Heute geht es nicht um hektisches Fahren auf dem Bürgersteig, sondern um Präzision und Sicherheit. Die Verkehrswacht Berlin hat zum Workshop geladen. Ihr Projekt: Scoot Skills – ein Sicherheitstraining, das sich gezielt an Schulen und Gruppen richtet, um den oft leichtsinnigen Umgang mit E-Scootern in geordnete Bahnen zu lenken.
Unter den Teilnehmern ist heute eine Willkommensklasse des Oberstufenzentrums Informations- und Medizintechnik (OSZ IMT). Elf Schülerinnen und Schüler sind gekommen, was für das Team der Verkehrswacht eine vergleichsweise große Gruppe ist und volle Aufmerksamkeit erfordert.
Auf kleinen Rädern ins Risiko: Berlins unfallreiche Bilanz auf zwei Rollen
Einer der Schüler fällt sofort auf: Sein linker Arm steckt in einer festen Schiene – gebrochen. Der E-Scooter-Unfall passierte auf seinem alltäglichen Weg zur Schule. Dabei hatte er eigentlich alles richtig gemacht und war regelkonform auf dem Radweg gefahren. Doch der Weg war uneben, der Lenker blockierte plötzlich und somit ließ sich ein Sturz nicht verhindern. Eine Erfahrung, die verdeutlicht, wie schnell der Untergrund zur Gefahrenquelle werden kann.
Damit genau solche Unfälle nicht zur Regel werden, hat die Lehrerin der Klasse das Thema im Unterricht vorbereitet. Verkehrszeichen wurden erklärt, Regelblätter verteilt und diskutiert. Doch Theorie ist das eine, die Praxis auf zwei Rädern etwas völlig anderes.
Ein Schüler mit einem gebrochenen Arm durch einen E-Scooter Unfall.
© Annamarie Heller/Berliner Zeitung
Warnwesten, Helm und ein Blick auf die Verleiher
Bevor es richtig losgehen kann, steht die Theorie der Verkehrswacht auf dem Programm: aufmerksam sein, helle und am besten reflektierende Kleidung tragen. Eine einfache Warnweste wirft Lichtsignale auf bis zu 130 Meter Distanz zurück. Ein entscheidender Vorsprung für Autofahrer an den dunkler werdenden Herbstabenden der Hauptstadt.
Wichtig zu wissen: Während die rechtliche Altersgrenze für die Nutzung eigener E-Scooter in Deutschland bei 14 Jahren liegt, setzen die großen Verleihfirmen in ihren AGBs durchgehend ein Mindestalter von 18 Jahren voraus.
Die Haltung der Verkehrswacht gegenüber den E-Scootern geht weit zurück. Bei der Zulassung der Scooter zeigte sich der Verband noch äußerst skeptisch und wies lautstark auf Sicherheitslücken hin. Inzwischen steht die Verkehrswacht in direktem Austausch mit den großen Anbietern wie Lime, Voi, Bolt und Dot.
Hindernisse zum Üben
© Annamarie Heller/Berliner Zeitung
Nach den Einführungen geht es zur Praxis. Zunächst drehen die Schülerinnen und Schüler ein paar freie Runden auf dem abgesperrten Areal des Tempelhofer Felds, um ein Gefühl für Geschwindigkeit und Balance zu bekommen. Sogar die Lehrerin lässt sich anstecken und wagt ihre allererste Fahrt auf einem E-Scooter. Beim ersten Parcours liegt der Fokus auf geradem Fahren und zielsicherem Bremsen. Der zweite Parcours fokussiert schnelle Richtungswechsel um Hütchen, gefolgt vom gezielten Überfahren von Unebenheiten, um Bodenwellen und Schlaglöcher zu simulieren.
Askanischer Platz: Ladezonen und Roller-Flächen vernichten Parkplätze
„Es wird immer nur auf das eine Prozent liegender Roller geachtet“
Auch vor Ort ist an diesem Tag eine Vertreterin von Lime. Sie hält kritisch gegen das Gerücht des Fortbewegungsmittels: „Unter einem Prozent der Scooter liegen tatsächlich im Weg herum“, betont sie mit Blick auf die Debatten um den öffentlichen Raum. In Berlin sorgten mittlerweile über 500 feste Stellflächen und Jelbi-Stationen – vor allem in der Innenstadt wie am Alexanderplatz – für Ordnung. Die Buchung ließe sich im Innenstadtbereich schlichtweg nicht beenden, wenn der Roller abseits der vorgesehenen Parkzonen steht. In den Außenbezirken gelte zwar weiterhin das Free-Floating-Modell, doch dort verteilten sich die Roller genug, sodass es kaum zu Haufenbildungen komme.
Zudem verweist die Verleih-Expertin auf gesellschaftliche Vorteile: Gerade für Frauen auf dem Heimweg in den späten Abendstunden seien Scooter eine bezahlbare Sicherheitsalternative zu Taxis oder anderen Anbietern. Auch Menschen mit körperlichen Einschränkungen, wie etwa Hüftproblemen, profitieren davon, wenn das Fahrradfahren nicht mehr möglich ist. Dass Unfälle mit steigenden Nutzerzahlen automatisch zunähmen, bestreitet sie: Statistisch sinke das Risiko pro Fahrt sogar, je mehr Routine einkehre.
Paris: Ohne Helm kein Roller
Auch in Paris steigt die Zahl der Unfälle durch E-Scooter, weshalb die Stadt entschied, eine Helmpflicht einzuführen. Es ist außerdem Pflicht, zu jeder Tageszeit eine Warnweste oder andere reflektierende Ausrüstung zu tragen. Die Folge des Fahrens ohne Helm ist eine Geldstrafe von 135 Euro und ohne Weste oder Reflektoren 35 Euro. Bereits 2023 wurden E-Roller zum Leihen aus dem Verkehr gezogen, was das Problem jedoch nicht von den Straßen entfernte. Eigene Roller fuhren weiterhin und verursachten mehrfach Unfälle.
Das genaue Gegenteil findet man in London. Hier sind nur offizielle Leihroller auf den Straßen erlaubt, eigene Roller nicht. Außerdem darf man einen Roller erst ab 18 fahren – in Deutschland schon ab 14.
Die Verkehrswacht am Tempelhofer Feld
© Annamarie Heller/Berliner Zeitung
Am Ende des Workshops zieht der Vertreter der Verkehrswacht ein zuversichtliches Fazit. Ein solcher Parcours sei ohne großen Aufwand aufgebaut und zeige blitzschnell Wirkung. Das Konzept hinter Scoot Skills verfolgt ein einfaches Prinzip: Es geht nicht darum, den E-Scooter zu verteufeln, sondern das Risikobewusstsein bei den jungen Fahrenden nachhaltig zu schärfen.
Jugendliche stürzen von E-Roller und verletzten sich
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