Sie war Begegnungsstätte für Deutsche aus Ost und West. Anlaufstelle für Bundesbürger. Zufluchtsort für Menschen aus der DDR. Ein Fleck Bundesrepublik mitten in Ost-Berlin. Für die Machthaber des SED-Staates war sie eine Niederlassung des "Klassenfeindes." Für regimekritische Ostdeutsche, die den Mut hatten, das von Volkspolizei und Stasi umstellte Gebäude zu betreten, ein Fenster zur freien Welt. Im Bemühen, die Härten der deutschen Teilung zu mildern, spielte Bonns Ständige Vertretung in Ost-Berlin in ihrer genau 5 997 Tage währenden Existenz eine zentrale Rolle."Diplomatie im Mauerschatten," heißt der Film, in dem Sissy von Westphalen die Geschichte der Bonner Filiale in Ost-Berlin nachzeichnet. Von der Eröffnung im Juni 1974 bis zum Ende am 2. Oktober 1990, dem Vorabend der deutschen Vereinigung. Politiker und Mitarbeiter, Journalisten und Künstler, Zeitzeugen und Akteure aus Ost und West schildern in einer spannenden Dokumentation, wie es innerhalb- und außerhalb des Hauses an der Hannoverschen Straße zuging. Sie erzählen von den Mühen des Alltags, von Erfolgen und Rückschlägen im Ringen um ein geregeltes Miteinander der beiden deutschen Staaten. Und von den dramatischen Ereignissen in den achtziger Jahren, als die Vertretung zur Fluchtburg für DDR-Bürger wurde und im Mittelpunkt medialer Berichterstattung stand.Durch den besonderen Status der Vertretung waren die Konflikte mit dem Gastgeberland von Beginn an vorgezeichnet. Die Mission sollte vorrangig die Interessen der Bundesrepublik gegenüber der DDR vertreten, "einschließlich Hilfe und Beistand für Personen." Und dazu zählten nach Bonner Auffassung alle Deutschen, nicht nur Bundes-, sondern auch DDR-Bürger. Damit fingen die Probleme an. Mehr und mehr hatten es die Mitarbeiter der Vertretung mit ostdeutschen Besuchern zu tun, die im Konflikt mit ihrer eigenen Obrigkeit Rat und Unterstützung suchten. Es ging um Besuchsreisen, um die Zusammenführung von Familien und um Übersiedlung."Bleiben, bis sie schwarz werden"Im Sommer 1984 befanden sich 55 Flüchtlinge im Haus, die ihre Ausreise aus der DDR erzwingen wollten. Die Vertretung musste geschlossen werden. Die Stasi setzte auf Härte. "Die sollen drinnen bleiben, bis sie schwarz werden," zitiert der frühere DDR-Unterhändler Wolfgang Vogel im Film einen Vorschlag aus dem Hause von Erich Mielke. Hans-Otto Bräutigam, der damalige Leiter der Vertretung, hat in diesen Tagen fast täglich mit Vogel telefoniert und der mithörenden Stasi die unhaltbare Situation geschildert. Die DDR-Oberen lenkten ein - wissend, dass sie diesen Konflikt nicht gewinnen konnten. "Sie hatten ihre Lektion begriffen," sagt Bräutigam. Im August 1989, erlebte die Vertretung noch einmal einen Massenansturm von Flüchtlingen. 138 Personen campierten in qualvoller Enge. Wieder wurde das Haus geschlossen. Und wiederum gab die SED-Spitze nach. Nicht wissend, dass sie damit den Zusammenbruch ihres Regimes einläutete.Die Ständige Vertretung habe das Äußerste versucht, was sie für die Menschen in der DDR habe tun können, sagt der Schriftsteller Rolf Schneider. Der Historiker Hubertus Knabe bezweifelt das. Er wirft den westdeutschen Vertretern in Ost-Berlin "Kumpanei" mit den kommunistischen Machthabern vor. Sie hätten die ostdeutschen Bürgerrechtler allein gelassen.Die Autorin hat auf eine eigene Wertung verzichtet. Die Botschaft des Films ist gleichwohl unüberhörbar. Was die Ständige Vertretung in 16 Jahren als Vorposten der Bundesrepublik geleistet hat, diente nicht der Stabilisierung einer Diktatur, sondern zielte darauf ab, die Mauer durchlässiger zu machen.Diplomatie im Mauerschatten - Bonns Filiale in Ost-Berlin; 22.15 Uhr, RBB
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