Roman Folge 75

Die Nachrichten

Alexander Osang
6 Min

Sie liefen zügig in Richtung Alexanderplatz. In der Rosenthaler Straße riss die flirrende, südländische Stimmung plötzlich ab. Es wurde laut und hektisch. Eine Straßenbahn schaukelte auf dem Weg zu den Hackeschen Höfen an ihnen vorbei. Ein paar Jungs mit nackten kräftigen Oberkörpern, um die sie Deutschlandfahnen gebunden hatten, rannten zum Bahnhof. Die Fahnen flatterten. Sie spielten gegen Südkorea heute. Er dachte an das WM-Halbfinale 1990 gegen England, das er auf einer Großleinwand im Lustgarten gesehen hatte. Gascoigne hatte geweint. Diese Weltmeisterschaft war bisher an ihm vorbeigedümpelt. Ausgerechnet jetzt musste diese Scheiße passieren. Sie betraten einen dunklen, kühlen Flur. Er war hoch, schwarz getäfelt und hatte eine Zwischenwand aus geschliffenem Glas. Es war eines der innenarchitektonischen Geheimnisse, die Ostberlin vor ihm bewahrt hatte. Er hätte bestritten, dass es solche schönen Treppenhäuser im Osten überhaupt gab. Sie stiegen in die zweite Etage, Erika Schultze zog eine angelehnte Wohnungstür auf. Es war eine Art Klub. Erika öffnete eine hohe weiße Flügeltür, sie betraten einen etwa siebzig Quadratmeter großen Raum. Eher ein kleiner Saal. Es gab ein Dutzend Stuhlreihen, auf den Stühlen hatten etwa hundert Menschen Platz genommen. Vorn standen zwei Tische, über die ein rotes Tuch gelegt war. Ein Präsidium, in dem noch ein Platz frei war. Es wurde ruhig, als sie eintraten. Drei, vier Besucher standen von den Stühlen auf und applaudierten. An der Wand hinter dem Präsidium hing eine rote Fahne, daneben gab es einen Büchertisch, auf dem vorwiegend rot eingebundene Bücher lagen und Formulare, mit denen man Abonnent des Neuen Deutschland, der Jungen Welt oder der kubanischen Zeitung Granma werden konnte. Daneben stand ein Rednerpult. Nichts in diesem Raum sah aus, als könne es dazu beitragen, seine Probleme zu lösen, dachte Landers. Erika Schultze löste sich von ihm und marschierte in Richtung Präsidium. Jemand in Landers Alter begrüßte sie, er trug eine graublaue Windjacke mit einem weißen Silastikbündchen, ein gelbes Oberhemd und eine schmale braune Krawatte. Aus der Brusttasche des Oberhemdes lugte eine Schachtel F6. Neben ihm stand eine dicke Dame in einer weißlichen Strickjacke. Sie hatte lila Haare, eine dunkelblaue Murmelkette am Hals und eine Brille, deren Bügel am unteren Ende der Gläser ansetzten. Daneben saß eine hübsche Mittzwanzigerin mit glatten blonden Haaren und einer engen braunen Fransenwildlederjacke sowie jemand, dem man auf den ersten Blick nicht ansah, ob er ein Mann oder eine Frau war. Vor dem Wesen stand ein Kärtchen mit dem Namen Maike. Nur Maike. Maike hatte Ringe in Nasenflügeln und Lippen, daumendicke, violette Schatten unter den Augen und einen zottigen alten Schäferhund zu seinen Füßen. Die blonde Schöne hieß Judith, nur Judith, der Windjackenträger Karsten Barthel, Erika war Erika, die Frau mit den lila Haaren hatte kein Schild.Landers stand unschlüssig in der Tür. Wieso hatte sie ihn hierher geschleppt? Die Leute im Publikum waren älter als die im Präsidium. Sie sahen aus wie Komparsen aus einem Film über die achtziger Jahre der DDR. Große Brillen, kleine Hüte. An den Stuhlbeinen lehnten Perlonbeutel und billige Aktenkoffer, drei Herren in der ersten Reihe hatten ein Handgelenktäschchen im Schoß. In der zweiten Reihe sah er jemanden, der ihn an ein ehemaliges Politbüromitglied erinnerte. Ein langer gebeugter Mensch, der immer aus der Ehrentribüne geragt hatte, wenn Landers richtig lag. Es waren nur wenige Frauen da. Die Männer wirkten munter, belustigt irgendwie. Sie sahen kämpferisch aus und hatten ausrasierte Nacken. Wie alt gewordene Popper. So hatte das Publikum bei den Prozessen gegen die Mauerschützen ausgesehen, über die sie in der Tagesschau berichtet hatten. Dümmer und gesünder als sein Vater. Sie waren nicht von Zweifeln angefressen, sie standen auf der richtigen Seite. Sie hatten einen Feind und keine finanziellen Nöte. Ein alter Mann aus der ersten Reihe hatte ihn offenbar erkannt. Er stocherte mit dem Finger in seine Richtung. Seine Frau schien ihn nicht zu verstehen. Landers wollte weg von hier, aber der Rum in seinem Blut machte ihn träge. "Von den Nachrichten!", rief der Alte. Ein buckliger Mann mit dem Profil eines Raben und halb langen silbrigen Haaren, dem zwei schwere Kameras vor dem Bauch baumelten, blinzelte jetzt in Landers Richtung. Der Fotograf. "Von den Nachrichten", rief der Alte seiner Frau noch einmal ins Ohr. Sie nickte.Landers wollte sich zurückziehen, aber von hinten schob ihn eine störrische Hand in den Raum. "Rin oda raus, junga Mann?", rief eine kräftige Altfrauenstimme. Landers drehte sich zu einer dicken kleinen Frau mit einer roten Baskenmütze um. Ihre Augen lachten, sie trug einen Che-Guevara-Sticker am Revers ihrer braunen Kordjacke. "Dahinten sind noch zwee Plätzken frei", rief die Baskenmützenfrau, presste ihre rechte Hand an seine linke Lende und trieb ihn vor sich her. Sie schob ihn in die fünfte Reihe. Der Mann mit dem Finger drehte sich zu ihm um. Bevor er sich setzte, sah Landers, wie sich der Fotograf bei dem alten Schreihals aus der ersten Reihe nach ihm erkundigte.Dann verschwand Jan Landers zwischen Glatzen, lila Haaren und Hüten. Wenn ihn Matthias hier sähe, würde er wahrscheinlich sofort sein Mandat niederlegen.Meiden Sie das Licht. Die drehen Ihnen das Wort im Munde um. Verreisen Sie ein paar Wochen. Der blasse Windjackentyp mit der F6 lief zu dem Pult. Das Gemurmel erstarb."Freunde", sagte er, "Genossen, sehr verehrte Damen und Herren, ich möchte euch und Sie ganz herzlich zu unserem montäglichen Ostwind-Treff begrüßen. Gestattet mir eine Bemerkung in eigener Sache. Ostwind gibt es jetzt ein halbes Jahr, der Zuspruch ist nach wie vor rege. Wir sind gewissermaßen eine kleine Institution geworden. Das freut uns. Aber es gibt keinen Grund zum Feiern. Wir Ostdeutschen werden nach wie vor diskriminiert, verspottet, geächtet." Er machte eine kleine Pause. Die Leute klatschten. Landers fragte sich, ob sie den Umstand beklatschten, dass sie nach wie vor unterdrückt wurden. Er kam sich vor wie ein Heide, der in einen Gottesdienst geraten war. Immerhin war er in der DDR geboren worden. Er klatschte mit. Der silberhaarige Fotograf taperte an den Fenstern vorbei und blinzelte durch die Stuhlreihen. Er war auf der Suche nach ihm. Wahrscheinlich machte er die Ostwind-Wandzeitung. Landers hoffte, dass es nur die Ostwind-Wandzeitung war.Jan Landers beim lang anhaltenden Beifall. Landers hörte auf zu klatschen und zog den Kopf ein. "Ich möchte euch zunächst das Präsidium vorstellen. Maike von den Jungen Besetzern. Dann die Judith von Rotes Brot, Erika Schultze dürfte bekannt sein, die Opfer-Täter-Beauftragte der Stadt Berlin. Unsere Ruth. Und ich bin der Karsten Barthel. Ich mach die Org-Arbeit bei Ostwind. Viele kennen mich auch als KaBa fit."Landers bekam eine Gänsehaut. Wer war Unsere Ruth? Die Alterspräsidentin? Und was war Rotes Brot?

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