Revolutionen im Iran

Martina Doering
4 Min

Im Iran werden sich jetzt einige an die Zeit erinnern, als sie den Kampf gegen den Schah und sein Terrorregime aufnahmen. Sie werden an die Symbolik denken, die die Aufständischen Ende der Siebzigerjahre benutzten, an die Massenproteste, an die Blutbäder sowie daran, dass sich die Spirale der Gewalt damals immer schneller zu drehen begann. Diejenigen, die sich erinnern, stehen heute auf beiden Seiten der Front im Iran: Die einen gehören zur Führung um Ajatollah Ali Chamenei und Präsident Mahmud Ahmadinedschad, die anderen unterstützen die grüne Opposition.Aber der Iran hat eine sehr junge Bevölkerung: über die Hälfte der Bürger sind unter 30 Jahre alt. Sie kennen Schah-Zeit und Revolution nur aus Büchern und Erzählungen. Sie sind mit und in dem System aufgewachsen, das diese Revolution hervorbrachte und sie leben mit den Konsequenzen. Nur einen Teil dieser Jugend konnte die religiöse Führung an sich binden - durch Jobs, Privilegien oder durch Einbindung in den Sicherheitsapparat. Die anderen aber leiden - unter der wirtschaftlichen Misere, Korruption, sozialer Unsicherheit. An der Unfreiheit, den rigiden Vorschriften, der Heuchelei, der Repression, dem Regulierungswahn des Systems, das alles vorschreiben will, selbst wie man zu leben und zu lieben, zu denken und zu wählen hat.Immer hatten die iranischen Eliten die Wahlen manipuliert. Der Sieg des Reformers Chatami 1994 war nur ein Betriebsunfall. Doch das Ergebnis der Präsidentschaftswahl im Juni dieses Jahres wollten vor allem die jungen Iraner in den Städten und an den Universitäten des Landes nicht mehr hinnehmen. Vier Jahre mit Mahmud Ahmadinedschad an der Spitze, vier Jahre wirtschaftlicher Niedergang, verschärfte persönliche Einschränkung und internationale Isolation waren genug, Die jungen Leute gingen nach der Wahl auf die Straße, skandierten Parolen von den Dächern, nutzten Feiertage, Feste und Jubiläen für ihre Proteste. Diese Unmutsbekundungen erreichten nun zum Aschura-Fest einen neuen und auch blutigen Höhepunkt. Die Sicherheitskräfte schlugen erbarmungslos zu, die Demonstranten warfen Steine, setzten Gegenstände in Brand.Fast alle Revolutionen, alle mit Gewalt erzwungenen Veränderungen, fangen so an. Und es wäre eine Ironie der Geschichte, wenn das Ende der iranischen Theokratie ausgerechnet mit dem Aschura-Fest eingeleitet worden wäre, also jenem Fest, das für die Schiiten der höchste Feiertag in ihrem Kalender ist. Sie trauern dabei um Imam Hussein, den Enkel des Propheten Mohammed, der 680 in der Schlacht bei Kerbala starb.Doch bis das System tatsächlich stürzt, wird noch viel Zeit vergehen und wahrscheinlich auch viel Blut fließen. Die Revolutionsgarden und Sicherheitskräfte trainieren seit Jahren nicht mehr vorwiegend für die Abwehr äußerer Feinde, sondern vor allem für die Aufstandsbekämpfung im Innern. Die grüne Opposition ist noch immer eher ein Netzwerk, denn eine organisierte Bewegung. Sie wird vor allem von Studenten und Intellektuellen getragen und genießt zwar wachsende Unterstützung in der Bevölkerung. Aber es muss ihr gelingen, diese Bevölkerung mitzureißen, um ihre Ziele zu erreichen. Das jedoch ist das nächste und es ist das größte Problem. Klare Ziele werden derzeit fast ausschließlich von Exil-Iranern, ausländischen Denkfabriken und Politikern formuliert. Die Volksmudschaheddin möchten ein von ihnen dominiertes islamisches Regime, andere Gruppen wollen die Trennung von Staat und Religion, also eine säkulare Demokratie, wieder andere wünschen sich sogar die Monarchie zurück. Manch westlicher Politiker will einfach nur, dass dieses Regime mitsamt dem System fällt - weil er den Iranern demokratische Verhältnisse wünscht, weil der Iran im Chaos der folgenden Jahre sein Nuklearprogramm zu den Akten legen muss, weil eine Gefahr für Israel abgewendet wäre.Viele Iraner hingegen, darunter auch prominente Unterstützer der grünen Opposition wie Ex-Präsident Mohammed Chatami und Oppositionsführer Mir Hussein Mussawi, wünschen sich wohl zur- zeit nur eine Reformierung, nicht eine Abschaffung des Systems. Die meisten haben, was sehr verständlich ist, schlicht und einfach Angst vor einem gewaltsamen Umsturz, vor Chaos und Blutvergießen. Ihr Land ist schließlich ein Beispiel dafür, dass Revolutionen nicht so ausgehen, wie es sich die Mehrheit ihrer Protagonisten wünscht. Am Sturz des Schahs hatten sich einst Nationalisten und Trotzkisten, Anarchisten und Kommunisten, Sozialdemokraten und eine starke Frauenbewegung beteiligt. Bekommen aber haben sie alle die Islamische Republik.Es ist richtig, dass westliche Regierungen den Einsatz der Sicherheitskräfte anprangern und darüber nachdenken, wie man der grünen Opposition helfen kann. Aber es ist auch richtig, klug und zudem im Interesse aller Iraner, beide Seiten zu einem Dialog aufzufordern und sich dafür einzusetzen.------------------------------Es wäre eine Ironie der Geschichte, wenn das Ende der Theokratie ausgerechnet mit jenem Fest eingeleitet worden wäre, das für die Schiiten der höchste Feiertag ist.

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