Renate Künast und Jürgen Trittin, die Spitzenkandidaten der Grünen, beherrschen die Kunst der disziplinierten Harmonie

Er kann Zahlen, sie Gefühl

Olivia Schoeller
11 Min

BERLIN. Lautlos gleitet der ICE durch den deutschen Sommer. Grüne Wiesen mit rotem Klatschmohn, Pferde, ein zerfallenes Bahnhofsgebäude. Die Stimmung draußen ist so idyllisch wie drinnen. Jürgen Trittin und Renate Künast sind auf dem Weg von Berlin nach Hannover zu einer Wahlveranstaltung. Sie sitzen Erste Klasse, mit Tisch. Er in Fahrtrichtung, sie gegenüber. Er trinkt Mineralwasser, sie isst Salat mit Putenbrust. Er tippt auf seinem Blackberry, sie kritzelt auf ein Blatt Papier. Manchmal zeigt sie ihm das Blatt. Dann nickt er. Sie wirken wie ein Ehepaar kurz vor der Silbernen Hochzeit. Sie sprechen miteinander und schweigen nebeneinander, und wenn man sie fragt, warum die Grünen zwei Spitzenkandidaten brauchen, wo den anderen Parteien ein einziger reicht, antworten sie im Duett. "Weil wir so ein breiteres Spektrum abdecken", sagt er. "Strategisch besser verhandeln können", sagt sie. "Grüne eben so denken", sagt er. "Wir uns gut ergänzen", sagt sie. "Er kann Zahlen, ich Gefühl."Jürgen Trittin hält inne und blickt Renate Künast durchdringend an. Für eine Sekunde scheint die disziplinierte Harmonie bedroht. Vielleicht hat die Bemerkung Erinnerungen geweckt, an eine Zeit, als es zwischen ihnen nicht so nett war. Damals war sie Verbraucherministerin und er Umweltminister. Sie konkurrierten um Zuständigkeiten. Er gab meist nach, wie jetzt. Er senkt den Blick und erklärt: "Ich habe auch Gefühle." Dann dreht er sich zum Fenster und blickt hinaus ins grüne Deutschland.Dieses Mal, so scheint es, läuft bei den Grünen alles richtig. Die Umfragen zeigen die Partei bei dreizehn Prozent, bei der Europawahl haben sie zugelegt und auch bei den letzten Landtagswahlen. Die Spitzenkandidaten sind mit 93 Prozent vom Parteitag gewählt und erfüllen alle Wünsche nach Geschlechter-Gerechtigkeit und ideologischer Vielfalt: ein Mann, eine Frau, er links, sie Realo. Es herrscht Frieden in der Partei. Jürgen Trittin und Renate Künast halten sich gegenseitig in Schach. Und sie brauchen einander. Wenn der eine den anderen verlässt, gehen beide unter. Das schweißt zusammen.Vor vier Jahren war das anders. Damals waren die Grünen eine One-Man-Show. Wie ein Rockstar zuckelte Joschka Fischer in einem riesigen Bus durch das Land, um für Rot-Grün zu kämpfen. In dem Bus fuhren Journalisten mit, die er anfauchte, wenn sie seine Zuversicht in Frage stellten. Fischer hat es nicht geschafft. Er ist abgetaucht. Nur einmal kam er wieder an die Oberfläche, im Hessen-Wahlkampf vor einem Jahr. Er hat gesprochen, aber den meisten Applaus hat der Spitzenkandidat der hessischen Grünen, Tarek Al-Wazir, erhalten. An diesem Abend war die Ära Fischer zu Ende.Renate Künast und Jürgen Trittin tun so, als liege die Ära Fischer weiter zurück als die Bronzezeit. In ihren Wahlkampfreden spielt er keine Rolle, und wenn sie von ihm sprechen, dann höchstens im Plusquamperfekt. Trittin, der Zahlenmensch, zitiert nüchtern die Wahlergebnisse und stellt fest: "Wir sind seitdem nur besser geworden." Künast, der Gefühlsfrau, ist das Thema vier Worte wert: "Jetzt machen wir das", sagt sie knapp und betont das "Wir". Rockstar sei in Krisenzeiten nicht gefragt. Ernsthaftigkeit und Bodenständigkeit wollten die Wähler. Politiker eben wie sie und ihn, Mama Künast und Papa Trittin.Jürgen Trittin steht im Biergarten der Katlenburg in der Nähe von Göttingen und hat die Hände schon zu Fäusten geballt. Wenn Trittin spricht, dann durchlaufen seine Hände drei Stationen. Erst sind sie entspannt, dann drückt er Daumen und Zeigefinger zusammen und am Ende kommen die Fäuste. Dann wird es kämpferisch. Jürgen Trittin ist vielleicht kein so leidenschaftlicher Redner wie Joschka Fischer. Aber er will seinen Parteifreunden das Gefühl vermitteln, dass dieser Wahlkampf keine One-Man-And-One-Woman-Show ist, dass sie alle gebraucht werden. Schwarz-Gelb sei nicht sicher, sagt Trittin vor grünen Kommunal-Politikern. "Ihr müsst kämpfen, um jede Stimme." So abgehoben er manchmal als Minister wirkte, so sehr will er als Kandidat seine weiche Seite zeigen. Manchmal, wenn er spricht, zieht er den Kopf ein, um sich kleiner zu machen. Er will im Team spielen.Jürgen Trittin gilt als der Denker, als Stratege der Partei. In seiner Freizeit spielt er Poker und Skat, und in seiner Arbeitszeit tüftelt er an seinen Zügen im Spiel um die Macht. Wer wird nach dem 27. September mit wem über was reden? Wo gibt es Schnittflächen? Wo unüberwindbare Gegensätze? Rot-Rot-Grün? Ampel? Jamaika? Dass Trittin fast alle Farb-Varianten gedanklich prüft, zeigt, wie groß sein Verlangen ist, nach vier Jahren Opposition die Grünen und sich selbst wieder an die Macht zu bringen.Politisch aktiv wurde Jürgen Trittin erstmals im Alter von sieben Jahren. Damals protestierte er gegen die Zeugniskonferenz. Später gegen vieles andere, vor allem gegen Atomkraft. Seine politischen Wurzeln liegen in Göttingen. Hier hat er Sozialwissenschaften studiert, hier ist er dem Kommunistischen Bund beigetreten. Er war im Studentenparlament, sympathisierte mit der Hausbesetzer-Szene und trat in den achtziger Jahren den Grünen bei. Damals trug er einen Guerilla-Schnurrbart. Heute ist der Schnurrbart ab.Statt zu Demonstrationen trifft sich Trittin mit Parteifreunden zur Fahrradtour durchs Leine- und Wesertal. Er trägt ein blaues Polohemd, khakifarbene Shorts, ein Baseball-Käppi und schwarze Turnschuhe mit roten Schnürsenkeln. Wenn Jürgen Trittin in die Pedale tritt, ist die Politik weit weg. Auf dem Radweg interessieren ihn Brennnesseln mehr als Koalitionen. Er grüßt Radfahrer, unterhält sich mit den Kindern seiner Freunde über die Schule, schwärmt vom Nacktbaden in Waldseen und vom ersten Bioenergiedorf Jühnde, das während seiner Zeit als Umweltminister eingeweiht wurde. Heute gibt es fünf davon in Niedersachsen. Selbst aus den USA kommen Besucher, um sich die Dörfer anzusehen. Darauf ist Trittin stolz.Einmal zeigt sich ein anderer Jürgen Trittin. Bei einer Rast in Dransfeld kommt ein NPD-Mann auf ihn zu. Er will provozieren, er stellt Fragen nach Trittins Vergangenheit. Der Mann lispelt und verhaspelt sich. Er sagt, er wolle sich nur unterhalten. Trittin antwortet nicht. Er würdigt den NPD-Mann keines Blickes. Er nippt an seiner Wasserflasche und reckt seinen Kopf nach oben. Dieses Mal macht er sich größer, wie ein Hahn vor einem Kampf. "Ich spreche nicht mit Nazis", sagt Trittin. Mehr nicht. Es ist ein Moment, in dem man ahnt, warum er auch als arrogant gilt.Manchmal durchbricht ein alter klassenkämpferischer Impuls Trittins Charme-Offensive. In seinen Reden macht er sich über den Adelstitel von Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg lustig. Innerhalb eines Tages wird aus "Minister Guttenberg" erst "Herr von Guttenberg", dann "Freiherr zu Guttenberg" und schließlich "der bayrische Baron von und zu Guttenberg". Doch Guttenberg ist nicht das einzige Ziel. Auch das Navigationssystem in seinem Wahlkampfbus bekommt sein Fett weg.Jürgen Trittin hat keinen Führerschein. Er wird in einem grünen Opel-Bus gefahren, und er verfolgt die Route mit dem Atlas auf den Knien und dem Finger auf der Landkarte. Selbst hier überlässt der Taktiker nichts dem Gegner. Er spricht mit ihm. Er erklärt das Navigationssystem für bescheuert. Oder lässt die Technik den berühmten Trittinschen Spott spüren. "Ach, das ist ja interessant. Nach rechts abbiegen? So ein Quatsch!" Wenn Jürgen Trittin dann aber aus dem Fenster schaut und am Horizont die Windräder sieht, dann wird er wieder milde. Dann steckt er den Atlas weg, verschränkt die Arme vor seiner Brust, schiebt sich ein Bonbon in den Mund und freut sich über den Sieg der neuen über die alte Energie. Dann weiß er wieder, warum es so schön war, Minister zu sein.Das BMW-Werk in Leipzig wirkt wie ein Ort der Zukunft. Manfred Erlacher, der Werksleiter, ist stolz darauf, wie umweltfreundlich hier gearbeitet wird. Er spricht über den reduzierten Energieverbrauch und über die Apfelbäume auf dem Gelände. "Bei uns nisten Feldlerchen und Stieglitze", sagt Erlacher. Er bemüht sich, die ehemalige Verbraucherministerin zu beeindrucken.Stunden zuvor hat Renate Künast die Deutschen aufgefordert, sich beim Autokauf an der Umweltliste des Verkehrsclubs Deutschland zu orientieren. Auf Platz eins bis sechs sind dort allerdings nur japanische Modelle gelistet. Die deutschen Autohersteller waren über die Bemerkung nicht glücklich, auch Manfred Erlacher nicht. Nun steht Künast vor ihm. Sie trägt über ihrem Hosenanzug einen hellgrauen Montagemantel. Ihr blondes kurzes Haar ist frech nach vorne gekämmt, ihre wachen Augen sind starr auf ihn gerichtet. Während er spricht, wippt sie mit ihrem Fuß. In der Hand dreht sie ein Kabel mit einem Kopfhörer. Es sieht so aus, als schwinge sie ein Lasso, mit dem sie Erlacher einfangen will, wie ein Cowboy ein Kalb. Von Reue über ihre Bemerkung keine Spur. "Ich bin eben eine Grüne", sagt Künast.Dann muss sie schnell wieder versöhnlich werden, schließlich wollen die Grünen ihr Verhältnis zur Industrie verbessern. Die Versöhnung zwischen Ökonomie und Ökologie ist grünes Wahlkampfmotto. "Aus der Krise hilft nur Grün", heißt es auf Plakatwänden überall in der Republik. Bei BMW in Leipzig präsentiert sich Künast als Expertin der Herstellung. Als Erlacher ihr die Produktionsstraße zeigt, erläutert sie selbst die Abläufe. Sie weiß, wie schnell ein Arbeiter schrauben muss, um in einen Wagen ein Cockpit einzubauen.Die Rolle der Auto-Grünen passt zum burschikosen Wesen von Renate Künast. Sie macht gerne auf Junge, auf Kumpel. Vielleicht ist das ein Relikt aus ihrer Zeit als Sozialarbeiterin in der Jugendstrafanstalt Berlin-Tegel. Sie trägt Schmuck, doch der dient nicht nur der Zierde. Er ist ein Spielzeug, mit dem sie ihre Nervosität kontrolliert. Oft zieht sie ihren Rosenquarz-Ring vom Finger, dreht ihn und steckt ihn dann wieder an. In Röcken sieht man sie nicht, vielleicht auch deshalb, weil die sie in ihrem Bewegungsdrang einschränken würden. In engen Röcken geht man anders als in Hosen, man muss kleinere Schritte machen. Das passt nicht zu Renate Künast. Sie geht um voranzukommen. Deshalb trägt sie häufig Hosenanzüge. Sie stehen ihr gut, besser als Angela Merkel.Renate Künast ist neben Merkel die andere Frau in diesem Wahlkampf. Sie hat sich darüber geärgert, dass Merkel neben Vera Lengsfeld tief dekolletiert auf Wahlplakaten zu sehen war. Weil sie die Abbildung als frauenfeindlich empfand. Und weil Merkels Dekolleté ihrer Meinung nach retouchiert worden war. "Schönheit kommt von innen", sagt Künast. Allerdings hat auch sie ganz offensichtlich Hilfe von außen in Anspruch genommen, um auf den Wahlplakaten gut auszusehen, sie wirkt stark geschminkt.Renate Künast wäre gerne die einzige Spitzenkandidatin ihrer Partei geworden. Doch dann forderte Jürgen Trittin seinen Platz, und sie hat sich auf das Zweckbündnis eingelassen. Wenn Renate Künast heute Wahlkampf macht, nutzt sie jede Gelegenheit, um an ihre Zeit als Ministerin zu erinnern.Eine ihrer liebsten Geschichten von damals trägt den Titel "Der Mitropa-Mord". In dem Text, den sie 2002 in der FAZ veröffentlichte, warnte sie den damaligen Bahnchef Mehdorn davor, die Speisewagen abzuschaffen. Mehrdorn gab nach, die Wagen blieben. Wenn Künast heute Zug fährt, feiert sie jedes Mal diesen Sieg. Mit Putenbrust-Salat.Viele Menschen kennen Renate Künast aus ihrer Zeit als Verbraucherministerin, und sie zeigen das auch. Manche schauen nur schüchtern und stumm, einige heben ihre Faust als Zeichen der Solidarität, andere sprechen Künast direkt an. Am Bahnhof, im Zug, auf der Straße. Sie genießt das. Wenn Trittin der Stratege ist, dann ist sie die Königin der Verbraucher-Herzen. Mit ihrer schnodderigen Art vermittelt sie ein Gefühl von Standhaftigkeit. Sie hat auf alles eine Antwort. Wer sie nicht für nervig hält, hält Künast für ehrlich. In Leipzig treibt das an diesem heißen Sommerabend 150 Leute in eine Fabrikhalle. Sie wollen Künast reden hören, über Bio-Essen. Am Ende steht ein Mann auf und dankt ihr für alles, was sie getan hat.Wann sich Jürgen Trittin und Renate Künast kennen gelernt haben, kann keiner mehr sagen. Es ist ewig her. Künast erinnert sich daran, dass sie Trittin im Jahr 1990 einen Wanderpokal übergeben hat. Rot-Grün war damals in Berlin abgewählt und Trittin als Minister in Niedersachsen an der Regierung. Dann siegte Rot-Grün gegen Helmut Kohl. Im Jahr 2005 verloren die beiden Grünen die Macht wieder. Nun haben sie ein zweite Chance. Wenn sie verlieren, rückt eine neue Generation nach. Das wissen sie, das verbindet sie.Vor einiger Zeit hat Jürgen Trittin für Renate Künast gekocht. Es gab Ossobucco. Es war ein Abend zu viert, die jeweiligen Lebenspartner waren dabei, und offenbar hat er etwas gebracht. Als Trittin neulich sein eigenes Wahlkampffoto kritisierte, weil einige Bartstoppel darauf zu sehen sind, beruhigte ihn Künast mit der Feststellung: "Ich finde es gut. Du siehst aus wie George Clooney." Als Künast vor kurzem gefragt wurde, wen sie am liebsten als Wirtschaftsminister hätte, sagte sie: "Na, wenn es schon ein Mann sein muss, dann den Jürgen." Als die Frage an Trittin ging, lächelte er und erklärte, er wolle Künast nicht als Ministerin. "Ich will, dass Renate Kanzlerin wird."------------------------------"Ich finde es gut. Du siehst aus wie George Clooney." Renate Künast über Jürgen Trittins Wahlkampffoto"Ich will, dass Renate Kanzlerin wird." Jürgen TrittinFoto: Sie ergänzen sich, halten sich gegenseitig in Schach: Renate Künast und Jürgen Trittin bei der Präsentation ihrer Wahlplakate im Juli.

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