"Rohkunstbau" - ein Kunstfestival in einem maroden Schloss

Der seltsame Ort

Carmen Böker
3 Min

Das Ideal war seit den 60er- Jahren der White Cube - jener weiß gestrichene, streng symmetrische, von allen historischen Anhaltspunkten gereinigte Raum, der als Ausstellungsort vollständig zurücktritt hinter die gezeigte Kunst. Er verlangt nichts von den dort präsentierten Kunstwerken, er zwingt sie nicht, sich als weiteres dekoratives Element einem vorherrschenden Baustil zu unterwerfen - aber er ist eben auch kein Platz, der Inspiration bietet; er kann nur das Modell bedienen, dass der Künstler im Atelier wirkt und allein aus seinem Inneren schöpft.Doch gleich nach der Wende entdeckten Künstler in Ost-Berlin leer stehende Wohnhäuser und Zweckbauten als neue Anregung: nicht nur als eine weitere Ausstellungschance, sondern als Platz, an dem man arbeiten und dabei den verwischten Spuren von Geschichte nachspüren kann. Ein solcher "Ort, der Inspiration bietet", ist auch das Wasserschloss Groß Leuthen im Unteren Spreewald; irgendwann auf den Überresten einer um 1200 entstandenen Burg errichtet und architektonisch geprägt von allem, was seitdem mal in Mode war, sei es nun ein klassizistischer Giebel, ein wenig Art-Déco-Meublement oder eine barocke Stuckdecke. Zu DDR-Zeiten fungierte das Schloss als Kinderheim, heute beherbergt der renovierungsbedürftige Gebäudekomplex zumindest temporär zeitgenössische Kunst: Jeden Sommer findet hier für einen Monat das Festival "Rohkunstbau" statt, das der nunmehr 28-jährige Kurator und Augenarzt Arvid Boellert 1994 ins Leben gerufen hat. Jährlich lädt er gut ein Dutzend Künstler dazu ein, diesmal ist "Rohkunstbau" Teil der Brandenburg-Kampagne "Romantik 2002". Den Namen prägte der ursprüngliche Ausstellungsort - eine Betonhalle, die 1989 (umsonst) für die Arbeiterfestspiele der DDR errichtet worden war.1999 konnte das Projekt ins Wasserschloss am anderen Ende des kleinen Ortes umziehen - nicht zuletzt deshalb, weil sich Groß Leuthen unterdessen gern damit schmückt, jene "Mini-Documenta in Brandenburg" zu Gast zu haben; es ist die einzige namhafte freie Ausstellung junger Kunst in diesem Bundesland. Arvid Boellert ist stolz darauf, dass nicht nur Großstädter auf Landpartie hierher kommen - die Hälfte der Besucher entstamme der Umgebung. Ebenfalls seit 1999 honoriert Brandenburg endlich mit Fördergeldern das ehrenvolle Prinzip, Künstler nicht nur um das kostenlose Entsenden eines Kunstwerkes zu bitten, sondern ihre Arbeit vor Ort grundsätzlich mit Stipendien zu honorieren.IX. Rohkunstbau Vernissage und Party Sa ab 16.30 Uhr im Wasserschloss Groß Leuthen bei Lübben, danach bis 6. September Mo-Fr 16-19, Sa/So 13-19 Uhr geöffnet.Open-Air-Veranstaltungen Kino am 16., 23., und 30.8. um 20 Uhr; Theater 89 mit Horvaths "Ein Kind unserer Zeit" am 17.8. um 19 Uhr; Lesung mit Christoph Hein (aus "Willenbrock") am 25.8. um 19 Uhr, mit Jutta Wachowiak (aus dem Briefwechsel von Christian Vulpius und Goethe) am 31.8. um 19 Uhr. Infotel.: (0175) 86 95 146

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner