Ratlosigkeit herrscht beim Zweitligisten Hansa Rostock nach dem misslungenen Saisonstart

Parolen statt Punkte

Matthias Wolf
4 Min

ROSTOCK, 15. September. In diesen unruhigen Tagen nutzt Manfred Wimmer die letzten Vorzüge, die seine Position noch bietet. Der Mann besitzt ja nicht nur eine Mailbox, um nicht ans Telefon gehen zu müssen. Er verfügt auch über ein Vorzimmer, besetzt mit einer Sekretärin, die jedem Geheimdienstchef zur Ehre gereichen würde. Die Miss Moneypenny von Hansa Rostock heißt Frau Heiden und führt zwar Rückruflisten für den Vorstandsvorsitzenden, macht aber keine Hoffnungen auf ein Gespräch. Dabei würde man gern von Wimmer erfahren, woraus er noch Mut zieht. Nach dem 0:1 in Bochum am Montag hatte er erklärt, weiter am Ziel sofortiger Wiederaufstieg festzuhalten. Das Team sei stark genug. Doch Hansa ist mit vier Niederlagen in die zweite Liga gestartet.Das bestärkt Kritiker wie den einstigen Präsidenten Peter-Michael Diestel, der die Führung für unfähig hält und sagt, Rostock habe wohl bald "das schönste Regionalligastadion". Wimmer hingegen meint: "Wir haben noch viel Zeit." Probleme aussitzen - das hat die jüngere Klubgeschichte geprägt.Wirtschaftliche ZwängeAm Sonntag kommt mit Paderborn ein Aufsteiger. Schon die ersten Heimspiele bescherten mit Offenbach und Braunschweig Neulinge. "Wenn wir jetzt wieder verlieren, weiß ich auch nicht mehr weiter", sagt Wolfgang Holz. Holz ist stellvertretender Aufsichtsratschef, er vertritt den ersten Mann des Gremiums, Horst Klinkmann, der nach einer Operation pausiert. Holz schätzt deutliche Worte. "Ein weiteres Jahr zweite Liga wäre äußerst schwierig", sagt er, "es würde drastische Einschnitte bedeuten - und das ist noch charmant formuliert."Schon im Sommer wurde der Etat auf 13 Millionen halbiert und manche Stelle nur unter der Prämisse des Wiederaufstiegs erhalten. "Die noch für den FC Hansa arbeiten dürfen, und das gilt auch für den Vorstand", sagt Holz, "müssen ihre Arbeitsintensität verdoppeln." Wimmer dürfte ein Scheitern das Amt kosten. Auf dem Transfermarkt fehlen Erfolge. Und zu lange hielt der Vorstand entgegen der eigenen Überzeugung und der des Teams an Trainer Jörg Berger fest. Spieler wie Joakim Persson, die man halten wollte, gingen wegen Berger. Insgesamt flüchteten elf Profis. "Wir hätten mit dem Trainer einen Vertrag machen sollen, der bei Abstieg endet", sagt Holz, "am Ende hatten wir wirtschaftliche Zwänge."Seit Frank Pagelsdorf da ist, bezahlt Hansa drei Trainer, weil auch Juri Schlünz noch einen Vertrag bis 2007 besitzt. Zudem holte man mit den Brasilianern Gledson, Flavio Faroni und dem Slowenen Miso Brecko drei neue Akteure. Heinz Werner, Vorsitzender vom Bund Deutscher Fußball-Lehrer, kann die Personalpolitik bei Hansa nicht verstehen: "Ich weiß von Berger, dass er händeringend um Verstärkungen gebeten hat und sie mit Hinweis auf die große Finanznot nicht bekam - Pagelsdorf hingegen wurde sofort jeder Wunsch erfüllt." Werner sagt, bei Hansa "passt derzeit nichts".Auch der Effekt des Trainerwechsels ist verpufft. Noch vor Monatsfrist als Heilsbringer begrüßt, wirkt Pagelsdorf nun ratlos. Er spricht von einer Umbruchphase, fordert Geduld und setzt das Wort Aufstieg vorerst auf den Index, weil sich die Mannschaft erst finden müsse. Statt Punkte bietet er Parolen: "Jetzt brauchen wir echte Kerle. Ran an den Feind muss das Motto lauten."Die Fans haben indes Angst, Hansa könnte von Liga eins in Liga drei durchgereicht werden. "Über diesen Fall weigere ich mich zu sprechen", sagt Holz. Er weiß: Hansa wäre dann am Ende. Auch, weil Kredite für das Stadion nicht mehr bedient werden könnten. Holz will deshalb ernste Worte gegenüber den Profis finden. Er wird sagen, dass "mit Hacke, Spitze eins, zwei, drei in der Liga nichts zu holen ist". Gepredigt hatte das auch Berger. Was den Verdacht nährt: Im biederen Kader steckt der Wurm.Pagelsdorf führt einen Strukturwandel fort: Mit David Rasmussen wurde der sechste Skandinavier seit Juni abgegeben. Die Nordmänner prägten lange Hansa, nun sind nur noch Arvidsson, Prica und Madsen da. Stattdessen trainieren fünf Amateure bei den Profis, Kai Bülow und Martin Pohl debütierten in Bochum. Sie wirken frischer als manch Altgedienter wie René Rydlewicz. Der sagt, die Lage sei "schlimm und für die Psyche nicht so einfach". Worte, die Holz bestätigen. Er kündigt an, der Verein werde im Winter wieder auf dem Transfermarkt tätig: "Im Grunde kann es durch neues Personal doch nur besser werden."------------------------------Duell in DresdenTabellenspitze: Am Freitag kommt es in der zweiten Fußball-Bundesliga zum Duell zwischen dem Tabellendritten Dynamo Dresden und dem punktgleichen Spitzenreiter Braunschweig. Die Eintracht ist mit zehn Toren derzeit das treffsicherste Team der Liga.Tabellenende: Hansa Rostock liegt auf dem vorletzten Tabellenrang, ohne Punkt und nur dank des besseren Torverhältnisses (4:9) vor Saarbrücken (0:16). Hansa verlor bisher gegen Offenbach (1:2), 1860 München (1:4), Braunschweig (2:3) und Bochum (0:1).------------------------------Foto : "Die Lage ist schlimm und für die Psyche nicht so einfach": Hansa Rostocks Kapitän René Rydlewicz.

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