Regionalwissenschaftler klagt: Berlinern und Brandenburgern fehlt eine unverwechselbare Identität

Eine Region ohne Vision

Martin Klesmann
3 Min

ERKNER. Der Region Berlin-Brandenburg mangelt es an einem Image, das von der einheimischen Bevölkerung akzeptiert und mit getragen wird. Das ist das Ergebnis einer Studie des Regionalwissenschaftlers Gerhard Mahnken, die der Berliner Zeitung vorliegt. "Die Herausbildung einer gemeinsamen Identität wird nicht zuletzt durch die landespolitischen Egoismen in Berlin und Brandenburg verhindert", sagte Mahnken, der am Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung in Erkner arbeitet, am Donnerstag. Während Berlin allzu sehr darauf setze, als Bundeshauptstadt wahrgenommen zu werden, fehle es in Brandenburg und Berlin generell an einer gemeinsamen Vision. Der 44-jährige Wissenschaftler fordert in seiner Studie "ein strategisches Kommunikationsmanagement, um das Besondere der Region zu entschlüsseln und das Unverwechselbare zu definieren". Mahnken möchte eine regionale Marke entwickeln, die Wissen und Kultur in den Mittelpunkt stellt. Denn Berlin, aber auch Brandenburg mit seinen drei Universitäten und den Forschungszentren auf dem Potsdamer Telegrafenberg und in Golm verfüge über eine "sehr hohe Wissenschaftlerdichte", die es herauszustellen gelte. Zudem sei es europaweit nahezu einmalig, dass eine Metropole wie Berlin inmitten einer dünn besiedelten Landschaft wie der Mark Brandenburg existiere. Hier müssten die naturräumlichen Potenziale wie Wälder und Seen genauso erschlossen werden die kulturräumlichen. "Das Schloss Rheinsberg als Ort der Künste, die Stadt Potsdam als Zentrum der europäischen Aufklärung oder auch die slawischen Traditionen sind Merkmale dieser Kulturlandschaft", so Mahnken. "Da sowohl Berlin als auch Brandenburg ,rohstoffarm und küstenfern sind, brauchen sie zur Stärkung ihrer Konkurrenzfähigkeit vor allem Human- und Sozialkapital." Hierzu müssten Initiativen und Potenziale gebündelt werden, indem sich die regionalen Öffentlichkeitsarbeiter von Wissenseinrichtungen verstärkt an die einheimische Bevölkerung und an lokale Initiativen richten. München als positives BeispielAls recht gelungenes Beispiel bezeichnete Mahnken die Region München, wo sich aus einer vielfach agrarisch geprägten Gesellschaft ein hoch spezialisierter High-Tech-Standort entwickelt habe. Der Wissenschaftler lobte auch das Regionalmarketing des Ruhrgebiets, das unter dem Motto "Der Pott kocht" eine Aufbruchstimmung in der vom Strukturwandel geprägten Region geschaffen habe. Mahnken kritisierte die Ausrichtung der Kommunikationsfachleute in den hiesigen Behörden, den Unternehmen, PR-Agenturen und der Politik. In einer von ihm durchgeführten repräsentativen Befragung unter 105 regionalen PR-Profis gaben nur gut ein Viertel der Befragten an, ihr vorrangiges Ziel sei es, die regionale Bevölkerung zu erreichen. "Ein ernüchterndes Ergebnis", nennt Mahnken das. Stattdessen betrachteten es 67,9 Prozent der befragten PR-Fachleute als vorrangig, das fremdenfreundliche Image der Region zu entwickeln. "Die hiesigen PR-Profis haben also ein Negativbild von der Region", so Mahnken. Immerhin 55,8 Prozent der Befragten sehen es als vorrangig an, die Kommunikation außerhalb der Region zu fördern, 55,2 Prozent wollen zunächst die Wissenspotenziale hervorheben. Der Wissenschaftler schließt seine Studie mit der Feststellung, dass die Region bisher eine "Region für alle Fälle" gewesen sei - ob Love Parade, Lausitzring oder Preußenkult, alles sei drin gewesen. Nun müssten Berliner und Brandenburger ein regionales Image kreieren, das von Dauer sei.Vordenker // Institut: Das Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) in Erkner hat unter anderem den Auftrag, Perspektiven für das Land Brandenburg zu erarbeiten. Das IRS gehört zur Leibniz-Gesellschaft und wird vom Land Brandenburg gefördert. IRS-Direktor ist Karl-Dieter Keim, der im Sommer in den Ruhestand geht. Nachfolge ungeklärt.Wissenschaftler: Gerhard Mahnken, geboren 1959, ist im IRS für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Außerdem forscht er über Wissenschaft-, Regional- und Stadtmarketing. Seine Studie über das Regionalmarketing in Berlin und Brandenburg erschien auch in der Zeitschrift Raumforschung und Raumordnung.

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