Westbalkan

Ratko Mladić: Beerdigt die Beisetzung des Kriegsverbrechers heute Serbiens EU-Traum?

Fußballfans skandieren seinen Namen, Minister erweisen ihm die letzte Ehre: Mladićs Beisetzung in Belgrad spaltet Serbien und verärgert Brüssel.

4 Min
Serbien feiert seinen „Helden“, die EU tobt.

Serbien feiert seinen „Helden“, die EU tobt.

© Aleksandar Djorovic/imago

Es war eine Szenerie, die es so wahrscheinlich noch nie gegeben hat. Beim Belgrader Stadtderby zwischen den serbischen Fußballgrößen Roter Stern und Partizan, sonst berüchtigt für gewaltsame Ausschreitungen zwischen den verfeindeten Fanlagern, herrschte am Sonntagabend vor dem Anpfiff ausnahmsweise Einigkeit.

Beide Fankurven legten gemeinsam eine Schweigeminute für den wenige Tage zuvor gestorbenen Ratko Mladić ein, skandierten unisono seinen Namen. Die Anhänger von Roter Stern entrollten eine Choreografie mit dem Gesicht des Kriegsverbrechers, gerahmt von den serbischen Nationalfarben, darunter der Schriftzug „Richtung Potočari“, ein unverhohlener Verweis auf den Ort nahe Srebrenica, wo Mladićs Truppen 1995 Männer und Jungen von ihren Familien trennten, bevor sie ermordet wurden. Was sich im Belgrader Marakana-Stadion abspielte, sollte sich am Montag auf den Straßen Belgrads fortsetzen.

Vor der St.-Lukas-Kirche im Stadtteil Vidikovac bildete sich bereits am frühen Montagmorgen eine lange Schlange. Tausende Menschen wollten Mladić die letzte Ehre erweisen, küssten den aufgebahrten Sarg, während orthodoxe Priester Gebete sprachen. Am frühen Nachmittag sollte der bosnisch-serbische General auf dem Topčider-Friedhof beigesetzt werden. Mit militärischen und staatlichen Ehren, wie Justizminister Nenad Vujić bereits kurz nach Mladićs Tod angekündigt hatte.

Der frühere bosnisch-serbische Armeechef war am 27. August im Alter von 84 Jahren in einem Gefängniskrankenhaus in Den Haag gestorben, wo er eine lebenslange Haftstrafe wegen Völkermords, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verbüßte. Das Internationale Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) hatte ihn 2017 verurteilt, ein Berufungsgericht bestätigte den Schuldspruch 2021 letztinstanzlich.

Untrennbar bleibt sein Name mit dem Massaker von Srebrenica im Juli 1995 verbunden, als von ihm kommandierte Einheiten die UN-Schutzzone stürmten und rund 8000 bosniakische Männer und Jungen töteten. Es war das schwerste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg und wurde sowohl vom ICTY als auch vom Internationalen Gerichtshof (IGH) als Genozid eingestuft.

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Die EU ist in Aufruhr

Kaum ein Ereignis hätte die Bruchlinien zwischen Belgrad und Brüssel deutlicher freilegen können. Ein Sprecher des Europäischen Auswärtigen Dienstes erklärte, jede Form der Verherrlichung von Kriegsverbrechern, jede Leugnung von Völkermord und jeder Revisionismus widersprächen den grundlegendsten europäischen Werten und hätten „keinen Platz in der EU oder in EU-Beitrittskandidaten“. Die Verbrechen der 1990er-Jahre auf dem Westbalkan zählten zu den dunkelsten Kapiteln der jüngeren europäischen Geschichte, so der Sprecher weiter; Versöhnung und gutnachbarschaftliche Beziehungen blieben zentral für eine gemeinsame Zukunft der Region.

In Serbien gibt es Hunderte Mladic-Graffitis.

In Serbien gibt es Hunderte Mladic-Graffitis.

© V Xhymshiti/imago

Die EU-Erweiterungskommissarin Marta Kos, selber Slowenin, sagte aus Protest gegen die Feierlichkeiten einen für diese Woche geplanten Besuch in Serbien kurzerhand ab. Ein diplomatischer Affront, der in Belgrad registriert, aber nicht goutiert wurde. Präsident Aleksandar Vučić wies die Kritik zurück und ließ mitteilen, ein bereits länger geplanter Besuch des usbekischen Präsidenten Schawkat Mirsijojew halte ihn ohnehin von der Beisetzung fern. Ob Serbiens EU-Beitrittsperspektive, seit 2012 hat das Land offiziell Kandidatenstatus, durch solche Szenen weiteren Schaden nimmt, dürfte sich erst in den kommenden Wochen zeigen. Dass Brüssel die Bilder als Rückschlag werten würde, war jedoch schon am Montagmittag absehbar. Ähnlich äußerte sich der Ständige Berichterstatter des Europäischen Parlaments für Serbien, Tonino Picula, der Kroate ist.

In Serbien selbst zeigt sich die Bevölkerung gespalten. Mehrere Regierungsmitglieder erwiesen Mladić die letzte Ehre, darunter Justizminister Nenad Vujić, Kulturminister Nikola Selaković und der Minister für öffentliche Investitionen Darko Glišić. Auch der russische Botschafter in Belgrad, Alexander Bozan-Kartschenko, nahm an der Trauerfeier teil, ebenso Vučićs ältester Sohn Danilo. Der serbisch-orthodoxe Patriarch Porfirije führte durch den Abschiedsgottesdienst, am Ende ließ das Kirchenoberhaupt verlauten, Mladić bleibe im Gedächtnis des größten Teils des serbischen Volkes.

Unter den Trauergästen fanden sich auffällig viele Männer, mutmaßlich ehemalige Angehörige der bosnisch-serbischen Streitkräfte, manche mit Mladićs Konterfei auf schwarzen T-Shirts. Dass er von Teilen der Bevölkerung – besonders in der Republika Srpska – weiterhin als „Held“ verklärt wird, zeigt sich auch jenseits der Trauerfeier. Die Belgrader Jugendinitiative für Menschenrechte (YIHR) zählte landesweit mehr als 250 Mladić-Graffiti, die meisten davon in der Hauptstadt selbst.

Zugleich verweist die Organisation auf eine eigene, drei Jahre alte Umfrage, wonach die Mehrheit junger Serbinnen und Serben Mladić gerade nicht als Vorbild betrachte. Die Menschenrechtsaktivistin Aida Ćorović brachte die Kritik am Wochenende auf den Punkt: Man biete der Jugend „falsche Helden“, um von realen Problemen abzulenken.

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