Robert Kahn gilt als einer der Väter des Internets. Der US-Informatiker arbeitete lange für die Advanced Research Projects Agency (ARPA). Dort entwickelte er in den 70er-Jahren zusammen mit Vinton Cerf das Transmission Control Protocol und das Internet Protocol (TCP/IP). Für seine Leistungen erhielt er den Turing Award, die höchste Auszeichnung für Informatiker, vergleichbar dem Nobelpreis. Der inzwischen 70-Jährige ist immer noch in der Forschung aktiv.Nach dem Sputnikschock in den 50er Jahren wurde in der USA der Forschungsverbund Arpa gegründet, um den technologischen Rückstand zur Sowjetunion aufzuholen. Die Arpa schuf das Arpa-Net, aus dem später das Internet hervorging. Haben wir das Internet also dem Sputnik zu verdanken?Wenn man der Logik folgen will, ja. Das Arpa-Net war eins der ersten Netze, die das Internet bildeten.Auf Ihrer Entwicklung beruht der Versand von Daten im Netz noch heute. Was war das Neue daran?Wir haben einzelnen Computern eine IP-Adresse gegeben. Ursprünglich waren die Datenpakete im Netz an die Kabel adressiert, die den Computer mit dem Netz verbanden. Außerdem regelt das Protokoll den Umgang mit den Datenpaketen. Was passiert zum Beispiel, wenn ein Paket von 2 000 bit Größe in ein Netzwerk kommt, das nur 1000-bit-Pakete akzeptiert? Es wird in zwei Teile geteilt und beim Empfänger wieder zusammengesetzt. Das Internet ist eine Vielzahl von Netzwerken. Durch TCP/IP werden sie verknüpft und können zusammenarbeiten.Haben Sie mit Ihrer Erfindung viel Geld verdient?Nein, und hätten wir das versucht, hätte es das Internet nie gegeben. Ich war damals bei der Regierung angestellt und wollte einen gesellschaftlichen Beitrag leisten. Wie haben nicht anders davon profitiert, als dass wir bekannt wurden und eine Menge Auszeichnungen bekommen haben. Mein Ziel war nicht, viel Geld zu verdienen, sondern interessante technische Ideen zu verwirklichen. Dafür braucht man natürlich auch finanzielle Ressourcen. Bei der ARPA hatte ich das weltgrößte Budget für Computerforschung. Ich weiß, was man alles mit Geld machen kann. Aber es kommt darauf an, was einem im Leben wichtig ist.Als Sie das TCP/IP Protokoll schrieben, ahnten Sie da schon, wie wichtig es einmal werden würde?Wollen Sie die scherzhafte oder die ehrliche Antwort?Beide.Die scherzhafte ist: Natürlich! Nachdem wir es geschrieben hatten, waren irgendwann die großen Fernmeldegesellschaften interessiert. Nach ein paar Jahren kam die US-Regierung und erlaubte es allen, ihr Netzwerk zu benutzen. Wir haben das ganz klar vorhergesehen. Die ehrliche lautet: Nein, es war ein Forschungsprojekt. Wir suchten nach technischen Antworten unabhängig davon, was irgendwer in der Zukunft damit anfangen würde.Sind Sie manchmal neidisch auf Tim Berners-Lee, der die Idee mit dem World Wide Web hatte?Nein, das war ein wunderbare Entwicklung. Einen File Transfer gab es schon in den 70er-Jahren. Aber damals musste man wissen, was für ein Computer das ist, auf den man zugreifen will, wie der Dateiname lautet und welche Befehle man geben muss. Heute klickt man, und die Information erscheint. Das WWW ist so gesehen ein früher Beitrag zum Thema Informationszugang. Da wird es künftig noch ganz andere Dimensionen geben. Jede Art von Informationssystem wird in eine digitale Architektur passen, in der eine Zusammenarbeit zwischen allen denkbaren Arten von Systemen möglich ist.Welche Trends sehen Sie im Internet?Die wichtigsten Trends kann man nicht vorhersagen. Prognosen setzen das fort, was heute existiert: dass die Backbones (Netzknoten) eine höhere Bandbreite haben werden, dass die Glasfaserkabel schneller werden und dass wir mehr mobile Zugänge bekommen. Aber an den Ideen, die alles verändern, müssen die hellsten Köpfe auf der ganzen Welt weiter forschen.Gerade wird über einen neuen Übertragungsstandard, IPv6, diskutiert. Was bedeutet er für den Nutzer?Mit ihm stehen mehr IP-Adressen zur Verfügung. So wird das Problem umgangen, in ein paar Jahren keine neuen Computer mehr ans Netzt anschließen zu können. Das bisherige Internet ist wie ein Parkplatz, der zu klein ist. Man muss warten, bis jemand wegfährt. In der virtuellen Welt ist es leichter, einen größeren Parkplatz zu bauen.Mit dem Internet ist die Hoffnung verbunden, dass es die Welt ein bisschen besser macht, weil es die Menschen einander näher bringt. Teilen Sie diese Hoffnung?Sicher. Ich sehe das Internet aber mehr als Werkzeug. Zum Beispiel für Bildung. Es fördert Zusammenarbeit und Effizienz. Und es dient kommerziellen Zwecken. Allerdings ist auch Missbrauch immer möglich. Doch ehrlich gesagt habe ich keine vorgefasste Meinung darüber, wie die Menschen das Netz in Zukunft nutzen werden.Das Gespräch führte Susanne Ehlerding.------------------------------Foto: R. Kahn mit dem japanischen Technologie-Preis
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