Richard Clarke, ehemaliger Anti-Terror-Koordinator der USA, hat einen Roman geschrieben

Angriff auf Islamijah

Christian Esch
4 Min

Die einzigartige Immunität der Regierung Bush gegen jede Kritik wurde im Frühjahr 2004 auf ihre härteste Probe gestellt. Da behauptete ein Anti-Terror-Experte, hochrangiger Sicherheitsberater unter Vater Bush und Bill Clinton und Sohn Bush, dass die konservativen Hardliner ausgerechnet das Thema Terrorismus systematisch missachtet hätten; das vorgefasste Ziel eines Einmarsches im Irak habe ihnen den Blick verstellt. Richard Clarkes Bericht "Against all Enemies" erschütterte damals die Öffentlichkeit; insbesondere durch eine Szene, die sich im Weißen Haus am 12. September 2001, einen Tag nach den Anschlägen, zugetragen habe.Der Präsident habe ihn, Clarke, nach einer Sitzung des Nationalen Sicherheitsrats im Lageraum beiseite genommen und hinter geschlossener Tür gesprochen. Bush habe gefordert, die Verbindung zwischen den Anschlägen und dem Irak herauszufinden. "Aber, Herr Präsident, das war El Kaida."- "Ich weiß, ich weiß - aber schauen Sie, ob Saddam mit drin steckt. Schauen Sie einfach nach. Mich interessiert jeder Schnipsel." So oft und so heftig hat Bush laut Clarke alle Einwände übertönt, dass der Eindruck nahe liegt: er forderte in diesem Moment zur Fälschung auf. Clarkes Einblick in den innersten Zirkel der Macht elektrisierte die amerikanische Öffentlichkeit. Das Weiße Haus bemühte sich mit schlechten Argumenten, die Szene anzuzweifeln.Nun lässt Richard Clarke seinem Tatsachenbericht einen Polit-Thriller folgen, der soeben auf deutsch erschienen ist (was man dem Titel wieder nicht anmerkt). "The Scorpion's Gate" ist nämlich literarisch anspruchslos und selbst als Flughafenlektüre mühsam. Aber dass hier ein professioneller Weltuntergangsprophet und -verhinderer - oder doch ein US-Untergangsverhinderer - seine Untergangsfantasien einmal breit ausrollt, macht es interessant; hier wirft ein Autor einen Blick in den Lageraum des Weißen Hauses, der ihn auch in Wirklichkeit kennt.Rund ein Jahrzehnt nach den Anschlägen vom 11. 9. 2001 trifft sich nämlich wieder mal der Nationale Sicherheitsrat im Westflügel des Weißen Hauses. Die Welt hat sich verändert, und das nicht zum Besten, jedenfalls nicht für die USA. Aus dem Irak mussten sie abziehen, die dortige schiitische Mehrheitsregierung neigt der frischgebackenen Atommacht Iran zu. Schlimmer noch: in Saudi-Arabien haben Islamisten das Königshaus gestürzt. Die Prinzen verpulvern ihr Geld im Exil in L.A. und Houston und kaufen amerikanischen Luxus und amerikanische Politiker, während das umgetaufte Land "Islamijah" sich von Amerika abgewandt hat und die öldurstigen Chinesen Raketen stationieren lässt, womöglich mit Atomsprengköpfen. In Bahrain finden Terror-Anschläge statt.Das ist die Ausgangslage, als der Held Russell McIntyre - Mitarbeiter eines neugeschaffenen Geheimdienstes, der allein mit der Nachrichtenauswertung betraut ist - an einer Sitzung des Nationalen Sicherheitsrats teilnimmt, damit der Leser durch seine Augen die wahre Fiesheit von Verteidigungsminister Henry Conrad kennen lernen möge. Wenn man in McIntyre das Alter Ego von Clarke sehen darf - der Fachmann, dessen Arbeit nicht gewürdigt wird - dann ist Conrad der ins Dämonische übersteigerte Clarke-Widersacher Donald Rumsfeld. Bleibt noch die Rolle des Irak neu zu besetzen, und zwar mit Riad: Verteidigungsminister Conrad, anstatt die wahre Gefahr aus Iran zu bekämpfen, plant einen Angriff auf das Islamisten-Regime im ehemaligen Saudi-Arabien. Nur durch die Insubordination von McIntyre und Gleichgesinnten in aller Welt gelingt es, einen Weltenbrand zu verhindern.Viele, viele Namen kommen in diesem Buch vor, deren Träger so nachlässig gezeichnet sind, dass man sie stets verwechselt, und die einander formelhaft mit "Bei allem Respekt." ansprechen. Wenn Sony Pictures den Stoff verfilmen will, was es vorhat, gilt es da noch einiges mit Leben zu füllen, besonders die einzige papierene Liebesszene. Wir freuen uns aber schon auf die Filmszenen, die im Islamisten-Regime von Riad spielen. Denn dass nicht jeder Kaida-Veteran ein Schurke ist, ist eine der Hauptaussagen des Buches, die in Romandialoge umzusetzen aber schwer fiel. Der edle Sicherheitschef von "Islamijah" zum Beispiel wird von seinem Bruder aufgeklärt: "Ahmed zog ein blaues Buch unter seinem Gewand hervor. ,Dieser UN-Bericht wurde von Arabern verfasst.Schau dir diese Zahlen an', fuhr Ahmed fort und blätterte hastig um." Er zitiert empört, wie viel schlechter die Araber ans Internet angeschlossen sind als die Südkoreaner. Es ist ein Dialog wie in einem Washingtoner Think-Tank ausgedacht; ordentliche Zahlen und ordentliche Quellen ergeben ordentliche Entscheidungen. Gäbe es die kleine Übergabe dieses blauen Buches nicht, die Uno käme in diesem Roman gar nicht vor. So hat sie doch noch eine tragende Rolle.------------------------------Foto: Richard A. Clarke: The Scorpion's Gate. Aus dem Amerikanischen von Karin Dufner. Hoffmann und Campe, Köln 2005. 352 S., 19,95 Euro.------------------------------Foto: Das Land des Propheten heißt in Clarkes Roman nicht mehr Saudi-Arabien, sondern Islamijah - und wird zu Unrecht als Schurkenstaat behandelt.

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