Maria, mit ihrem knallroten Kleid und den brünetten, zu einem Zopf gebundenen Haaren, fährt die Rolltreppe hinunter. Am Budapester Bahnhof richten sich alle Blicke auf sie. Am Gleis angekommen erwartet Maria ein Mann, vermutlich ihr Partner; sie kommen sich näher.
Doch statt sich endlich zu umarmen oder zu küssen, dreht sich Maria kurz vor ihm um und zeigt in ihren Händen: eine Sektflasche mit rotem Flaschenhals. Ein Rotkäppchen-Sekt.
Es ist die wohl bekannteste Werbeszene der Marke im deutschen Fernsehen: Maria, das markant-rote, rückenfreie Kleid und die Sektflasche hinter ihrem Rücken. Doch Rotkäppchen ist viel mehr als dieser Clip.
Das Unternehmen ist Marktführer in der Sektherstellung hierzulande und gilt zudem als ostdeutsche Vorzeigefirma schlechthin. Rotkäppchen ist eine Erfolgsgeschichte. Ein „Wendegewinner“.
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Seinen Ursprung hat das 1856 gegründete Unternehmen in Freyburg, ein schmuckes, verschlafenes Örtchen in der Saale-Unstrut-Region in Sachsen-Anhalt. Traumhafte Terrassenweinberge mit romantischen Häuschen reihen sich hier aneinander. Irgendwo in der Weite eine Burg. Man könnte auch meinen, man ist hier an der Mosel oder im Rheingau gelandet.
Doch die Stadt Freyburg ist eine Marke für sich und muss sich vor den berühmten Weinanbaugebieten in Südwestdeutschland keinesfalls verstecken.
Sachsen-Anhalt als Nabel der Rotkäppchen-Welt
Bis nach Leipzig oder Halle sind es knapp eine Stunde Autofahrt, nach Berlin ungefähr drei Stunden. Doch wer denkt, die Stadt mit ihren 4500 Seelen sei ein verträumtes Nest im Niemandsland, irrt. Ganz im Gegenteil: Es herrscht wuseliges Treiben rund um den Marktplatz.
Man bereitet sich nämlich auf das Winzerfest vor – eines der Jahreshighlights in Freyburg. Und natürlich ist auch der wirtschaftliche Riese der Region mit am Start, die Rotkäppchen Sektkellerei. Auf den ersten Blick bildet sie eine Art Symbiose mit dem Ort: Mehr als ein Dutzend Werbe- und Anzeigetafeln von Rotkäppchen zieren das Stadtbild.
Die Eröffnung der Rotkäppchen Erlebniswelt im August 2023.
© Nicky Hellfritzsch/Imago
Tatsächlich ist der Erfolg von Rotkäppchen eng mit der Geschichte der Stadt verknüpft. Die Abfüllanlage und Gärhalle in der Sektkellereistraße 5 sind nicht nur das wirtschaftliche Herz von Freyburg, die früheren Produktionshallen, die erst kürzlich in eine Rotkäppchen-Erlebniswelt umfunktioniert wurden, sind auch das kulturelle Zentrum der Stadt.
Eine der Protagonistinnen dieser ostdeutschen Erfolgsgeschichte ist Kati Fritzsche. Die gebürtige Leipzigerin, 40 Jahre alt, ist Leiterin der neuen Erlebniswelt. „Wir sind unfassbar stolz, was wir hier auf die Beine gestellt haben“, sagt Fritzsche. „Der Lichthof, das 120.000-Liter-Cuvéefass, über 100 Jahre alte Rotkäppchen-Flaschen oder den Pavillon mit seinem mediterranen Flair.“
Der Bau des interaktiven Museums mit anschließender Bar und Rotkäppchen-Shop ist in den vergangenen Jahrzehnten eines der größten Investitionen des Traditionsunternehmens. Eine Art „Karls Erdbeerhof für Erwachsene“, sagt eine Besucherin, während sie durch die Rotkäppchen-Regale schlendert.
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Erst im Mai dieses Jahres eröffnete das „Sekt-Paradies“, jedoch gibt es viel mehr als nur Souvenir-Flaschen aus Freyburg oder rote Schlüsselanhänger. In den unterirdisch gelegenen historischen Hallen der Sektproduktion führt eine Ausstellung durch die Meilensteine der Rotkäppchen-Geschichte; eine überaus interaktive Präsentation der beliebten „roten Kappe“: vom Quiz über die Geschichte, über ein Aroma-Tasting bis hin zu einer KI-gesteuerten Anlage, die bestimmt, welcher Sekt-Typ man ist. „Wir wollten das alte und historische – wie die originalen Weinfässer – mit dem Neuen vermischen“, erklärt Fritzsche.
Erfolgsgeschichte mit Wendungen und Umbrüchen?
Doch woraus speist sich der Erfolg der „roten Kappe“, die heute in ganz Deutschland viel und gerne getrunken wird? Es gibt ja nicht viele ostdeutsche Unternehmen, die die Wiedervereinigung überlebt haben. Wobei der Rotkäppchen-Sekt die Treuhandanstalt nicht nur überlebt hat – die Firma ist gestärkt aus den 90er-Jahren herausgekommen und hat später sogar westdeutsche Firmen aufgekauft. Verkehrte Welt? Eine Geschichte, die in Deutschland so vielleicht einmalig ist?
1995: Prinz Charles besucht Familie Kunz in der Platte in Hellersdorf. Was gab’s? Natürlich Rotkäppchen-Sekt.
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Der Weg in die Supermarktregale des wiedervereinigten Deutschlands war kein einfacher. Wie etliche andere Volkseigene Betriebe der DDR kam im Juni 1990 auch Rotkäppchen in die Obhut der Treuhandanstalt. „Es war keine einfache Zeit“, sagt Fritzsche und meint wohl vor allem die Kürzung der Belegschaft von mehr als 350 auf etwa 200 Mitarbeiter; später folgte eine weitere Personalreduzierung auf knapp über 60 Beschäftigte.
Zudem ging mit der Wende im Herbst 1989 ein starker Umsatzrückgang einher: Die „neuen Bundesländer“ öffneten ihre Türen für westliche Produkte und schenkten dem Rotkäppchen-Sekt zunächst keine Beachtung mehr. Man trank nun Henkell oder Fürst von Metternich. Der Verkauf von Rotkäppchen-Flaschen brach ein, wie viele andere Ost-Marken geriet auch die Sektkellerei in Vergessenheit. Im Jahr 1990 wurden nur noch 7,1 Millionen Flaschen verkauft, 50 Prozent weniger als im Vorjahr.
Die ganz große Zäsur kam erst einige Jahre nach dem Mauerfall: 1993 übernahmen in einem sogenannten Management-Buy-out die verbliebenen Mitarbeiter Jutta Polomski, Lutz Lange, Gunter Heise und Ulrich Wiegel zusammen mit der Unternehmerfamilie Harald Eckes-Chantré die Marke Rotkäppchen von der Treuhand.
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„In der damaligen Zeit ein unglaublich mutiger Schritt“, sagt Fritzsche. Bis heute wird den Rotkäppchen-Mitarbeitern eine besonders emotionale Bindung an das Unternehmen nachgesagt, viele Mitarbeiter am Standort in Freyburg kommen aus der Region. Man kenne sich und sei aufgrund des rundum positiven Ausgangs der Rotkäppchen-Geschichte in den 90ern einerseits bodenständig, aber auch stolz auf das bisher Vollbrachte.
Der steile Weg an die Spitze
Ab dann ging es für die ostdeutschen Sekthersteller stetig bergauf. Die ersten Jahre in der freien Marktwirtschaft übersteht die Firma noch mit ein paar Kratzern, die Flaschen bekommen hochwertigere Etiketten, es wird im Fernsehen Werbung geschaltet.
In Ostdeutschland erinnerte man sich nach wenigen Jahren wieder an Rotkäppchen; die Kellerei wird in Brandenburg, Thüringen und Sachsen-Anhalt wieder Marktführer. Heute arbeiten mehr als 1000 Menschen an neun verschiedenen Standorten für den Sekthersteller, allein im beschaulichen Freyburg sind es rund 250 Mitarbeiter.
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„Wir versuchten sogar, in die weite Welt zu expandieren“, sagt Fritzsche; Ende des Jahrtausends zum Beispiel in China. Doch der Markt sei „schwierig“ gewesen, im Reich der Mitte habe man wohl weiterhin den eigenen Reisschnaps und Tsingtao-Bier dem deutschen Sekt vorgezogen. Liegt das vielleicht auch daran, dass die Marke auch das digitale Zeitalter weitestgehend unbeschadet bestanden hat? An Shitstorms in den sozialen Netzwerken oder negativer Publicity kann man sich jedenfalls nicht erinnern.
Wenige Jahre nach dem Versuch in China folgte dann ein weiterer wohl einmaliger Vorgang in der deutsch-deutschen Nachwendezeit: Mit dem Kauf der Mumm-Sektmarke aus Hessen, dem Westen also, sowie den Produktionsstandorten in Hochheim am Main und Eltville am Rhein gewinnt Rotkäppchen im Jahr 2002 weitere Markenanteile. Also genau andersherum, als man es eigentlich während der Privatisierungswelle der Treuhandanstalt kannte und gewohnt war.
Ist Rotkäppchen also eine Erfolgsgeschichte ohne Grenzen?
Die Produktion zu DDR-Zeiten.
© Walter Nagel GmbH & Co. KG
Manche mögen das anders sehen. Das Image der Marke ist unter einigen Konsumenten mindestens ambivalent. Im Volksmund wird die Rotkäppchen-Flasche nicht selten als Billig-Gesöff beschimpft. Man präferiere eher einen französischen Crémant oder italienischen Spumante.
„Aber auch wir haben in den vergangenen Jahren unsere Premium-Produkte auf den Markt gebracht“, sagt Fritzsche. So gibt es exklusiv im hauseigenen Shop verschiedene „1856-Flaschen“, so wie ein extra trockener Weißburgunder, ein trockener Spätburgunder Rose oder den extra trockenen Riesling.
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Der Trend, so die Leiterin der Rotkäppchen-Erlebniswelt, gehe jedoch sowieso hin zu den alkoholfreien Sorten. „Man geht mit der Zeit“, so Fritzsche. Zum 33. Jahrestag der Deutschen Einheit könne man also in den verschiedensten Formen anstoßen: ob klassisch mit dem Halbtrockenen oder in Premium-Manier. Oder neuerdings alkoholfrei.
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