Interview

Rasputin: Ein Mann wie Russland - spirituell und brutal, nicht zu begreifen

Der britische Historiker Antony Beevor über den mächtigsten Mann Russlands, Rasputin, Russland und die fehlende Auklärung und Putins Krieg.

Michael Maier
15 Min
10.02.2024 Sergei Polunin als Grigori Rasputin tanzt das von Yuka Oishi choreografierte Ballett Rasputin in der Crocus City Hall in Krasnogorsk bei Moskau, Russland.

10.02.2024 Sergei Polunin als Grigori Rasputin tanzt das von Yuka Oishi choreografierte Ballett Rasputin in der Crocus City Hall in Krasnogorsk bei Moskau, Russland.

© IMAGO/Alexander Vilf

Antony Beevor ist einer jener britischen Historiker, die Geschichte kurzweilig und ohne moralisches Pathos erzählen. Er hat zahlreiche Bücher zum Zweiten Weltkrieg und zu Berlin geschrieben. Seine Stärke ist neben dem oft lakonischen Erzählton die akribische Arbeit mit Quellen. Bei Reclam erscheint am 2. September „Der letzte Akt – Rasputin und das Ende des Russischen Reiches“. Beevor entwirft das  Panorama einer Zeit, in der Russland integraler Bestandteil Europas war. Was war das für eine Welt, haben wir den in London lebenden Beevor am Telefon gefragt.

Herr Beevor, warum haben Sie Rasputin als Thema für Ihr Buch gewählt?

Mich haben immer die Ursprünge der Konflikte des 20. Jahrhunderts interessiert. Deutsche Historiker haben den Ersten Weltkrieg zu Recht als die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Ich glaube aber zunehmend, dass eigentlich der Russische Bürgerkrieg und die Russische Revolution das Konfliktmuster für das gesamte 20. Jahrhundert schufen.

Die Zerstörung, die Grausamkeit und die Rücksichtslosigkeit sowohl der Roten als auch der Weißen waren so entsetzlich, dass daraus ein Kreislauf der Angst entstand, der sich über ganz Europa und darüber hinaus ausbreitete: Rot gegen Weiß, Kommunismus gegen Faschismus und so weiter.

Dieses Muster setzte sich nicht nur im 20., sondern in gewisser Weise auch im 21. Jahrhundert fort, mit Autokratien, die an frühere Diktaturen anknüpfen. Deshalb faszinierten mich Rasputins Geschichte und die Frage, inwieweit Kerenskis Bemerkung zutrifft: Ohne Rasputin hätte es keinen Lenin gegeben. Außerdem widerspricht Rasputin der sogenannten Theorie der großen Männer in der Geschichte. Er hatte keine Massenbewegung hinter sich und bekleidete kein offizielles Amt. Dennoch scheint er den Lauf der Geschichte stärker beeinflusst zu haben als fast jeder andere Mensch seiner Zeit.

Zunächst herrschte die Vorstellung, der Zar aller Russen sei ein betrogener Ehemann und seine Frau schlafe mit einem sibirischen Bauern – was vollkommen unwahr ist. Diese Vorstellung trug dazu bei, dass während der Februarrevolution kein einziger Offizier der kaiserlichen Garderegimenter bereit war, sein Schwert zur Verteidigung des Zaren zu ziehen.

Als ich mich jedoch näher mit den Ereignissen von 1916 beschäftigte, erkannte ich die Bedeutung der Ernennung Protopopows zum Innenminister, welche Rasputin gemeinsam mit der Zarin unterstützte. Protopopow verlangte die Kontrolle über die Eisenbahnen. Daraus entstand ein furchtbares Chaos. Die Züge befanden sich an den falschen Orten und froren während des Winters fest.

Eigentlich gab es genügend Getreide und Lebensmittel, aber sie konnten nicht in die Städte gebracht werden. Das löste die Februarrevolution von 1917 mit aus. Keiner der führenden Revolutionäre erkannte, dass tatsächlich eine Revolution bevorstand. Lenin war in Zürich, Trotzki in Nordamerika und Stalin in Sibirien. Selbst die verbliebenen Mitglieder des bolschewistischen Zentralkomitees in Petrograd glaubten, es werde lediglich einen Brotaufruhr geben. Sobald mehr Lebensmittel verfügbar seien, werde alles vorüber sein. Stattdessen entstand eine der wenigen wirklich spontanen Straßenrevolutionen.

Antony Beevor
privat

Antony Beevor

Antony Beevor, geb. 1946, ist einer der renommiertesten Historiker und der weltweit wohl erfolgreichste Autor zu historischen Themen. Seine Bestseller wie „Stalingrad“, „Berlin 1945“ und „D-Day“ wurden in über 30 Sprachen übersetzt. Er erhielt u. a. den Wolfson History Prize und wurde 2017 in den Adelsstand erhoben.

Das Buch: „Der letzte Akt. Rasputin und das Ende des Russischen Reiches“ Reclam-Verlag, 412 S., 59 Abbildungen, 28 Euro
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Sie beschreiben sehr anschaulich, wie viele Zufälle und beinahe unglaubliche Ereignisse eine Rolle spielten. Rasputins Weg zum Zaren und zu dieser besonderen Stellung war ja keineswegs logisch oder vorhersehbar. Glauben Sie, dass die Geschichte ohne ihn anders verlaufen wäre?

Die Regel für jeden Historiker lautet, dass nichts unvermeidlich ist. Daran sollte man sich immer halten. Es ist allerdings schwer, sich vorzustellen, wie die Dinge anders hätten verlaufen können. Die russische Wirtschaft befand sich 1913 und 1914 im Aufschwung. Wahrscheinlich war es der Krieg, der das Regime zerstörte.

Aber Rasputins Einfluss und vor allem der falsche Glaube, er schlafe mit der Zarin, zerstörten den Respekt vor dem Zaren. Interessant ist, dass unerwartete Einzelheiten die Geschichte verändern können. Im Januar 1914 war Erzherzog Franz Ferdinand vom Duke of Portland zu einer Jagd nach Welbeck in England eingeladen worden. Während der Jagd wäre er beinahe versehentlich erschossen worden. Hätte man ihn damals getötet, hätte es wahrscheinlich keinen Ersten Weltkrieg in dieser Form gegeben. Das ist ein Element, das man in der Geschichte berücksichtigen muss: das vollkommen Unerwartete.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs war Rasputin entschieden gegen den Krieg. Warum hat der Zar ausgerechnet in dieser Frage nicht auf ihn gehört? Er hätte die Geschichte auch in die andere Richtung verändern können.

Rasputin versuchte tatsächlich, den Krieg zu verhindern. Er schickte dem Zaren ein Telegramm und flehte ihn an, sich nicht von der Bewegung in Richtung Krieg mitreißen zu lassen. Der Zar schenkte dem jedoch keine Beachtung. Obwohl er auf „Vater Grigori“, wie Rasputin manchmal genannt wurde, oder auf „unseren Freund“, wie die Zarin ihn nannte, hörte, folgte er dessen Rat nicht, wenn es um militärische oder diplomatische Angelegenheiten ging.

Auch später, als Rasputin noch mehr Einfluss besaß, glaube ich nicht, dass er den Zaren hätte umstimmen können. Der Zar stand dem Krieg zwar wahrscheinlich skeptisch gegenüber, und die Zarin war eindeutig dagegen. Doch als er die Mobilmachung vom Balkon des Winterpalastes verkündete, kniete die Menge nieder und begann, „Gott schütze den Zaren“ zu singen.

Der Zar fühlte sich davon emporgehoben und glaubte plötzlich, der Krieg könne seine Herrschaft retten und das Land einen. Das war ein großer Fehler. Gleichzeitig zeigt diese Episode, wie einzelne Personen die Weltpolitik beeinflussen können. Gerade in einer Zeit von Trump, Putin und Xi stellt sich die Frage nach der Theorie der großen Männer erneut. Und bei Rasputin sehen wir, dass sogar jemand ohne große formelle Macht einen erheblichen Einfluss ausüben kann.

Der Zar besaß sehr wenig Vorstellungskraft

War sein Einfluss auch deshalb so groß, weil der Zar ein schwacher Herrscher war?

Sie haben vollkommen recht. Der Zar besaß sehr wenig Vorstellungskraft. Das war einer seiner großen Fehler. Außerdem war er sehr starrsinnig. Ich glaube, dieser Starrsinn überdeckte seine moralische Feigheit. Er hasste die Vorstellung von Streit, insbesondere mit seinen Ministern. Wenn er einen Diener oder einen Minister entlassen wollte, tat er es niemals persönlich. Er schickte der betreffenden Person später eine kurze Nachricht, in der er mitteilte, dass sie ihre Stelle verloren habe. Das ist nicht das Verhalten eines starken Menschen.

Sie zeichnen in Ihrem Buch das Bild eines Europas, zu dem Russland ganz selbstverständlich gehörte. Bedeutete der Zusammenbruch Russlands deshalb auch eine Zerstörung Europas selbst – seiner Kultur und seiner französischen, deutschen und englischen Beziehungen zu Russland?

Für mich geht es nicht so sehr um eine einfache Gegenüberstellung von Russland und Europa. Es geht auch darum, dass Russland ein Bündel von Widersprüchen ist. Rasputin selbst besaß für jede positive Eigenschaft einen entsprechenden Fehler oder sogar eine Sünde. Er war zutiefst spirituell und zugleich ein schrecklicher Frauenheld. Er war korrupt, konnte aber auch vollkommen großzügig sein und sein Geld verschenken. Das gehört zu dem, was der große Dichter Tjutschew ausdrückte: Russland kann man nicht mit dem Verstand begreifen.

Auch heute stellt sich die Frage, inwieweit Russland asiatisch oder europäisch ist. Putins engste ideologische Berater, darunter Medinski und Dugin, vertreten inzwischen das Konzept des Eurasianismus. Es betont, dass Russland nicht zu Europa gehöre, sondern angeblich eine zutiefst spirituelle und antimaterialistische Zivilisation sei. Daraus wird sogar die Vorstellung abgeleitet, Russland habe das Recht, die gesamte eurasische Landmasse von Wladiwostok bis Dublin zu beherrschen.

Nikolaus II. und Alexandra liebten Moskau und hassten das europäische Petersburg. Sie liebten die alte, slawische Hauptstadt der Bojaren und mochten Peter des Großen „Fenster nach Europa“ nicht.

Buchcover von Antony Beevors „Der letzte Akt“

Buchcover von Antony Beevors „Der letzte Akt“

© Reclam

Heilige Verbindung zwischen Zar und Bauern

Russland ist aber auch christlich-orthodox geprägt und damit doch eher mit Griechenland und dem Balkan vergleichbar.

Alexandras Entwicklung ist in dieser Hinsicht sehr aufschlussreich. Zunächst hatte sie sich geweigert, Nikolaus zu heiraten, weil dies bedeutet hätte, ihre Religion zu wechseln. Später übten die tiefen russischen und spirituellen Vorstellungen eine starke Anziehungskraft auf sie aus. Dazu gehörte die Vorstellung einer spirituellen Beziehung zwischen dem Zaren und der bäuerlichen Bevölkerung. Für die kaiserliche Familie war das eine vollkommene Fantasie. Sie glaubte, die Aristokratie und die angeblich korrupte Romanow-Familie umgehen zu können. Die eigenen Kinder durften kaum Kontakt zu ihren Cousins haben. Indem die Familie mit Rasputin einen russischen Bauern in ihre Nähe aufnahm, glaubte sie, die heilige Verbindung zwischen dem Zaren und den Bauern wiederherzustellen.

Das war tatsächlich eine Fiktion?

Ja, es war eine Fantasie. Und diese Fantasie besteht bis zu einem gewissen Grad bis heute fort. Unter manchen weniger gebildeten Russen existiert weiterhin die Vorstellung, Putin sei gut, werde aber von seiner Umgebung daran gehindert, das Richtige zu tun. Das ist ein alter russischer Mythos, der auf den Zarismus zurückgeht und auch unter Stalin existierte. Damals hieß es, Stalin wisse nichts von den schrecklichen Dingen, die Beria und andere täten. Wenn er davon erfahren würde, würde sich alles verbessern. Politische Gefangene, die loyale Kommunisten waren, konnten nicht verstehen, warum sie verhaftet worden waren. Sie glaubten, sie müssten Stalin nur einen Brief schreiben, dann werde alles geklärt. Sie hatten nicht verstanden, dass Stalin selbst dahinterstand.

Das ist allerdings keine russische Besonderheit. In Deutschland sagten die Menschen ebenfalls: „Wenn der Führer das wüsste, würde er es verhindern.“ Das war also ein sehr verbreitetes Phänomen.

Vollkommen richtig, absolut!

Eher unterdrückt als abgeschnitten

Man gewinnt den Eindruck, dass die europäische Orientierung vor allem in der Aristokratie verankert war. Nachdem diese Gesellschaftsschicht verschwunden ist und ein völlig anderer Staat entstanden ist: Sind dadurch auch die europäischen Wurzeln des heutigen Russlands abgeschnitten worden?

Ich würde sagen, sie wurden eher unterdrückt als abgeschnitten. Außerdem haben viele der proeuropäisch eingestellten jungen Menschen das Land verlassen, um der Einberufung zu entgehen. Es kam zu einer Massenflucht, unter anderem nach Finnland und in den Kaukasus. Die europäische Orientierung beschränkte sich jedoch nicht nur auf die Aristokratie. Sie bestand zwar in der aufgeklärteren Aristokratie, vor allem aber in der Intelligenzija. Schriftsteller und Dichter wie Achmatowa empfanden eine starke emotionale Verbindung zu Europa, besonders in Petersburg und weniger in Moskau.

Der russische Adel sprach auch andere Sprachen.

Alexandra und Nikolaus korrespondierten vollständig auf Englisch und sprachen im Alexanderpalast miteinander Englisch. Französisch war natürlich die vornehme Sprache. Es zeigte Bildung und gesellschaftliche Kultiviertheit. Viele Mitglieder der Aristokratie sprachen nur ein sehr einfaches Russisch, das sie im Wesentlichen für Gespräche mit ihren Bediensteten verwendeten.

Kann Europa nach dem Ende des Krieges, nach einer politischen Lösung und nachdem Gerechtigkeit hergestellt wurde, wieder auf Russland zugehen – zumindest auf kultureller und gesellschaftlicher Ebene? Oder ist diese Verbindung für immer verloren? Ist das vielleicht sogar ein langfristiges Ergebnis des Ersten Weltkriegs?

Ich glaube nicht, dass man jemals sagen kann, etwas sei für immer verloren. Ich bin Historiker und kein Zukunftsforscher. Historiker werden bei jeder Krise in Nachrichtensendungen eingeladen, um die Zukunft vorherzusagen. Dann fragt man sie, ob die gegenwärtige Situation mit 1914 oder mit 1939 vergleichbar sei. Ich versuche, mich gegen solche Vergleiche zu wehren, weil sie tatsächlich sehr gefährlich sein können.

Meine Frage zielt weniger auf eine Vorhersage als auf die Folgen der bisherigen Entwicklung. Sind diese Verbindungen vielleicht tatsächlich abgerissen? Hat sich die Kultur durch all die brutalen Ereignisse so stark verändert? Auch Rasputins Ende war schließlich außerordentlich grausam und zugleich kaltblütig – nicht gerade europäisch.

Da haben Sie vollkommen recht. Die große Frage lautet, warum die russische Art der Kriegsführung so unglaublich grausam ist – sowohl gegenüber der Zivilbevölkerung des Gegners als auch gegenüber den eigenen Menschen. Ich habe in letzter Zeit einiges darüber geschrieben. Oft wird bis ins 13. Jahrhundert zurückgegangen und gefragt, ob alles von den mongolischen Invasionen herrühre. Doch Europa war ebenfalls äußerst brutal. Man denke nur an die Religionskriege des 17. Jahrhunderts. Der Unterschied bestand darin, dass Europa im 18. Jahrhundert die Aufklärung erlebte, Russland jedoch nicht – mit Ausnahme von Katharina der Großen und ihren Kontakten zu Voltaire und Diderot.

Im 19. Jahrhundert folgten die Schlacht von Solferino, die Gründung des Roten Kreuzes und die Genfer Konventionen. Dadurch veränderte sich im Westen die Vorstellung davon, wie ein Krieg geführt werden sollte.

In Russland blieb dagegen die Vorstellung bestehen, Gewalt und Terror seien wesentliche Waffen des Krieges. Sie behandeln ihre eigenen Menschen teilweise ebenso schlecht wie den Feind. Dazu gehören nicht nur die Korruption innerhalb der Streitkräfte, sondern auch die Brutalität gegenüber den eigenen Soldaten.

Auch sogenannte Freiwillige sind häufig keine Freiwilligen. Es handelt sich um Menschen aus Afrika, Asien oder Südamerika, die unter falschen Voraussetzungen angeworben oder getäuscht wurden. So etwas wäre in westlichen Armeen kaum vorstellbar.

Wir sehen dort eine Form der Grausamkeit, die sich innerhalb der russischen Streitkräfte über Jahrhunderte erhalten hat. Deshalb glaube ich nicht, dass plötzlich ein grundlegender liberaler Wandel eintreten wird.

In meinem Buch über die Russische Revolution beschäftige ich mich mit dem Problem, das Alexander Herzen als die „schwangere Witwe“ bezeichnete: mit der Schwierigkeit des Übergangs zur Demokratie.

Russland ist eines der unberechenbarsten Länder

Wie wird der Krieg gegen die Ukraine Russland verändern?

Wenn Putin den Eindruck gewinnt, die Krim zu verlieren, könnte er dies als existenziellen Angriff auf Russland betrachten. Dafür hat er mit dem Einsatz kleiner taktischer Atomwaffen gedroht. Andererseits könnte eine solche Entwicklung auch einen Putsch gegen ihn in Moskau auslösen. Wir wissen nicht, in welche Richtung sich die Dinge entwickeln werden. Russland ist in dieser Hinsicht eines der unberechenbarsten Länder. Der alte kommunistische Witz lautete: Die Zukunft vorherzusagen ist einfach. Schwierig ist es, die Vergangenheit vorherzusagen, weil sich mit jeder Änderung der Parteilinie auch die offizielle Geschichte verändert.

Was Sie in der Rasputin-Geschichte sehr anschaulich darstellen, ist die Hinwendung zum Pseudoreligiösen, zum Spiritistischen. Sie schreiben, dass beim Zusammenbruch eines Imperiums stets eine religiöse Komponente auftrete. Ist das ein typisches Phänomen von Krisenzeiten?

Um die Jahrhundertwende konnte man eine starke Veränderung der Religiosität beobachten. Ich glaube, Trotzki machte interessante Bemerkungen darüber, dass es kurz vor einer Revolution häufig zu einer spirituellen Erschütterung kommt. Auch andere Phänomene wurden beobachtet. Revolutionen scheinen eine Zunahme sexueller Freiheit oder sexueller Experimente auszulösen. Große Verluste im Krieg können dagegen den Wunsch nach Familiengründung verstärken.

Bei französischen Soldaten am Ende des Ersten Weltkriegs gab es etwa den Wunsch, nach Hause zurückzukehren und, wie sie sagten, „ein Kind zu pflanzen“, also nach den furchtbaren Verlusten Kinder für die Zukunft zu bekommen. Solche Phänomene sind mehr als rein oberflächlich. Sie stehen mit bestimmten Veränderungen und historischen Wendepunkten in Verbindung. Wie ich kürzlich in einem Vortrag im britischen Parlament argumentiert habe, treten wir nicht nur in eine Grauzone des Krieges ein, sondern möglicherweise auch in eine vorrevolutionäre Situation. Junge Menschen sind von Massenarbeitslosigkeit bedroht, teilweise auch durch die Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz und anderer Entwicklungen.

Rasputin war zugleich schrecklich, verrückt und äußerst seltsam. Wenn man so tief in das Leben, die Seele und die intimsten Seiten eines Menschen eindringt: Wie ist Ihre persönliche Haltung zu ihm? 

Rasputin war bis zu einem gewissen Grad mit seiner Situation überfordert. Er hat eine erstaunliche Karriere gemacht. Das würde jedem Menschen den Kopf verdrehen. Es ist kaum überraschend, dass er von der Macht, seinem Einfluss und den Möglichkeiten der Korruption mitgerissen wurde.

Eindeutig verurteilen würde ich seine Heuchelei im Umgang mit schutzlosen Frauen. Frauen aus höheren gesellschaftlichen Schichten behandelte er wesentlich respektvoller. Andere Frauen erpresste und missbrauchte er. Er vergewaltigte offenbar auch Frauen. In dieser Hinsicht war sein Verhalten entsetzlich.

Dennoch bleibt die Frage, inwieweit sein Verhalten auch ein Produkt seiner Herkunft, seiner Erziehung und seiner Umgebung war.

Sie bringen in dem Buch eine beeindruckende Fülle an Quellen, Archiven, Originaldokumenten und Fotografien. Das muss eine enorme Arbeit gewesen sein.

Ja, in vieler Hinsicht war es das. Wir hatten allerdings außerordentliches Glück. Meine langjährige Kollegin, mit der ich seit mehr als 30 Jahren zusammenarbeite, war dabei von großer Bedeutung. Ihren Namen möchte ich nicht nennen, weil sie noch immer nicht vollkommen außer Gefahr ist, auch wenn sie sich nicht mehr in Russland befindet. Dank ihrer Kontakte gab es weiterhin Menschen, die für uns Material aus den Archiven beschaffen konnten. Seit meinem Buch über Berlin kann ich selbst nicht mehr nach Russland zurückkehren. Besonders wichtig war das Staatsarchiv der Russischen Föderation, GARF. Dort befindet sich außergewöhnliches Material, darunter ein gefälschtes Tagebuch Rasputins. Obwohl es eine Fälschung ist, muss die Person, die es geschrieben hat, über Insiderwissen verfügt haben.

Einzelne Angaben konnte ich durch eine Nachbarin bestätigen lassen, Prinzessin Olga Romanowa. Sie ist die Nichte von Prinzessin Irina, die mit Jussupow verheiratet war und mit dem Zaren verwandt war. Sie konnte verschiedene Angaben aus diesem Tagebuch bestätigen, obwohl wir wissen, dass es insgesamt eine Fälschung ist und sicherlich nicht von Rasputin selbst geschrieben wurde. Das Dokument befindet sich offenbar seit 1922 im Zentralen Staatsarchiv.

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