Rainer Schüttler trotzt den Regenunterbrechungen und zieht ins Halbfinale ein

Drama in vier Akten

Doris Henkel
4 Min

LONDON. Als er gekommen war, hatte er sich gewünscht, wenigstens ein Spiel zu gewinnen. Jetzt steht er im Halbfinale und kann es kaum glauben. Nicht in seinen kühnsten Vorstellungen hätte Rainer Schüttler, 32, daran zu denken gewagt, nach vielen Monaten der Enttäuschungen in Wimbledon den größten Erfolg seiner Karriere nach dem Einzug ins Finale der Australian Open 2003 zu feiern. Mit 6:3, 5:7, 7:6, 6:7, 8:6 besiegte er am Donnerstag den Franzosen Arnaud Clément im Viertelfinale. Und das ist, abgesehen vom persönlichen Triumph, auch einen dicken Eintrag ins Buch der deutschen Tennisgeschichte wert. Nach Boris Becker und Michael Stich war es keinem deutschen Spieler gelungen, das Halbfinale des berühmtesten Tennisturniers der Welt zu erreichen.Es war in jeder Hinsicht ein denkwürdiges Spiel. Eines von der Art, wie es sie nur in Wimbledon gibt. Ein Drama in vier Akten, unterbrochen von einer Nacht und zwei Regenpausen, begonnen am Mittwochabend gegen sieben, beendet am Donnerstag fast 24 Stunden danach. Reine Spielzeit fünf Stunden und zwölf Minuten und damit in der Liste der längsten Spiele Wimbledons auf Platz zwei gelandet. Ein Spiel voller Licht und Schatten. Hinterher sagte Schüttler: "Mehr kann man in 24 Stunden nicht erleben - zumindest auf dem Tennisplatz nicht."Beide Spieler taten wie schon im ersten Akt am Mittwoch auch im zweiten, dritten und vierten alles, um aus diesem Viertelfinale einen verrückten Marathon zu machen. Es wurde angesichts der Zähigkeit beider, der läuferischen Qualitäten und der wechselnden Höhen und Tiefen eine Angelegenheit zum Zittern. Schüttler strapazierte die Nerven seines Anhangs, als er im Tiebreak des dritten Satzes eine 6:0-Führung verspielte und erst den siebten Satzball nutzte; beim Stand von 4:1 im vierten ließ er Chancen auf ein weiteres Break passieren, Clément kam heran, glich aus und gewann den Satz im Tiebreak. Wieder alles offen, Satzausgleich zum 2:2.Der kleine Franzose, Wimbledonsieger im Doppel des vergangenen Jahres, imponierte mit unglaublicher Wendigkeit und mit einer nicht zu erschütternden Zuversicht. Und Schüttler zeigte, dass er auf der Basis der vier gewonnenen Spiele zuvor eine lang vergessene Stabilität zurückgewonnen hat. Nach der ersten Regenpause glich er zum 2:2 im fünften Satz aus, und den härtesten Test bestand er eine Viertelstunde später. Als Clément beim Stand von 5:4 bei Schüttlers Aufschlag seinen ersten Matchball hatte, wehrte der Deutsche mit einem mutigen Vorhandschuss ab.Beim nächsten Aufschlagspiel des Franzosen gelang Schüttler ein Break, Clément schlug zurück und glich aus zum 6:6. Und dann begann es wieder zu regnen, diesmal heftiger als beim ersten Mal. Die Pause dauerte mehr als eine Stunde, dann war der Himmel wieder blau.Des Dramas vierter Akt war der kürzeste, und das war jener Teil, in dem es um alles ging. "Wir wussten beide, innerhalb von fünf Minuten kann alles vorbei sein", meinte Schüttler später. Er nahm Clément dessen Aufschlag ab, ging 40:15 in Führung, vergab zwei Matchbälle, aber mit dem dritten setzte er den Schlusspunkt unter die in jeder Hinsicht verrückte Partie. Schüttler reckte die Arme in den Himmel und war wunschlos glücklich in diesem Moment.Außenseiter gegen NadalUnd er ist fest entschlossen, sich auch von den eindeutigen Zeichen vor dem Halbfinale heute gegen Rafael Nadal nicht entmutigen zu lassen. So wie alle anderen weiß auch er, dass er gegen den bisher so unfassbar starken Spanier nicht mehr als ein krasser Außenseiter ist. Dennoch ist er entschlossen, das Spiel zu genießen. "Ich hoffe, ich kann noch mal fünf Sätze spielen" - das meinte er nicht ganz ernst, wie seiner Miene zu entnehmen war. Aber darauf kam es auch nicht an.------------------------------Schwestern-DuellGewonnen: Titelverteidigerin Venus Williams (28) und ihre zwei Jahre jüngere Schwester Serena bestreiten am Sonnabend das Frauen-Endspiel in Wimbledon. Serena bezwang die Chinesin Jie Zheng ebenso in zwei Sätzen wie Venus die Russin Jelena Dementjewa.Gestritten: Die Schwestern treffen zum siebenten Male in einem Grand-Slam-Finale aufeinander. In Wimbledon ist es das dritte Mal; 2002 und 2003 gewann Serena.------------------------------Foto: Drohende Wolken über Wimbledon: Der Franzose Arnaud Clément schlägt gegen Rainer Schüttler auf, doch die nächste Pause befindet sich im Anzug.

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