Roger Federer gewinnt Wimbledon und ist nun der erfolgreichste Spieler in der Geschichte des Tennis

Stühlerücken auf dem Olymp

Doris Henkel
4 Min

WIMBLEDON. Helden seines Sports standen Spalier, und sie begleiteten Roger Federer auf seinem Weg in den Olymp. Nach seinem Sieg in einem weiteren denkwürdigen Finale gegen den fantastischen Andy Roddick (5:7, 7:6, 7:6, 3:6, 16:14) ist der Schweizer nun mit 15 Grand-Slam-Titeln der erfolgreichste Spieler der Geschichte des Tennis. Und der Mann, den er überholte, Pete Sampras, sah beeindruckt zu. "Dieser Typ ist eine Legende, eine Ikone", meinte er hinterher. Björn Borg und Rod Laver fanden das auch, und als sich die drei nach dem Spiel mit Federer zum Gruppenfoto vor der Tafel mit den Namen der Sieger trafen, da konnte einem ein Schauer über den Rücken laufen angesichts dieser einmaligen Versammlung.Zu Beginn des Spiels waren genau noch zwei Sitze in der ersten Reihe der Königlichen Loge neben Borg, Laver und dem Spanier Manuel Santana frei, aber beim ersten Seitenwechsel erschien dann schließlich Sampras zusammen mit seiner Frau Bridgette. Aber auch unterm Fußvolk saß reichlich Prominenz, unter anderem der frühere Außenminister der USA, Henry Kissinger, die Schauspieler Woody Allen und Russell Crowe, Fußballspieler Michael Ballack und Formel-1-Fahrer David Coulthard. Fast sah es so aus, als seien sie alle als Vertreter ihrer Stände zu Federers Krönungsfeierlichkeiten erschienen.John McEnroe meinte vor dem Spiel, er hoffe der Landsmann Roddick habe eine paar Tricks auf Lager, und er wurde nicht enttäuscht. An Borg gewandt meinte er frotzelnd, das ist der Typ, den du letztes Jahr abgeschrieben hast. Im Vorjahr hatte Roddick Wimbledon deprimiert nach dem Aus in der zweiten Runde verlassen und gezweifelt, ob er noch mal Anschluss an die Besten finden würde.Federer hatte gesagt, er freue sich darüber, Roddick wieder so stark zu sehen, aber im Laufe der Partie gab es genügend Gelegenheiten, bei denen die Freude litt. Nur die Wenigsten hatten Roddick eine Chance gegeben angesichts einer Bilanz von 2:18 und drei Niederlagen in den bisherigen gemeinsamen Finals bei Grand-Slam-Turnieren, 2004 und 2005 in Wimbledon bei den US Open im Jahr danach.Aber dass der Roddick des Jahres 2009 ein besserer, ein kompletterer Spieler ist als zu jener Zeit, in der er seinen bisher einzigen Grand-Slam-Titel gewann (2003), wurde auch unter größtem Druck in diesem Finale klar. Er drosch die Aufschläge mit 220 km/h und darüber ins Feld, forcierte die Ballwechsel mit seiner mächtigen Vorhand und präsentierte seine Rückhand bisweilen mit einem ziemlich lästigen Slice.Aber vor allem, und das setzte Federer am meisten zu, strotzte er vor Energie. Die beiden harten Spiele in den Runden zuvor gegen Lleyton Hewitt und gegen Andy Murray hatten ihn zwar Kraft gekostet, aber er hatte darin moralische Stärke gewonnen. Unerschrocken wehrte er vier Breakbälle Ende des ersten Satzes ab und legte dann nach, als Federer der Ärger über die vergebene Chance noch im Kopf herum geisterte. Er nutzte die Chance und schnappte sich mit dem ersten Breakball den Satz.Roddick spielte herausfordernd stark und ließ Federer nie freien Raum. Für den wurde die Sache zum ersten Mal ausgesprochen brenzlig, als Roddick im Tiebreak des zweiten Satzes auf einmal 6:2 führte, mithin vier Satzbälle hatte. Den ersten wehrte er mit einem zauberhaften Rückhand-Halbvolley von der Grundlinie ab. Die nächsten beiden wehrte er mit guten ersten Aufschlägen ab, und beim vierten unterlief Roddick der womöglich entscheidende Fehler des Spiels: Ein nicht allzu komplizierter hoher Rückhand-Volley landete im Aus. Federer gewann den Satz, gab auf dem Weg in den Tiebreak des dritten bei eigenem Aufschlag nur zwei Punkte ab, aber Roddick wackelte selbst nach dem Verlust dieses Tiebreaks nicht; es war, als hätte er sich vor diesem Turnier im Katalog der Tenniskünste ein zweites Selbstbewusstsein bestellt. Als alle dachten, das Ende sei nah und Federer habe den Pokal schon fast in der Hand, schlug Roddick zurück, ging mit einem Break 3:1 in Führung und gewann den Satz mit 6:3.Mitleid mit dem VerliererWieder, wie in den Finals der beiden Jahre zuvor gegen Rafael Nadal, musste Federer in den fünften Satz, und wieder landete er bei den Rekorden: Mit insgesamt 77 Spielen war dieses Finale nach Spielen gemessen schließlich das längste Wimbledons und der anderen drei Grand-Slam-Turniere.Nach vier Stunden und 16 Minuten flog der Ball von Roddicks Schlägerkante beim ersten Matchball für Federer in hohem Bogen ins Aus - und auf dem Olymp begann das Stühlerücken. Die Freude über den historischen Moment wäre allerdings noch schöner gewesen, hätte einem der unglückliche Verlierer Andy Roddick nicht so unendlich leidgetan.------------------------------"Dieser Typ ist eine Legende, eine Ikone." Pete Sampras------------------------------Foto: Die langen Schatten der Vergangenheit: Vor Roger Federers sechstem Erfolg in Wimbledon verneigen sich selbst die Tennislegenden.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner