LONDON. Ist es nicht schön, dass es Dinge gibt, die auch beim fünften, beim zehnten oder fünfzehnten Mal nichts von ihrer Wirkung verlieren? Es war so ein Augenblick für die Schatzkammer der kleinen Momente, als die Uhr der elektronischen Anzeigetafel auf Wimbledons Centre Court auf 1.00 umsprang; die Tür hinter der grünen Plane wurde geöffnet, der Titelverteidiger setzte die ersten Schritte auf den grünen Teppich, die Zuschauer begrüßten ihn wie einen lieben, lange nicht gesehenen Freund, und über allem prangten weiße Wölkchen am blauen Himmel. Natürlich sieht er sich am allerliebsten mit dem goldenen Pokal in den Händen nach dem letzten Ball des Turniers auf dem Rasen stehen.Den Pokal trägt er dieser Tage gewissermaßen mit sich herum, denn ein kleines Abbild davon prangt sowohl an den Hacken seiner Tennisschuhe als auch auf der Gürtelschnalle seiner Hose. Aber zum Anfang des Turniers hat Roger Federer eine fast genauso enge Beziehung wie zum Ende. Schon Wochen, Monate vorher weiß er, dass er an einem Montag Ende Juni genau um 13 Uhr als Erster den Rasen betreten wird, und mit fast feierlichem Ernst versichert er, es sei ihm jedes Mal eine Ehre.Schon die Stimmung an diesem ersten Spieltag im All England Club, die Freude auf das Turnier, die Massen der Zuschauer aus aller Herren Länder zu sehen, die sehnlichst darauf warten, dass sich die Tore um halb elf öffnen, das alles, sagt er, sei Teil einer ganz besonderen Atmosphäre. "Es ist einfach wunderschön". Und diesmal hatten sie ihm ein Spiel geschenkt, bei dem es grün-blau-weiß-harmonisch weiterging.Hrbaty bricht die EtiketteEr war sich ziemlich sicher, dass gegen den alten Freund Dominik Hrbaty nicht viel passieren würde. Der 30 Jahre alte Slowake ist nach einer Operation am rechten Ellbogen im Herbst vergangenen Jahres weit von seiner besten Form entfernt, und die Tatsache, dass er von zwei Spielen zuvor gegen Federer zwei gewonnen hatte, spiele in diesem Zusammenhang auch kaum eine Rolle. Hrbaty ahnt wohl, dass er sich nach der Operation auf das Ende der Karriere zubewegt, und so schien auch er entschlossen zu sein, diesen Tag unter blauem Himmel einfach zu genießen.In den 79 Minuten der Partie hatte er nie eine Chance auf den Sieg. Aber er machte den spektakulärsten Punkt und freute sich darüber wie ein kleiner Junge. Und er brach Wimbledons Etikette auf eine ungewöhnlich liebe Art. Beim letzten Seitenwechsel der Partie ging Hrbaty zu Federer, fragte, ob er sich zu ihm setzen könne, und er tat das dann auch. Während der anderthalb Minuten des Seitenwechsels plauderten die beiden ein wenig, und Hrbaty verriet, er habe das Gefühl, dies könne sein letztes Spiel in Wimbledon gewesen sein. Es sei es ihm eine Ehre, nicht nur an dieser Stelle gegen ihn zu spielen, sondern auch dessen Freund zu sein.Danke gleichfalls, antwortete Federer gerührt. Später erzählte er, Hrbaty sei einer derjenigen gewesen, von denen er als junger Spieler gelernt habe, hart zu trainieren. Wenn Du es jemals schaffst, mich im Training zu schlagen, dann wirst Du wahrscheinlich mal die Nummer eins, sagte der Slowake damals zum jungen Schweizer. Was vielleicht als Scherz gemeint war, führte mitten rein ins Geschehen. Irgendwie hätten sie das Spiel mit diesem Plausch beenden können, doch es endete ein paar Minuten später auf konventionelle Weise; der rundum zufriedene Titelverteidiger gewann 6:3, 6:2, 6:2. Es war sein 60. Sieg in Folge auf Rasen, der insgesamt 150. bei einem Grand-Slam-Turnier und der erste auf dem Weg zur erhofften Titelverteidigung.In Runde zwei gegen den Schweden Robin Söderling wird ein wenig mehr Spannung im Spiel sein, der Zauber des ersten Tages wird verflogen und der Rasen wird bereits nicht mehr so makellos sein.Wer wie Federer im All England Club schon fast 40 Mal gewonnen hat, der kennt fast jeden Halm. Für andere ist alles neu. Mischa Zwerew, zum Beispiel, der 20 Jahre alte Hamburger, gewann am Montag im zweiten Versuch das erste Spiel seines Lebens beim berühmtesten Tennisturnier der Welt. Dessen Sieg gegen den Österreicher Alexander Peya (6:3, 6:4, 6:4) verbesserte die Bilanz der deutschen Tennisprofis, Abteilung Männer, im Vergleich zu den Resultaten bei den French Open bereits wesentlich. In Paris hatte keiner von ihnen die zweite Runde erreicht, diesmal dauerte es keine drei Stunden bis zum ersten Erfolg. Die kleinen Freuden Wimbledons sehen halt für jeden anders aus.------------------------------Foto: Pause mal anders: Dominik Hrbaty (l.) und Roger Federer in Wimbledon.
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