Die unvorstellbar ferne Vergangenheit verschmilzt, sobald man die düstere, noch immer nach Ruß riechende Kesselhalle des einstigen Heizkraftwerks für Friedrichshain betritt. Betonwand an Betonwand mit dem berühmten Techno-Club Berghain und dem nur ganz schwach hörbaren Wummern der Beats dahinter trifft das Publikum von heute auf das ferne Persien vor vier Jahrtausenden. Auf den archaischen Sonnenkult.
In der gewaltigen Industriearchitektur mit ihren 20 Meter hohen Pfeilern und von der Decke herabragenden Kohleschütten muss einfach jede Art von Kunst dramatisch ausfallen. Und ja, die Inszenierung „A Shroud Woven of Solar Threads“ der iranischen Künstlerin Ala Roushan und ihres kanadischen Partners Charles Stankievech ist dramatisch. Es packt einen mit allen Sinnen, dieses artifizielle Zusammenspiel von KI-Video und archäologischen Artefakten, etwa Abgüssen uralter persischer Glocken aus dem Metropolitan Museum New York.
Kein mystischer Bombast, sondern ein luzides Konzept
Aber psychedelisch ist die Szenerie im mächtig gewaltigen Ambiente nicht. Dieses real wie digital begehbare Raumkunstwerk folgt keiner Überwältigungsstrategie, vielmehr einem klaren, luziden, dabei sensiblen Konzept. Die Ausstellung, kuratiert von Juliet Kothe, der Gründerin der Berliner Kunstplattform House (für den Dialog mit historisch aufgeladenen Architekturen), und von Nadim Samman, schafft vielmehr einen meditativen Denkraum.
Dieser versetzt einen in eine längst versunkene Ära. Die Zeitreise bringt uns an einen Ort, der Besuchern verschlossen bleibt. Denn er befindet sich im Iran, dem Land, das unter seiner brutalen, menschenverachtenden islamistischen Mullah-Diktatur leidet.
Ala Roushan und Charles Stankievech in der Halle am Berghain
© Andreas Gehrke
Die Inszenierung zieht einen hinein in den ältesten Mithra-Tempel der Welt, eine labyrinthische Höhle, dereinst heiliger Ort des persischen Sonnenkultes. Die derzeitigen theokratischen, frauenfeindlichen Machthaber schätzen das Heiligtum aus vorpatriarchalischer Zeit so gar nicht. Es ist ein tabuisierter Ort nahe der Grenze zu Armenien. In diesem Tempel, den die Kamera für das Video des Künstlerpaares langsam durchwandert, oblagen die Rituale dereinst Priesterinnen. Undenkbar im patriarchalischen islamischen Verständnis der Frauenrolle.
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MehrRäucherduft der Steppenkrautsamen
Aus der Dunkelheit enthüllt sich im spärlichen Schein des an der Hallenwand flackernden Filmfeuers ein großer, heiliger Stein aus Obsidian. Aus der Schwärze des vulkanischen Gesteins schimmert helle Marmorierung. Auf der polierten Oberfläche glühen kreisförmig ausgestreut duftende Samen des iranischen Steppenkrauts namens Esfand. Der feine, leicht bittere Duft lässt an Myrrhe denken. Der Stein ist ein Tempelaltar, gefunden nahe des antiken Mithra-Höhlentempels.
Im Höhlentempel-Video verschwindet die Sonne, auch im antiken Persien ein mystischer göttlicher Akt.
© Ala Roushan & Charles Stankievech
Das wechselweise an Universitäten in Berlin und Toronto lehrende Künstlerpaar Roushan und Stankievech konnte seine Feldforschung vor Ort anhand spärlicher archäologischer Belege gerade noch betreiben, bevor der Iran-Krieg die Spurensuche unmöglich machte. Die beiden schufen nun neben dem Techno-Tempel einen rituellen Raum, der für einige Momente die nervöse Alltagsrealität Berlins vergessen lässt. Der Film an der riesigen dunklen Hallenwand imaginiert ein Ritual zu Ehren der Sonnengottheit Mithra vor mehr als 4000 Jahren. Es wird Licht hinter dem wie aus Sonnenfäden gewebten Schleier.
Mit Hightech imaginiertes Höhlentempelfeuer eines Sonnenkult-Rituals vor vier Jahrtausenden, Video 2026
© Ala Roushan & Charles Stankievech
Nur ist das keine poetische historische Erzählung, sondern eine fragmentarische Licht-Schatten-Kamerafahrt, wie das Echo eines fremden Mysterienkults. Alte Mythen treffen auf Wissenschaft und Forschung. Ein gleißender Feuerstoß, eine Sonnencorona, eine Spirale aus Lichtpixeln erinnern mit sphärischem Sound an uralte Klänge, Rhythmen, Melodien: Mal klingt es raunend, murmelnd, dann wieder schrill wie eine verlorene Sprache. Es ergibt den Schimmer eines Zusammenhangs zwischen der frühen Verehrung der Sonne und den planetaren Technologien von Solarenergie und sich abhebender Künstlicher Intelligenz.
Artefakte des persischen Sonnenkults aus dem Metropolitan Museum an einer Säule der Berghain-Kesselhalle
© ANDREAS GEHRKE
Alles im Raum kreist um die Sonne – Objekt der Verehrung und zugleich Energiequelle und Instrument der Kontrolle. Das Ritual wird begreiflich als Versuch der Menschen, eine Beziehung zur Natur und zu deren Energien herzustellen, sie bedacht zu nutzen. Wie eine Warnung aber pulverisiert sich im Video der antike Höhlentempel vor unseren Augen, wird das Fatale der Gewalt des Homo sapiens und seines Hochmuts bewusst, diese Naturkräfte ohne Rücksicht auf die Folgen um jeden Preis zu beherrschen.
A Shroud Woven of Solar Threads. Halle am Berghain bis 18. Oktober, jeweils Do–So 14–19 Uhr. Informationen und Programm unter www.berghain.berlin
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