Nacht. Lichter. Großstadt. Die Kamera gleitet über Häuserschatten und Straßenschluchten, eine nervös-dissonierende Musik ertönt. "Der kalte Finger" beginnt wie ein klassischer Thriller aus Hollywood und gibt sich auch so. Nur steht "Made in Germany" auf dem Label. Und das ist schon was Besonderes.Nach dem Tiefsinn des Neuen Deutschen Films und dem Flachsinn deutscher Beziehungsklamotten scheint man sich nun wieder auf den Genrefilm zu besinnen. Vor drei Wochen erst kam Dennis Satins Thriller "Nur aus Liebe" in die Kinos: Pure Unterhaltung, nicht mehr, nicht weniger. Ralph Huettner setzt die Reihe fort. Nach Ausflügen in die Posse mit Helge Schneider ("Texas") und Tom Gerhardt ("Voll normaal") kehrt er in das Genre zurück, das er einst mit "Der Fluch" so schauerlich schön bereicherte.Tauchen wir also ein in die Straßen Berlins, folgen wir der Kamera, die langsam auf ein ehemaliges chinesisches Restaurant zoomt. Hinter der üppigen Fassade verbirgt sich eine Telefonsex-Agentur. Während Bibi (Sophie Rois) ihre Kunden anstöhnt, säuselt Conny (Gruschenka Stevens) ihrem Kunden sadomasochistische Phantasien vor. Sie ahnt nicht, daß der sie in die Tat umsetzt, mit anderen Frauen, die dabei ihr Leben lassen müssen.Der "kalte Finger", wie sich der Stammkunde nennt, gibt sich allerdings immer weniger mit dem anonymen Anruf zufrieden: Er möchte Conny in Besitz nehmen, will den ultimativen Kick, den persönlichen Kontakt. Er verfolgt sie in ihren Alltag, in dem sie an einer ganz anderen Strippe hängt: in der Telefonzentrale eines Krankenhauses. Und schließlich demonstriert er, was Conny zu erwarten hat: Er bringt ihre beste Freundin Bibi um. Die Jagd beginnt "Der kalte Finger" ist eine deutsche Variante vom "Schweigen der Lämmer". Hier die unschuldige Blondine, dort der intelligente, kühl planende Killer, zwischen ihnen eine künstliche Beziehung, die der Mann schließlich nach seinem Willen bestimmt. Der Film ist eine Inszenierung von Inszenierungen, in denen jeder eine Rolle vorgibt, die der andere aber umbiegt. Am Ende, als vermeintlich alles vorbei ist, klingelt noch einmal das Telefon. Natürlich ist der Täter dran und stimmt uns schon Mal auf eine mögliche Fortsetzung ein Von seinem amerikanischen Vorbild hat der deutsche Thriller einiges gelernt. Alles ist auf Spannung und Atmosphäre angelegt: Kamera, Schnitt, Musik. Und der Film wartet gleich mit zwei ungewöhnlichen Stars auf: Sophie Rois und die Nacht. Wenn beide auftreten, stimmt einfach alles. Als Nachtschattengewächse dürfen die Frauen sinnlich und sexy sein, eine Seltenheit im deutschen Film. Verlogen sind dagegen die Szenen am Tag. Da feiert die Spießigkeit Triumphe, und die Männer gewinnen die Oberhand. Conny hat ein Verhältnis mit einem biederen Stationsarzt (Dominik Raacke), der von ihrem Doppelleben entsetzt ist. Und der Kommissar, der in den Mordfällen ermittelt, hält moralinsaure Predigten: Mädels, laßt das mit dem Telefonsex! Eigentlich sind das zwei Filme, die sich buchstäblich wie Tag und Nacht unterscheiden. Und mit Bibi wird auch die Freizü(n)gigkeit gemeuchelt. Von da an verkommt der Angstfilm zur Aufklärungskampagne, verkümmert "Der kalte Finger" zum moralischen Fingerzeig: Kommando zurück an den heimischen Herd!Auch das ist natürlich sehr amerikanisch. So hat Ralph Huettner nicht nur die Genregesetze übernommen, sondern auch den moralischen Wattebausch, ohne den die Spannung in Hollywood nun mal nicht zu haben ist. +++
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