In Berlin wird seit wenigen Tagen der Reparaturbonus gezahlt. Geht ein Elektrogerät kaputt, übernimmt das Land einen Teil der Reparaturkosten. Hunderte Euro können sich Berliner Verbraucher so sparen, wenn sie beispielsweise ein entsprechendes Reparaturcafé der Hauptstadt besuchen. Nachhaltig und ressourcenschonend soll es laut den Angaben der Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt sein. Das Land setzt mit dem Vorhaben sowohl einen EU-Beschluss vorzeitig um als auch einen Punkt des vereinbarten Berliner Koalitionsvertrags.
1,25 Millionen Euro stehen in Berlin zur Verfügung, um alten und kaputten Produkten zu neuem Glanz zu verhelfen. Ein Experte wundert sich über die Vorreiterrolle der Hauptstadt wenig. Aber: Kann das ganze Konzept überhaupt funktionieren?
Tim Seewöster, Geschäftsführer des Refurbishment-Experten Asgoodasnew, handelt und repariert täglich im großen Stil generalüberholte und gebrauchte Geräte. Er erklärt gegenüber der Berliner Zeitung, dass der Reparaturbonus des Landes im Grunde durchaus eine gute Idee sei – es jedoch an der Umsetzung hapern könnte.
Tim Seewöster, Chef des Unternehmens Asgoodasnew
© Tim Seewöster
Reparatur bei Herstellern kann preisintensiv sein
„Ich persönlich habe ein Problem damit, dass wir eigentlich an der falschen Stelle helfen“, sagt Seewöster. Statt dem Konsumenten Geld in die Hand zu geben, müssten die Hersteller verstärkt in die Pflicht genommen werden, reparierbare Geräte zu bauen. Schon jetzt gebe es Probleme: Namhafte Hersteller wie Apple oder Samsung würden Reparaturen immer schwerer machen, so Seewöster im Gespräch. Werde beispielsweise versucht, ein Display oder Akku bei einem iPhone von Apple zu wechseln, könne es passieren, dass Fehlermeldungen auftauchen, die einen Konsumenten verunsichern.
Den Angaben zufolge könne dies auch vorkommen, wenn es sich um ein Ersatzteil handelt, das identisch ist, aber „nicht in irgendeiner Art und Weise eine Lizenz von Apple hat“. Reparieren die Hersteller ein Smartphone beispielsweise selbst, könne es derzeit schnell teuer werden. „Mit Einführung des iPhone 16 sind die Reparaturpreise – etwa von einem Akku – noch einmal um fast 24 Prozent gestiegen“, so Seewöster.
Berlin will Reparaturen fördern – und wird Vorreiter
Erst im Jahr 2026 soll das europaweite Recht auf Reparatur in allen EU-Mitgliedsstaaten gelten. Bis dahin wagt Berlin mit weiteren Bundesländern wie Thüringen und Sachsen als erste Bundesländer in Deutschland einen Alleingang, ein vergleichbares Vorhaben umzusetzen. Durch das EU-Recht sollen künftig Hersteller in die Pflicht genommen werden, die Lebensdauer von zahlreichen Produkten durch Reparatur zu verlängern. Entsprechende Pflichten sollen sich dann für die Tech-Riesen und Mitgliedsstaaten ergeben. Mehrere Anreize für Verbraucher sollen geschaffen werden – etwa durch angemessene Preise bei herstellereigenen Ersatzteilen.
Damit die Reparaturen für Privatleute noch erschwinglicher werden, müssen die EU-Staaten mindestens eine Förderungsmaßnahme beschließen; beispielsweise in Form von Gutscheinen oder Fördergeldern – was Berlin ab Montag sozusagen schon vorab umsetzt. Dies kann nach Angaben Seewösters durchaus kritisch gesehen werden: „Ich glaube, dass wir da zu schnell schießen mit dem Thema. [...] Das heißt, bis das jetzt wirklich mal in nationales Recht umgewandelt wird, gibt es da noch ein paar Fallstricke.“ Beispielsweise würden sich aus Unternehmersicht womöglich rechtliche Schwierigkeiten ergeben. „Der Teufel steckt da im Detail“, führt Seewöster aus.
Konsumenten kaufen häufig keine neuen Geräte
Im Zweifel sollten sich Verbraucher nicht für ein neues Gerät entscheiden, sondern eine kostengünstige und schnellere Reparatur bekommen. Seewöster betont, dass der Trend bei Konsumenten auch generell in Richtung Nachhaltigkeit gehe. „Mich wundert es eigentlich nicht, dass Berlin nun auf diesen Zug aufspringt [...]. Refurbished ist das neue Bio – nur günstiger.“ Immer mehr Menschen würden sich inzwischen gegen einen Neukauf von Smartphones, Tablets, Kameras und Objektiven entscheiden.
Die Bereitschaft dazu steige allerdings derzeit gesamtgesellschaftlich auch aufgrund der konjunkturellen Lage. Vielleicht sei dies auch ein Grund, warum das Land Berlin nun eine Millionensumme an Steuergeldern für den Reparaturbonus ausgebe. Seewöster hält es für möglich, dass die veranschlagte Summe von 1,25 Millionen Euro zu niedrig sein könnte. Wenn eine Reparatur im Schnitt 100 oder 200 Euro koste, sei die Summe auf 3,6 Millionen Einwohner heruntergerechnet eher „homöopathisch“. Seewöster: „Ich würde mal sagen, ein Tropfen auf den heißen Stein – und im Zweifel an anderer Stelle sinnvoller investiert. Auch wenn wir uns über den Vorstoß freuen müssten.“
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