MELBOURNE. Er war untröstlich; die großen Alten des Tennis, blickten betreten zu Boden, als sie Roger Federers Tränen sahen. Da standen sie in einer Reihe - Rod Laver, Ken Rosewall, John Newcombe und Andres Gimeno -, und so sehr sie den Sieger Rafael Nadal bewunderten, so sehr fühlten sie mit dem Verlierer, und auch von den 15 000 Leuten auf den Rängen floss eine Woge von Sympathie für den Verlierer herunter. Aber selbst in diesem Moment tat Nadal das Richtige: Bevor er seine Rede auf dem Podium begann, ging er auf Federer zu, legte ihm den Arm um die Schulter und redete ihm gut zu. Das half. Im zweiten Versuch brachte Federer ein paar Sätze heraus, vor allem diesen: "Du hast toll gespielt, Mann, du hast es verdient".Eine Stunde später, als die Tränen getrocknet waren, versicherte Federer, es gehe ihm schon wieder ganz gut. Aber die Minuten der Zeremonie seien brutal gewesen, schwer zu ertragen. "Im ersten Moment ist man enttäuscht, schockiert, traurig. Ich liebe Tennis, für mich ist das alles, neben Mirka und meinen Eltern. Und wenn du dann die Wärme vom Publikum spürst, das ist einfach hart".Das ist wohl so, als ob einen die Liebe des Lebens verlässt und man in diesem Moment denkt, es sei für immer. Ist es das? Vielleicht nicht. Aber zum fünften Mal verlor Federer ein Grand-Slam-Finale gegen Rafael Nadal, zum dritten Mal in Folge nach Paris und Wimbledon 2008. Auf den Hartplätzen in Melbourne und auch bei den US Open in New York war er bisher gegenüber dem Spanier immer im Vorteil gewesen, aber nun verliert er gewissermaßen das dritte Terrain.Was diese Niederlage in fast viereinhalb Stunden (5:7, 6:3, 6:7, 6:2, 2:6) schwer erträglich machte war, dass er sie hätte verhindern können. Aber was für ein Duell. Als die siebte Auflage der Roger-Rafa-Show an diesem wunderschönen Sommerabend begann, waren alle Plätze in der Rod Laver Arena besetzt; keiner wollte nur einen Ballwechsel verpassen. Der Maestro und der Gladiator hatte die Zeitung Herald Sun über ihre Vorschau geschrieben, und passend dazu entwickelte sich das Spiel.Aber dem Maestro fehlte an diesem Abend ein starker Aufschlag, der ihm das Leben sehr viel leichter gemacht hätte. Im zweiten Satz hatte er gar eine Erfolgsquote bei den ersten Aufschlägen von nur 37 Prozent. Dass er diesen Satz trotzdem gewann zeigt, was mit einem stabileren, besseren Service möglich gewesen wäre. Manchmal sei der Aufschlag da, manchmal nicht, meinte Federer, und dafür gebe es nicht immer eine Erklärung. Aber der entscheidende Punkt für seine Niederlage war, dass er den dritten Satz nicht gewann. Es war eine Phase, in der es so aussah, als könne er sich aus der Umklammerung Nadals befreien, vielleicht auch ein wenig vom Druck der eigenen Erwartungen. Was es ihm bedeuten würde, den 14. Grand-Slam-Titel zu gewinnen und damit in der historischen Liste mit Pete Sampras gleichzuziehen, das hatte er oft erzählt.Bei Nadal sah es in dieser Phase so aus, als müsse der den Anstrengungen aus dem fünf Stunden und 14 Minuten dauernden Rekordspiel im Halbfinale nun Tribut zollen. Er habe schon Schmerzen gehabt, meinte der Spanier hinterher; umso mehr konnte man staunen über die innere Kraft, die er jedes Mal in den Momenten der Gefahr mobilisiert. Wenn man glaubt, dieser Kerl liegt am Boden, dann rennt er auf quietschenden Sohlen in die andere Richtung los, und wenn es so aussieht, als sei er geschlagen, dann jagt er den Ball noch mal mit Höllentempo übers Netz.Keine RettungEs war eine Mischung aus diesen Fähigkeiten und ein paar Fehlern Federers, in der sich dessen sechs Breakbälle in diesem dritten Satz in Luft auflösten. Den ersten und vor allem den dritten Satz hätte er gewinnen müssen, meinte Federer hinterher, aber das ließ Nadal einfach nicht zu. Den vierten gewann Federer, und danach dachte man wieder: Wie hält der andere das denn bloß aus. Und als der fünfte begann, fügten sie der Geschichte des Turniers ein Kapitel hinzu. Nur beim allerersten Spiel in der Rod Laver Arena, 1988 beim Sieg von Mats Wilander gegen den Australier Pat Cash, hatte das Publikum ein Fünfsatzspiel gesehen, und nun war es wieder soweit.Doch über diesen fünften Satz wird sich Federer sicher noch eine Weile grämen. Er geriet schnell in Rückstand, lag 1:3 hinten, spielte nicht gut, und aus dieser Falle gab es keine Rettung. Zwei Matchbälle wehrte er ab, beim dritten landete sein Ball aber hinter der Grundlinie, und kaum war er da gelandet, lag Nadal schon lang ausgestreckt am Boden.Die Zeremonie auf dem Podium überstand er inklusive der lieb gemeinten Worte und Gesten für Federer in bemerkenswerter Form, aber in der Kabine merkte er bei einem leichten Schwindelanfall, wie erledigt er war. "Im Moment bin ich zu müde, um mich richtig freuen zu können", meinte er eine ganze Weile später. Schwer zu sagen, was nach diesem ereignisreichen Abend schneller verschwinden wird: Die Müdigkeit des Siegers oder die tränenreiche Enttäuschung des Besiegten.------------------------------Foto: Der Meister und sein Meister: Roger Federer (r.) kommen nach dem Finale von Melbourne die Tränen. Aber danach kommt Sieger Nadal und nimmt ihn in den Arm. Auch schön.
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