Die Geschichten, die er in ihren Zeitungen über seine Heimat las, schienen detaillierter zu sein als seine Erinnerungen. Witze, Anspielungen, Vergleiche funktionierten nicht, weil sie Pawel Kortschagin, Adolf Hennecke und Gojko Mitic nicht kannten. Sie kannten nicht mal die Olsenbande, was ihn wirklich gewundert hatte. Irgendwie hatte er immer gedacht, die Olsenbande sei ein internationaler Erfolg gewesen. Er kam sich vor, als habe er nichts erlebt. Als habe er achtundzwanzig Jahre lang im Wohnzimmer gesessen.Wenn sie von ihrem ersten Prag-Wochenende zurückkamen, schienen sie die Stadt besser zu kennen als er.So fühlte er sich ständig überfordert. Nie konnte er sich in ein Gespräch fallen lassen. Es war immer nur Stress. Anfangs war er in jeder freien Minute nach Ostberlin geflohen, wo er sich sicher fühlte. Wo man in jedem Restaurant die Speisekarte aufschlagen konnte, ohne die Angst zu haben, auf ein Gericht zu stoßen, das man nicht aussprechen konnte.Aber je länger er im Westen arbeitete, desto langweiliger fand er die Gespräche im Osten. Er hatte immer mehr das Gefühl, sich zurückzubewegen, wenn er abends nach Hause fuhr. Die Dünkel der Ostler gegenüber dem Westen schienen ihm unbegründeter zu sein als die Arroganz der Westler gegenüber dem Osten. Seine Ehe riss. Er konnte Kathrin nicht mehr zuhören. Sie zerrte an seinen Nerven. Abends klagte sie über westliche Lehrpläne, arbeitslose Eltern, orientierungslose Kinder und die nutzlose Verbeamtung. Er kam sich vor wie auf einer Politschulung. Sie sah ihn an wie einen Verräter, wenn er ein neues Hemd trug, sie reagierte hysterisch, als er den Tagesspiegel bestellen wollte. Sie hasste den Westen und er konnte diese spermafarbenen Herrensommerschuhe mit den kleinen Löchern und der angegossenen gelben Gummisohle nicht mehr ertragen. Als er das Angebot von der Hamburger Aktuell-Redaktion bekam, überlegte er nur eine Nacht, obwohl er wusste, dass es ihre Trennung bedeutete.Die ersten fünf Hamburger Monate hatte er in einer kleinen Zweizimmerwohnung in Lokstedt verbracht, die er von einer Tagesthemen-Praktikantin übernommen hatte. Das Haus lag in der Nähe des NDR-Geländes, er konnte zur Arbeit laufen.Die Wohnung lag in einem kleinen Viertel vierstöckiger Fünfzigerjahre-Mietshäuser. Die Decken waren flach, die Zimmer klein, die Leute, die hier wohnten, waren im Schnitt zwanzig Jahre älter als er oder sie hatten viele Kinder. Es roch nach Essen im Hausflur und manchmal hörte man nachts jemanden fluchen. Aber eigentlich war es ruhig und es war grün. Er hatte sich ein Bett gekauft, ein paar Ikea-Regale, einen billigen Fernseher, ein Radio, einen Videorekorder und ein bisschen Geschirr. Er fand zwei Zimmer völlig ausreichend, in Berlin hatten sie zu dritt in zwei Zimmern gewohnt. Er hatte einen großen Balkon, auf dem er an freien Abenden saß und Bier trank. Er war eigentlich ganz zufrieden, aber er begriff schnell, dass die Wohnung keine Dauerlösung sein konnte. Seine Kollegen fragten ihn ständig, ob er schon etwas gefunden habe. Dabei hatte er gar nicht gesucht.Nach den ersten Festen und Essen wusste er, warum sie sich nicht vorstellen konnten, in einer zweiundfünfzig Quadratmeter großen Lokstedter Altneubauwohnung zu leben. Er begriff, dass sie sich über ihre Wohnungen öffneten. Wer in einem Altneubau lebte, passte nicht zu ihnen. Landers brauchte eine neue Wohnung, denn er wollte sie nicht verlieren. Es war die Zeit, in der er anfing, seine Gästeliste zusammenzustellen. Sie war sehr kurz anfangs. Es gab kaum Leute, die man hierher einladen konnte. Schneider und Ilona, vielleicht Katschlik. Aber das war noch keine akzeptable Gesellschaft. Er brauchte einen neuen, langen Tisch. Er brauchte eine gute Musikanlage, auf der man die CDs abspielen konnte, die sie mochten. Seine Lokstedter Wohnung bedrückte ihn.Er fand eine Wohnung, die ein Drittel seines Gehalts kostete und in einer Nebenstraße der Grindelallee lag. Es war eine kurze Privatstraße, die man vorn und hinten mit einer Kette abschließen konnte. Sie hatte keinen Namen, sie trug eine Nummer. Im Rücken lag das zugige Universitätsgelände, Bahngleise und ein hässlicher Kongressklotz, aber es gab auch ein paar Gassen mit unscheinbaren Kneipen, in denen er manchmal ein Bier trank und mit dem Wirt über die Nachrichtenlage diskutierte. Es war ruhig und zum Dammtorbahnhof waren es nur zehn Minuten zu laufen. Das Karolinenviertel, wo es lustige Läden gab, war nicht weit und auch zur Außenalster konnte man zu Fuß gehen. Es war in Ordnung.Die Wohnung hatte zweieinhalb Zimmer, weiß gestrichene Wände, Stuck an den Decken und eine moderne Heizung. Er hatte sich wenige, helle Möbel gekauft, zwei teure Lampen, Fernseher und Musikanlage waren von Sony, einer Firma, bei der man offenbar nichts falsch machen konnte. Er hatte sich von einem Berliner Freund, der einen Schweizer Maler kannte, der sein Atelier in den Prenzlauer Berg verlegt hatte, zwei riesige Bilder besorgen lassen. Eins war eher gelb, eins eher beige. Sie waren gar nicht so teuer gewesen.Er musste noch mal auf den Namen gucken, falls ihn heute Abend jemand danach fragte. Gründelstein, Findelstein oder so was. Er trocknete sich die Hände ab und sah gleich nach. Es war wichtig, die eigenen Bilder zu kennen. Die Geschichte dazu konnte er sich notfalls ausdenken. Er kniete sich vor das Bild, das eher gelb war. Liesenberger. Anton Liesenberger. Er ging zurück in die Küche. Liesenberger murmelnd.Der Miró wartete in der Kammer auf neue Trends. Das einzige Möbelstück aus seinem alten Leben war ein schwerer, ramponierter Gründerzeitschreibtisch, den er von seinem Großvater geerbt hatte. Dann gab es noch ein paar Bücher und Schallplatten aus der DDR, den Rest hatte er in die Lichtenberger Neubauwohnung gebracht, die er sich besorgt hatte, nachdem Kathrin ihn rausgeschmissen hatte, weil er nur noch an jedem zweiten Wochenende aus Hamburg nach Berlin kommen wollte. Es hatte ihn nicht überrascht. Er hatte alles auf den Zwischenboden gepackt und die Wohnung an eine Studentin aus Halle vermietet.Die beiden großen Zimmer waren durch Flügeltüren verbunden. Eines war eine Art Wohnzimmer, das zweite eher ein Arbeitsraum, wobei er sich manchmal fragte, was er zu Hause arbeiten sollte. Vorlesen üben? Afrikanische Regierungssitze pauken? Jedenfalls standen hier sein Schreibtisch und vier Billy-Regale, die mit den Bestsellern von der Spiegel-Liste, ein paar Nachschlagewerken und den Ostbüchern gefüllt waren. Selbst aus drei Meter Entfernung konnte man genau bestimmen, welches Buch in der DDR erschienen war. Sie trugen blasse Rücken.Im halben Zimmer schlief er. Auf einem Futon. Das Bad war weiß gefliest, hatte eine Wanne mit alten Armaturen, eine moderne Duschkabine und ein Fenster. Auch die Küche hatte ein Fenster, ein hohes breites Fenster mit einer Kastanienkrone davor. Hier gab es eine moderne Einbauküche mit Mikrowelle. Er hatte sie noch nie benutzt. Er traute ihr nicht.Der Bauer gewöhnte sich an die Stadt.Fortsetzung folgt
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