Roman Folge 5

Die Nachrichten

Alexander Osang
6 Min

Ich besitze 484 CDs, 235 Langspielplatten und 72 Singles, ich führe genau Buch darüber. In den zwei weißen Ikea-Regalen stehen meine Bücher. Es sind die Bücher meiner Kindheit. Charles Dickens, Ludwig Renn, James Krüss, Günter Görlich, Agatha Christie, Erich Kästner. Die Bücher meiner Jugendzeit. Raymond Chandler, Nikolai Ostrowski, Emile Zola, James Baldwin, Erwin Strittmatter, Woody Allen, Erik Neutsch, Erich Maria Remarque, Joseph Heller, Heinrich Böll, Tschingis Aitmatow, John Updike, Hermann Kant und viele dunkelblaue Kriminalromane aus der DIE-Reihe. Ich habe noch ein paar Fachbücher aus meiner Studienzeit aufgehoben, die Erkenntnisse in Bibliothekswissenschaften dürften sich nicht sonderlich geändert haben, denke ich. Abgesehen von den Computern.Ich bin Diplombibliothekar. Ich hätte auch andere Richtungen studieren können. Aber irgendwie hatte ich Angst vor den meisten Berufen. Bibliotheken geben mir Sicherheit. Ich schätze Ordnung. Katalogisieren. Ich liebe die Ruhe. Das Bewegen von Papier in der Stille. Das Zuschlagen eines Buches. Das Schließen eines hölzernen Karteikastens. Und ich liebe natürlich Bücher.Die neuen Zeiten aber bedrohen die Ordnung der Bücher. Man kann nicht mehr alles erfassen. Ich stehe in Buchhandlungen und fühle mich bedrängt. Unwohl. Bunte Bücher schreien mich an. Wollen mich überreden, sie zu kaufen. Ich möchte mir die Ohren zuhalten. Die Buchhändlerinnen sind Verkäuferinnen. Sie haben die Bücher nicht gelesen, die sie mir empfehlen. Ich sehe es in ihren Augen. Sie empfehlen Bestseller. Wie Äpfel ohne faulige Stellen. Ich habe mir nach der Wende fast nur noch zeitgeschichtliche Sachbücher gekauft, ein paar Biografien und natürlich die Mosaiksammelbände, die mich manchmal in die Tage zurückfühlen ließen, an denen ich noch glücklich war. Neue Belletristik kaufe ich mir nicht. Ich lese die alten Romane. Immer wieder.Ich habe meine kleine Bibliothek alphabetisch geordnet. Nach den Namen der Autoren. Es ist die einzige Bibliothek, die mir geblieben ist. Die große hat mich vor drei Jahren entlassen. Ich kann niemandem mehr Bücher empfehlen, ausleihen, Gebühren kassieren, wenn jemand den Rückgabetermin verpasst hat, keine Stempel mehr in die Blättchen drucken, die auf der vorletzten Seite klebten. Wie habe ich diese Blättchen geliebt. Jahre verstrichen auf diesen Seiten. Man konnte hineinsehen und feststellen, wie lange ein Buch geschlafen hatte. Manchmal hatte es zwei, drei Jahre niemand in der Hand. Dann wechselten die Leser wieder jeden Monat. Meine Bücher haben fremde Zimmer gesehen, haben Betten mit Menschen geteilt, bevor sie wieder zu mir zurückkehrten.Gut, ich bin ein Buchbeamter. Aber es macht mir das Leben erträglich. Ohne Listen würde ich untergehen.Aber mir fehlen die Leser. Meine Mutter liest leider nur die dünnblättrigen bunten Zeitschriften. Keine Bücher. Das macht es schwierig, sich mit ihr zu unterhalten.Auf dem schmalen Schreibtisch neben dem Fenster steht mein Computermonitor, der Turm befindet sich unterm Schreibtisch. Ich sitze oft an meinem Computer. Ich hätte gerne schon früher Tagebuch geführt, aber ich hatte Angst, dass meine Mutter dem Wunsch, es zu lesen, nicht widerstehen könnte. Mein Bruder hätte es fertiggebracht, meine Tagebücher mit in die Schule zu nehmen, um sie seinen johlenden Klassenkameraden vorzulesen. Erst seitdem ich den Computer habe, kann ich ehrlich sein, ich kann mein Tagebuch mit einem Passwort schützen. Es ist der Vorname eines Mädchens, das ich sehr geliebt habe. Niemand weiß das. Auch das Mädchen nicht. Deswegen ist es absolut sicher.An der Wand über dem Bett hängen drei Plakate. Eins zeigt die Gruppe Barclay James Harvest, die in meinem Leben eine große Rolle gespielt hat, bei einem Konzert vor dem Berliner Reichstag. Eines kündigt Ulrich Plenzdorfs Stück "Legende vom Glück ohne Ende" am Theater in Schwedt an. Und eins ist die Karikatur von Karl Marx, der die Hände in den Hosentaschen vergraben hat. Darunter steht: "Tut mir leid, Jungs. War nur so eine Idee von mir. " Es ist kein Zimmer, in dem man Besuch empfangen kann. Es gibt nur einen Stuhl, nur eine schmale Liege und keinen Tisch, an dem man sich gegenübersitzen könnte. Aber ich erwarte keinen Besuch. Für mich ist es in Ordnung. Es ist, wie soll man sagen, ausreichend. Es ist alles drin, was ich brauche.Aber es ist fürchterlich, denn es gleicht einer Einzelzelle im Gefängnis. Und das Schlimmste daran ist, dass ich sie verlassen könnte. Wenn ich die Kraft hätte. Ich müsste die Blicke meiner Nachbarn nicht mehr ertragen und wahrscheinlich würde ich meiner Mutter damit einen Gefallen tun.Jetzt höre ich Rehberg. Er verlässt das Haus und hustet das erste Mal."Ein bisschen locker, ein bisschen menschelnd, Doris. Human touch, verstehst du. Es ist jetzt fünf Jahre her. Entspann dich. " Henckels Stimme füllte ihren Kopf, während sie über den gläsernen Flur von seinem Büro zu ihrem ging und Lächeln in die Buchten ihrer Kollegen schickte. Alle Bürotüren standen offen. Wir haben nichts zu verbergen, sollte das wohl heißen. In Wahrheit fürchteten sie, etwas zu verpassen.Human touch. Human touch. War sie beim Spiegel oder bei der Bunten?"Hallo, Peter. " "Moin, Doris. " Fünf Jahre Verjährungsfrist. Es wurde immer schlimmer. Dafür war sie damals unter Carstens nicht eingestellt worden. Für Human-touch-Geschichten. Carstens hätte gar nicht gewusst, was das war: human touch. Aber Carstens war leider tot. Er hatte zu viele Rothändle geraucht. Henckels, dieses Weichbrot, lebte. Er trank Wasser ohne Kohlensäure und hatte einen Obstteller auf dem kleinen Konferenztisch. Carstens und Henckels, sie hätte es andersrum gemacht, wenn sie Gott gewesen wäre."Tach, Karin, toller Anzug. " Aber sie war ja nicht Gott. Leider."Danke, Doris, findest du wirklich?""Ja, wirklich. Toll. " Sie war nicht menschelnd. Sie wollte auch keine Gräben zuschütten, sie wollte sie aufreißen und nach Knochen buddeln. Henckels wollte vergessen, besänftigen, die Leser erfreuen. Sie wollte sie verstören, in Unruhe versetzen. Er hatte zu jeder Jahreszeit ein Blumensträußchen auf seinem Schreibtisch. Das sagte ja wohl alles. Ein Sträußchen im Winter, eine Jubiläumsgeschichte zum Mauerfall. Und dann stand er vor seinem hübschen Friedrichstraßenplakat und lächelte. In zwei Jahren würden sie in den Osten ziehen, er konnte es kaum erwarten. Sie war nicht locker, wenn es um den Osten ging. Sie war noch nicht fertig. Das wussten doch alle. Noch fünf Schritte, dann hatte sie ihre Tür erreicht. Ihr Lächeln bröckelte bereits. Noch drei Schritte.Von der anderen Seite des Flures näherte sich Matthiesen. Holger "Immer bereit!" Matthiesen. Diese vorgespielte Elastizität. Wippender Scheitel, wippende Rockschöße. Wieso ließen sie ihn das nicht machen. Der war doch wandelnder human touch. Außerdem war er auch Ostler. Er hatte die klassische Bürgerrechtlerkarriere hinter sich. Vor fünf Jahren hatte ihm der Bart noch bis zum Bauch gehangen, jetzt sah er aus, als könne er ihr sagen, ob sie Microsoft halten oder verkaufen sollte.Fortsetzung folgt

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner