Jutta G. quält sich ins Bett. Ihr Gang ist unsicher, sie fühlt sich schwach. Gut schlafen kann sie schon lange nicht mehr. Stattdessen liegt die 54-Jährige mit dem Smartphone in der Hand neben ihrem Mann und durchforstet das Internet. Immer mehr mögliche Ursachen für ihr Leiden spuckt „Dr. Google“ aus. Alle grundverschieden. Von harmlosen Mangelerscheinungen bis hin zu schwerwiegenden Krankheiten ist alles dabei.
Längst ist Jutta G. nicht mehr allein damit, noch lange vor dem ersten Gang zu einem Arzt Dr. Google zu fragen. Denn der weiß vermeintlich alles. Fast 40 Prozent der Deutschen suchen laut einer Umfrage der Bertelsmann Stiftung im Internet nach Rat. Tendenz steigend. In zahlreichen Foren tauschen Patienten ihre Leidensgeschichten aus. Bevor sie ein verordnetes Medikament einnehmen, fragen sie andere „Gesundheitssurfer“ nach deren Meinung.
„Die Digitalisierung verändert auch das Gesundheitswesen“, sagt Ruth Denkhaus vom Zentrum für Gesundheitsethik an der Evangelischen Akademie Loccum. Dabei ist es nicht unbedingt der beste Weg, erst einmal die Krankheit oder das Symptom einfach bei Google einzugeben.
Pro und Contra
Jutta G. treibt die Sorge um. Ihre Selbstdiagnose mit Hilfe von Dr. Google: Sie leidet unter einer Einengung im Bereich der Halswirbelsäule. Die Symptome stimmen. Sie geht zum Arzt. Stefan Kroppenstedt, Chefarzt der Klinik für Wirbelsäulenchirurgie an den Sana Kliniken Sommerfeld, untersucht die Patientin. Dass sie ihm ihre Recherche-Ergebnisse vorlegt, stört den erfahrenen Arzt nicht. „Das Internet hat seine Vor- und Nachteile. Man kann im Internet sehr gute und informative Artikel finden. Die Herausforderungen für den medizinischen Laien bestehen aber darin, den geeigneten Artikel zu finden und anschließend mit den Informationen richtig und besonnen umzugehen“, sagt Kroppenstaedt gelassen.
Viele Kollegen des Berliner Wirbelsäulen-Spezialisten sehen allerdings mit Sorge, dass es Patienten wie Jutta G. immer häufiger gibt. 45 Prozent der Mediziner sind der Meinung, die Recherche der Patienten zu medizinischen Fragen erzeuge überzogene Erwartungen.
Fast ein Drittel der Befragten glaubt zudem, dass die Recherche im Internet Patienten verwirre und das Vertrauen zum Arzt beeinträchtige. Knapp ein Viertel empfiehlt Patienten deshalb, nicht im Web zu suchen. „Wie gut ein Arzt damit umgehen kann, dass Googles Meinung anfangs oft in Konkurrenz zu der des Mediziners steht, hat etwas mit seiner Souveränität zu tun“, findet Kroppenstaedt, „und auch damit, wie der Patient dem Arzt gegenübertritt. Patienten können sich immer und jederzeit informieren, aber dann sollten sie sich von dem Mediziner unvoreingenommen beraten lassen und ihm vertrauen.“
Das ist nach Erfahrung von Kroppenstaedt die Regel. „Insofern finde ich es positiv, wenn Patienten sich im Vorfeld eines Arztbesuches informieren. Bei einigen Patienten führen Googeln und die damit verbundene Informationsflut jedoch auch zu unnötigen Sorgen.“
Problem: Was ist seriös?
Denn das Hauptproblem ist für Mediziner und Laien dasselbe: die Frage nach der Vertrauenswürdigkeit der Quelle im Internet. Laut Umfrage kennen nur 21 Prozent der befragten Ärzte die Internetseite „patienten-information.de“ des Ärztlichen Zentrums für Qualität in der Medizin, das immerhin das gemeinsame Kompetenzzentrum von Bundesärztekammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung ist. Und nur ein Drittel davon vertraut ihr auch – weniger, als die, die Wikipedia glauben.
Wie steht es dann erst um die Patienten? Woher sollen die wissen, wo sie sich über Gesundheitsfragen sicher informieren können?
„Was wir brauchen, ist ein Gesundheitsnavigator“, sagt Eva Baumann, Kommunikationswissenschaftlerin und eine der Autorinnen der Umfrage zu Dr. Google. Sie weiß, dass dafür auch die Ärzte gefordert sind: Sie könnten eine Lotsenfunktion übernehmen.
Aber zurück zu Jutta G.. Nach einer ausführlichen Untersuchung hat Dr. Kroppenstaedt seine Patientin zur Kernspintomographie geschickt. Und die gab der Frau und ihrer Dr. Google-Recherche Recht. Das MRT bestätigte eine Einengung des Spinalkanals mit deutlicher Kompression des Rückenmarks.
Jutta G. hat durch Googeln herausgefunden, was sie hat. Und sie ging deshalb frühzeitig zum Arzt, weil sie ihre Beschwerden nicht verharmlost hat. Stefan Kroppenstaedt kann ihr nun helfen, die Beschwerden zu lindern.
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