Europa − aber vor allem mit der Bahn.

Sein Tipp für die Wahl in Berlin? „Wir sollten Politikerinnen und Politiker wählen, die den Mut und die Visionen haben, die Verhältnisse auf den Straßen zu ändern.“

Buchvorstellung am 9. September um 18 Uhr in der Heinrich-Böll-Stiftung, Schumannstraße 8 in Mitte. Anmeldung erforderlich, es gibt auch einen Livestream. Das Buch „Cycling Cities“ erscheint am 7. September bei Leykam (Graz/Wien). Preis: 25,50 Euro.

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