Eine hautenge weiße Jeans, hohe Reitstiefel – dazu ein blaues Hemd und ein um die Schultern gebundener olivgrüner Zopfstrickpullover – dieser Look läutete die jüngst gezeigte Gucci-Damenkollektion in Mailand ein.
Die Reitsport-Ästhetik kommt bei Gucci nicht von ungefähr. Als Page im Londoner Savoy Hotel beobachtete Gründer Guccio Gucci, wie sehr die aristokratischen Gäste am Reitsport hingen. Zurück in Italien eröffnete er 1921 in Florenz sein erstes Lederwarengeschäft.
Der Legende nach soll er dort auch Sättel und Reitzubehör gefertigt haben, bestätigt ist das allerdings nicht. Fest steht jedoch, dass die Welt des Reitsports seit Jahrzehnten eng mit Guccis Designsprache verbunden ist.
Vom Laufsteg direkt in den Reitstall? Rein outfittechnisch wären diese Gucci-Models gut gewappnet.
© Gucci
Gucci und die Faszination „Horsebit“
Ihr bekanntestes Symbol ist das sogenannte „Horsebit“, ein Metallbeschlag aus Doppelring und Steg nach dem Vorbild einer Trense. 1953 zierte es erstmals einen Loafer, zwei Jahre später eine Handtasche, und seither gilt es als unverkennbares Markenzeichen des Hauses.
In der jüngsten Kollektion für Frühjahr/Sommer 2027 ist es allgegenwärtig. Demna schickte Reitstiefel mit Horsebit-Beschlägen, eine neue Horsebit-Tote und sogar eine Abendtasche mit gleich drei Horsebits über den Laufsteg.
Eine Handtasche aus der Kollektion für Frühling/Sommer 2027 mit dem markanten Horsebit-Symbol.
© Gucci
Das große Comeback von Polo Ralph Lauren
Doch man kann nicht über die Reiter-Ästhetik sprechen, ohne Polo Ralph Lauren zu erwähnen. Dabei war es gar nicht die Reitbekleidung, mit der Ralph Lauren 1967 den Grundstein für sein Imperium legte, sondern eine Handvoll übergroße Krawatten aus edlen Stoffen.
Doch Gründer Ralph Lauren verkaufte von Beginn an mehr als nur Mode – er erschuf eine ganze Lifestyle-Traumwelt, inspiriert von der edlen Ästhetik der amerikanischen High Society und der Eleganz des Polosports. Der Markenname war Programm: Als das Label 1972 das berühmte Polo-Hemd mit dem aufgestickten Reitersymbol auf den Markt brachte, wurde der Polospieler im vollen Galopp vollends zum Synonym für den zeitlosen Preppy-Lifestyle.
Fest steht jedoch: Keine Marke verkörpert diese Bildwelt so sehr wie Polo Ralph Lauren, und kaum eine erlebt gerade ein vergleichbares Revival. Laut dem Marktforschungsinstitut Kantar war Ralph Lauren 2025 bei den unter 35-Jährigen die zweitbegehrteste Luxusmarke, direkt hinter Gucci. Auf der Secondhand-Plattform Depop stiegen die Suchanfragen nach Polo Ralph Lauren im Frühjahr innerhalb eines Monats um 44 Prozent.
Hermès, vom Sattler zum Statussymbol
Und dann wäre da natürlich noch Hermès. Kein anderes Luxushaus ist so eng mit dem Reitsport verbunden. Thierry Hermès gründete 1837 in Paris eine Sattlerei und Geschirrmacherei, die bald die vornehmsten Ställe Europas belieferte.
Als das Automobil die Kutsche verdrängte, erfand sich das Haus neu. Das Pferd ist aber geblieben: Noch heute zeigt das Logo eine Kutsche mit Pferd. Am deutlichsten sieht man dieses Erbe an den berühmten Seidentüchern, den Carrés.
Heimspiel bei der Kavallerie: Hermès zeigte seine Kollektion für Frühjahr/Sommer 2027 dort, wo heute noch geritten wird.
© Imago
Das bekannteste Motiv heißt „Brides de Gala“, stammt von 1957 und zeigt prunkvolles Zaumzeug aus der Privatsammlung der Familie Hermès. Seit fast 70 Jahren wird es immer wieder neu aufgelegt. Auch die neue Kollektion für Frühjahr/Sommer 2027 greift die Reiter-Ästhetik auf, allerdings subtil. Designerin Nadège Vanhée zeigte sie Anfang Oktober im Hof der berittenen Garde Républicaine in Paris. Reithosen, kniehohe Stiefel, Gürtel wie Pferdegeschirr und Lederchoker mit Trensen-Verschlüssen brachten den Stall stilvoll auf den Laufsteg.
Was hinter der Sehnsucht nach dem Reiter-Look steckt
Was also steckt hinter diesem Trend? Da wäre zunächst die gesellschaftliche Sehnsucht nach Natur. In einem Alltag voller Bildschirme und Algorithmen steht das Pferd für das Gegenteil: für Körperlichkeit, Matsch und Freiheit und wahrhaftige Erlebnisse. Wer Reitstiefel trägt, holt sich zumindest symbolisch ein Stück Landleben mit zurück, selbst wenn er oder sie in der Stadt lebt.
Auch Status spielt eine Rolle. Reiten war schon immer ein Sport der Oberschicht, und in Zeiten wachsender Ungleichheit wird neu verhandelt, wie man Wohlstand zeigt. Der Reiterstil gibt darauf eine elegante Antwort: Er signalisiert Old Money, ohne zu offensiv zu sein. Man könnte es Quiet Luxury mit Stallgeruch nennen.
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Und schließlich geht es um Kindheit, denn für viele ist der Stil eine Rückkehr in die eigene „Pferdemädchen“-Phase. Paradox ist nur, dass die wenigsten, die ihn tragen, jemals auf einem Pferd sitzen werden. Aber natürlich liegt genau darin seit jeher der Clou. Die Mode verkauft nicht das Reiten, sondern das Versprechen eines geerdeten, naturnahen Lebens und die Nähe zur Elite, die sich rund um die Uhr ihrem Hobby hingeben kann. Das Pferd ist da (leider) nicht inbegriffen.
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