Mit großem Interesse habe ich den Artikel "Der Obelisk wankt" (8. Mai) gelesen. Ich selbst lebte vom März 1945 bis Frühjahr 1946 mit meiner Familie in Klausdorf bei Treuenbrietzen und kann mich an die Nacht vom 21. April 1945 sehr genau erinnern. Ich bin heute 77 Jahre alt und möchte vorausschicken, daß weder mein Mann noch ich Nazis waren. Ich erinnere mich, daß am Tage vor dem Geschehen die russische Armee Treuenbrietzen erobert hatte, und daß es hieß, vom Rathaus wehe die rote Fahne. In der Nacht darauf herrschte auf einmal rege Gefechtstätigkeit. Um Treuenbrietzen herum lagen, wie wir wußten, Teile einer versprengten SS-Division und Wehrwölfe. Letztere führten nach Auflösung ihrer Truppenteile auf eigene Faust Krieg und versuchten wie alle versprengten Soldaten und Flüchtlinge, über die Elbe zu den Amerikanern zu fliehen. Teile dieser Truppen eroberten Treuenbrietzen zurück, erschossen russische Soldaten und hißten, wie es hieß, die Hakenkreuzfahne. Dem faschistischen Spuk wurde schnell ein Ende gesetzt, und als Revanche am nächsten Morgen aus allen Häusern einer Straße die sich dort befindlichen deutschen Männer erschossen. Eine junge Frau, die mit ihrem vier Tage alten Baby geflüchtet war, hatte bei uns Unterschlupf gefunden und uns alles erzählt. In den 80er Jahren war ich als Reiseleiter/Dolmetscher mit einer sowjetischen Touristengruppe zu einem Freundschaftstreffen in Treuenbrietzen. Wir machten auch einen Spaziergang durch den Ort und besuchten, wie es damals so üblich war, den Obelisken. Ich erzählte dabei kurz meine Erinnerungen, und die Touristen fragten mich, wo denn die Gräber und Namen der deutschen Umgekommenen wären. Aber da winkten unsere Begleiter ab, so etwas gab es damals in der DDR nicht.Ursula Eichel, Berlin-Köpenick
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