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Waffenfabrik bei Leipzig? Pläne für Marschflugkörper spalten Stadt: Protest gegen Stellenausschreibung

Ein US-Start-up plant nahe Leipzig eine Fabrik für Marschflugkörper. Der Stadtrat berät über Widerstand – Fragen zu Standort und Sicherheit bleiben offen.

7 Min
Marschflugkörper des Konzerns Covenant.

Marschflugkörper des Konzerns Covenant.

© Covenant

Wer die Karriereseite des US-Rüstungskonzerns Covenant öffnet, findet zwischen Dutzenden Ausschreibungen für Grand Prairie in Texas und Washington, D.C. sieben Einträge mit dem Zusatz „Leipzig, Germany“: Managing Director, Head of Production, Production Manager, Production Technician, Quality Manager, IT-Manager und Talent & People Partner.

Die Profile beschreiben demnach die mechanische Montage von Komponenten, Baugruppen und fertigen Systemen. Wie viele Arbeitsplätze insgesamt entstehen sollen, verrät das Unternehmen derzeit nicht.

Für die Leipziger Linksfraktion sind die Anzeigen mehr als Personalsuche. Sie haben einen rüstungskritischen Antrag eingebracht. Das ist wohl auch eine Reaktion darauf, dass Covenant vor Ort bereits Führungskräfte rekrutiert, während die Stadt offiziell weder Standort noch Bauantrag kennt. Wird hier über etwas beraten, das faktisch längst läuft?

Covenant: Ausschreibungen in Texas und Sachsen

Covenant: Ausschreibungen in Texas und Sachsen

© comeet.com / Covenant

Kritik an den Ausschreibungen kommt auch aus dem BSW. „Die genannten Ausschreibungen belegen nur eines: Die Ansiedlung von Rüstungsindustrie in der Region Leipzig wird keine qualifizierten Arbeitsplätze für hiesige Arbeitskräfte schaffen“, sagt Thomas Kachel, friedenspolitischer Sprecher der BSW-Fraktion im Leipziger Stadtrat, heute exklusiv im Gespräch mit der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung und der Berliner Zeitung.

Die ausgeschriebenen Anforderungen setzten Expertise in der Rüstungsindustrie voraus, „was zur Folge haben dürfte, dass v.a. Bewerber aus Baden-Württemberg oder Hessen hier eingeflogen kommen, und die lukrativen Stellen besetzen. Der Osten bleibt verlängerte Werkbank.“

Was am 30. September im Stadtrat liegt

Der Antrag der Linken – „Stadt des Friedens bleiben – Leipzig darf kein Standort für Rüstungsproduktion werden!“ – indes soll am 30. September in die Ratsversammlung und danach in vier Fachausschüsse gehen.

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Er will mehr als eine Resolution: Städtische Grundstücke sollen nur noch mit Zivilklausel veräußert oder verpachtet werden, abgesichert durch Vertragsstrafe und Wiederkaufsrecht. Über Gewerbeflächen ab 5000 Quadratmetern soll der Rat selbst entscheiden.

Bis Jahresende soll die Verwaltung erfassen, welche Leipziger Firmen zur Verteidigungswirtschaft zählen. Hinzu kommen eine Risikoanalyse, ein Konversionskonzept mit dem DGB und die Offenlegung aller Branchenkontakte seit Januar 2025 – ausdrücklich auch mit dem Mitteldeutschen Institut für Sicherheitsindustrie (Misi).

Das Bemerkenswerteste steht allerdings in der Begründung.

Ein Antrag, der seine Grenzen kennt

Die Antragsteller räumen selbst ein, dass eine rein branchenbezogene Verhinderungsplanung baurechtlich regelmäßig unzulässig wäre – das Planungsrecht kennt Nutzungsarten, keine Produkte. Der Antrag „verspricht deshalb kein Ergebnis“, heißt es in der Drucksache, sondern verpflichte zum Ausschöpfen der vorhandenen Mittel.

Das ist ehrlich – und das Eingeständnis, dass die Weichen anderswo gestellt werden: in Berlin, wo nach Paragraf 2 des Kriegswaffenkontrollgesetzes die Bundesregierung über die Herstellung von Kriegswaffen entscheidet. Ob Covenant dort bereits Anträge gestellt hat, ist nicht öffentlich dokumentiert.

Linken-Fraktionschefin Franziska Riekewald erklärt, die Stadt sei „in keinster Weise auf diese Ansiedlung vorbereitet“. Der Grund liegt in der Antwort der Verwaltung auf die Anfrage: Das Wirtschaftsdezernat kennt weder die Mitglieder des Misi noch kann es benennen, welche Leipziger Unternehmen zur Rüstungsbranche gehören; der Dual-Use-Atlas der Prognos AG war unbekannt.

Das Leipziger Stadtmagazin Kreuzer berichtete Anfang September lediglich von Vorgesprächen über die Nutzungsänderung einer bestehenden Halle. Covenant dagegen spricht bereits von einer eigenen, rund 10.000 Quadratmeter großen Anlage in Sachsen. Wer ist diese Firma, die schneller ist als die Verwaltung?

Wer hinter Covenant steht

Covenant ist kein klassischer Rüstungskonzern, sondern ein Kind der Venture-Capital-Szene. Gegründet 2024 von Michael Kaufman, zuvor Investor bei Thiel Capital, und Ofir Dayan, der nach Unternehmens- und Medienangaben an israelischen Raketenabwehrsystemen wie Iron Dome mitarbeitete, trat die Firma am 9. September 2026 nach zwei Jahren im Verborgenen an die Öffentlichkeit.

Mehr als 250 Millionen US-Dollar kamen von Andreessen Horowitz, Founders Fund, Lux, 8VC, Aleph und Lightspeed. Rund 150 Millionen US-Dollar Aufträge seien gebucht, darunter ein Testprogramm mit der US-Armee und ein Vertrag mit der US-Navy.

Als Beraterin firmiert Kathleen Hicks, ehemalige stellvertretende US‑Verteidigungsministerin. In Texas begrüßte der Kongressabgeordnete Jake Ellzey die neue Fabrik öffentlich – ein Kontrast zur Stimmung in Leipzig.

In Deutschland agiert die Covenant Industries GmbH aus Frankfurt am Main, seit dem 7. Mai 2026 im Lobbyregister des Bundestages geführt. Die politische Anbahnung begann also Monate, bevor Leipzig davon erfuhr. Was gebaut werden soll, erklärt das Unternehmen selbstbewusst – und lässt zentrale Zahlen offen.

Anthem: Masse statt Klasse?

Der bodengestützte Marschflugkörper Anthem soll nach Firmenangaben über 200 Kilogramm Nutzlast tragen, unter einer Million Dollar kosten und mehr als 200 Testflüge absolviert haben.

Die viel zitierte Reichweite von über 1.500 Kilometern stammt aus Reuters-Quellen, nicht aus einer offiziellen Spezifikation. Für Sachsen sollen laut CEO Kaufman weniger als fünf Prozent der Komponenten von außerhalb Europas kommen. Die Anlage sei auf 5.000 Stück ausgelegt, sagte Präsidentin Abby Denburg Reuters; diese Rate solle 2028 erreicht werden. Ein europäischer Erstkunde habe unterschrieben. Wer, das sagt niemand.

Militärjournalist Thomas Wiegold ordnet Anthem auf seinem Blog mit dem Namen „Augen geradeaus!“ als preiswerte Ergänzung zu Tomahawk und JASSM-ER ein, nicht als Ersatz. Unabhängige Leistungsnachweise fehlen; ein Kommentator warnt dort, wenn etwas zu gut klinge, melde sich sein „Magengeschwür“. Dass der Bedarf real ist, bestreitet allerdings kaum jemand.

Die Lücke, die die Zeitenwende offengelegt hat

Seit 2022 sucht Europa nach Fähigkeiten für „Deep Precision Strike“ – Waffen, die Ziele tief im Hinterland eines Gegners bedrohen und so abschrecken. Die weitreichendste Waffe der Bundeswehr ist der luftgestützte Taurus mit rund 500 Kilometern.

Die USA haben laut Wiegold ihre Tomahawk-Bestände im Krieg gegen Iran spürbar abgebaut. Verteidigungsminister Boris Pistorius bekräftigte am 15. September nach seinem Treffen mit Pete Hegseth das FMS-Verfahren für Tomahawks und Typhon-Starter – samt Absichtserklärung zu einer Fertigung in Deutschland, wie Hartpunkt berichtete.

Europäische Gemeinschaftsprojekte zielen auf die 2030er-Jahre. In diese Lücke stößt Covenant mit einem Versprechen, das Beschaffer elektrisiert und Kritiker alarmiert: Stückzahl. Das Verteidigungsministerium bestätigte auf Nachfrage von Defense News Gespräche – einen Auftrag nicht.

Genau die Stückzahl aber entzündet in Leipzig eine zweite Debatte, nicht über Ethik, sondern über Sicherheit.

Der Flughafen als Achillesferse

Als Standort kursiert ein Gewerbegebiet im Leipziger Nordwesten nahe dem Flughafen Leipzig/Halle; bestätigt ist das nicht. Der Flughafen ist eines der größten Frachtdrehkreuze Europas und Umschlagplatz für Nato-Transporte. Im Juli 2024 geriet dort ein präpariertes DHL-Paket in Brand.

In der Nacht zum 5. August 2026 wurde auf dem Gelände eine mit Sprengstoff bestückte Drohne nahe einer ukrainischen Transportmaschine gefunden; die Bundesanwaltschaft ermittelt, wie der Tagesspiegel berichtete.

Sieht keinen Zugewinn für Sachsen: BSW-Stadtrat Kachel

Sieht keinen Zugewinn für Sachsen: BSW-Stadtrat Kachel

© Matthias Wehnert / imago

Eine Fabrik für Tausende Marschflugkörper füge diesem Raum ein zweites hochrangiges Ziel hinzu, argumentiert der Antrag – wenige Kilometer von Wohngebieten entfernt.

Ähnlich sieht es BSW-Stadtrat Kachel: „Wer will, dass in Leipzig eine solch gefährliche Ansiedlung erfolgt, macht Leipzig willentlich zum Ziel von hybriden Angriffen – wie die Drohnen-Vorkommnisse am Flughafen hinlänglich demonstriert haben“, sagte er im Gespräch mit dieser Redaktion.

Und selbst im sicherheitspolitisch aufgeschlossenen Fachpublikum wird gefragt, wie eine solche Anlage gegen fernwirkende Waffen zu schützen wäre. Eine Antwort ist Covenant bislang schuldig geblieben.

Die Friedensbewegung findet ihr Thema

Am 19. September demonstrierten mehrere Hundert Menschen unter dem Motto „Keine Raketenfabrik in Leipzig“ auf dem Augustusplatz – dort, wo 1989 die Montagsdemonstrationen begannen.

Der Linken-Kreisvorsitzende Johannes Schmidt nannte jeden Rüstungs-Euro „eine Wette auf Krieg“; Stadtrat Volker Külow warnt vor einer „Umstellung von Teilen der Leipziger Industrie auf Kriegswirtschaft“.

Befürworter halten dagegen: qualifizierte Industriearbeit, Zulieferaufträge für die Region, ein Beitrag zur europäischen Verteidigungsfähigkeit. Belastbare Zahlen zu Beschäftigung und Wertschöpfung liefert bislang niemand.

Das Dilemma der sächsischen Zeitenwende

Leipzig steht exemplarisch für ein Dilemma, das die Zeitenwende in viele Kommunen tragen wird: Berlin bestellt, Investoren liefern, und vor Ort bleibt die Frage, wer über Flächen, Sicherheit und Identität entscheidet.

Der Antrag der Linken wird die Fabrik kaum verhindern, wenn Bund und Freistaat sie wollen.

Er könnte aber erzwingen, was fehlt: Transparenz über Standort, Fertigungsumfang, Gefechtskopfintegration und Genehmigungsstand. Bis zum angekündigten Produktionsstart bleibt gut ein halbes Jahr.

Der Stadtrat hat weniger Zeit als das Unternehmen – und deutlich weniger Informationen.

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