Der bemannten Raumfahrt stehen zwei neue Zitterpartien bevor: An diesem Sonnabend wollen die Russen - so alles nach Plan verläuft - nach mehrfacher Startverschiebung eine russisch-französische Crew zu ihrer Raumstation Mir schicken. Aus Kostengründen benutzen sie dafür erstmals eine leistungsschwächere Version der Sojus-Trägerrakete. Die Sicherheit soll dennoch nicht beeinträchtigt sein, heißt es in Moskau. - Bei der NASA erinnern neue Probleme mit den US-Raumfähren in fataler Weise an die Challenger-Katastrophe 1986.Meldungen, wonach der Start mit einer schwächeren Rakete erfolgen soll, bestätigte uns der erste deutsche Kosmonaut Dr. Sigmund Jähn, der sich gegenwärtig im "Sternenstädtchen" in der Nähe von Moskau aufhält. Für den Start des Raumschiffes Sojus TM 24 werde erstmals ein Trägersystem verwendet, das bisher nur für Satellitenstarts, nicht aber für bemannte Missionen zum Einsatz kam.Diese Rakete vom Typ Sojus U arbeitet mit Kerosin, im Unterschied zur Sojus U 2 für den bemannten Betrieb, die den synthetischen Treibstoff Ziglin benutzt. Ziglin erzeugt einen höheren spezifischen Schub, der erforderlich ist, um die 6,85 Tonnen schweren Sojus-Raumschiffe in die Umlaufbahn zu schießen, während für die leichteren Satelliten die mit Kerosin angetriebene Rakete genügt. Beide dreistufigen Versionen von Sojus U und Sojus U 2 sind in verschiedenen Modifizierungen jedoch seit fast drei Jahrzehnten im Einsatz und weisen eine relativ hohe Zuverlässigkeit auf. Ursache für den Wechsel des kosmischen Arbeitspferdes ist die katastrophale finanzielle Lage in Rußland, die zu einem Mangel an leistungsstarken Trägerraketen führte, so daß auf schwächere Träger zurückgegriffen werden muß. Zugleich kann Geld für den teureren Ziglin-Treibstoff gespart werden. Wie Sigmund Jähn sagte, ist seit Monaten bekannt, daß kein automatisches Kopplungssystem mehr für das Anlegen des Raumschiffes an die Station Mir zur Verfügung stehe - der Herstellerbetrieb ging in Konkurs. Deshalb müssen die Annäherungs- und Kopplungsmanöver per Hand ausgeführt werden. Der unfreiwillige Verzicht auf den schweren Kopplungsautomaten kommt jedoch den jetzigen Ambitionen, Startmasse einzusparen, entgegen. Ein Sicherheitsrisiko besteht offenbar nicht, jedenfalls, so Jähn, gehöre das handgesteuerte Andocken des Raumschiffes an die Station Mir zum Training und sei schon oft praktiziert worden. Nicht zuletzt wurde, um noch mehr Raumfahrt light zu zelebrieren, auf die Winterausrüstung für die Kosmonauten verzichtet (vorgesehen für den Fall, daß sie in kälteren nördlichen Regionen landen). Daß die Raumreisenden vor dem Start auf Diät gesetzt wurden, um auch bei ihnen an Startgewicht zu sparen, darf indes als Ulk der Nachrichtenagentur ITAR-TASS verbucht werden. Infarkt nicht bemerkt Keine finanziellen oder technischen Probleme, sondern ein Versagen ganz anderer Art führte zu allem Überfluß dazu, daß die letzten Startvorbereitungen hektisch wurden: Kurz vor dem Abflug der Kosmonauten zum Startplatz Baikonur deckte ein EKG des Kommandanten Gennadi Manakow einen Herzinfarkt auf, den er offenbar unbemerkt überstanden hatte. Der Kosmonaut, der schon zweimal zur Mir geflogen ist und sich 310 Tage im Weltraum aufgehalten hat, wurde sofort in ein Krankenhaus eingewiesen. Die Flugleitung entschied, daß nun die Doubles des Kommandanten und des Bordingnieurs, Valeri Korsun und Alexander Kaleri, ins All fliegen. Auf Wunsch der französischen Seite bleibt es jedoch beim Einsatz der ersten Spationautin, Claudie Andre-Deshays.Auch auf Cape Canaveral geht es seit einigen Wochen heiß her, wurde doch die NASA an ihrer empfindlichsten Stelle getroffen: Zum ersten Mal seit der Challenger-Katastrophe am 28. Januar 1986, bei der sieben Astronauten den Tod fanden, traten bei der Zündung der Feststoff-Zusatzraketen (Booster) der Raumfähre Columbia wieder heiße Gase aus und drangen bis zu den Dichtungsringen an den kritischen Verbindungsstellen vor. Das entdeckten NASA-Ingenieure am 1. Juli bei der Kontrolle der beiden Booster, die leergebrannt an Fallschirmen niedergingen und zur Wiederverwendung aus dem Meer gefischt wurden. Im Unterschied zum damaligen Unglück war jedoch diesmal nur der in den umkonstruierten Raketen vorhandene zusätzliche, dritte Dichtungsring betroffen. Mangelhafter Klebstoff Bei beiden Boostern der Columbia drangen die Verbrennungsabgase des festen Treibstoffs an sechs Verbindungen fast am ganzen Umfang der Rakete bis zu diesem O-Ring vor, ohne ihn jedoch zu beschädigen. Wie die NASA berichtete, wurde nach der Untersuchung des Unglücks vor zehn Jahren zur Erhöhung der Sicherheit an den Dichtungsringen zunächst der Klebstoff Morstik 132 verwendet. Doch da dieser den ozonschädigenden Stoff Trichlorethan enthält, untersagte die amerikanische Umweltbehörde vor einiger Zeit seine weitere Herstellung. Der auf Wasserbasis aufgebaute neue Kleber Morstik 227, der erstmals bei der Columbia Verwendung fand, soll zwar umweltfreundlicher sein, hat aber offensichtlich versagt. Da auch bei den Boostern der Raumfähre Atlantis diese Technik zum Einsatz kam, müssen die Raketen demontiert und gegen solche ausgetauscht werden, die noch über den alten Kleber verfügen. Unfreiwilliger Rekord Der für den 31. Juli vorgesehene Start der Atlantis zur vierten Kopplung mit der Mir mußte deshalb um sechs Wochen verschoben werden. Jetzt soll er am 12. September erfolgen. Das ist wie bei fast allen Startterminen der letzten Zeit ein Donnerstag. Dieser erlaubt es der unter knappem Budget leidenden NASA - auch die Amerikaner müssen sparen - den Countdown am Montag morgen zu beginnen und so die Wochenendzuschläge für die Mitarbeiter einzusparen.Die Verschiebungen wirken sich auf den gesamten weiteren Flugplan der Space Shuttle aus. So ist die amerikanische Astronautin Shannon Lucid, die seit mehr als vier Monaten auf Mir arbeitet, gezwungen, anderthalb Monate länger im Orbit zu bleiben. Sie tut das gern, konnte sie doch bereits am 15. Juli den USA-Langzeitrekord einstellen, den Norman Thagard mit 115 Tagen hielt. Kurz vor ihrer Heimkehr mit der Atlantis wird sie am 17. September auch den Rekord des deutschen ESA-Kosmonauten Thomas Reiter brechen, der als einziger Nichtrusse 184 All-Tage für sich verbucht. +++
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