Als der Herrgott die Welt erschuf und fast damit fertig war, schien ihm die pommersche Küste zu kahl. Noch einmal griff er eine ordentliche Portion Erde und schleuderte sie von Bornholm aus gen Festland. Da er offensichtlich nicht genug Schwung geholt hatte, landete die Masse eine halbe Meile vor der angepeilten Küste im Wasser der Hauptteil der Insel Rügen war entstanden. Und weil beim Glätten des Eilandes noch einmal ein bißchen Material anfiel, strich er es einfach am Rande der Insel ab und beließ es dabei: Rauh und kantig, ungeschliffen, präsentieren sich die Halbinseln Jasmund und Wittow. Daß sich der Herrgott bei der Erschaffung der Insel Rügen nicht die rechte Mühe gegeben habe, befanden die Insulaner Generationen vor uns. Was die Alten mit einigem Spott betrachteten, brachte dem Eiland jedoch manches Superlativ ein. Immerhin ist Rügen Deutschlands größte Insel und wie Vielgereiste beteuern auch die schönste. Ausgerechnet Gottes "letzter Wurf" inspirierte Caspar David Friedrich vor 200 Jahren zu seinem weltbekannten Gemälde "Kreidefelsen auf Rügen". Nach wie vor ist der Nationalpark Jasmund mit dem berühmten Königsstuhl die Hauptattraktion.Nie war die Kreideküste nur Kunstoder Anschauungsobjekt. Anderthalb Jahrhunderte lang wurde Rüganer Kreide in der Industrie genutzt. Inzwischen erinnert man sich auf der Insel auch wieder anderer Anwendungsmöglichkeiten des weißen Goldes. Zu medizinischen Zwecken war Rügener Kreide noch in den 60er Jahren auf der Insel genutzt worden. Heute werden Kreidepackungen unter anderem wieder im Saßnitzer Kurhotel, im Binzer IFA-Ferienpark, auch im neuentstandenen Wreecher Hof in der Nähe von Putbus angeboten. Als Heilmittel ist die Kreide zwar noch nicht anerkannt , sie führt dem Körper aber Mineralien zu, fördert die Entschlackung und den Zellaufbau. Die Rückkehr zu Traditionellem ist auf Rügen allenthalben zu spüren. Am weitesten vorangekommen bei der Rekonstruktion der schönen alten Villen ist Göhren. Weiß strahlen die balkongeschmückten Fassaden. Auch viele der neugebauten Häuser tragen Elemente der alten Bäderarchitektur. Städtischer wirkt dagegen Binz. Weithin künden Kräne vom Bauboom in dem Seebad. In den nächsten beiden Jahren soll die Zahl der Gästebetten von derzeit 6 800 auf 8 300 wachsen. Gerade wurde der Grundstein gelegt für die Treff-Seehotel Binz Therme, in der nach der Erschließung einer Thermalquelle eine der stärksten Seeküsten-Jodsolen Europas mit einem hohen Anteil an Kalzium, Magnesium und Sulfat zur Anwendung kommen soll.Ganz auf die Historie hingegen setzt Sellin. In der rekonstruierten Wilhelmstraße oder auf der wiederaufgebauten Seebrücke ist das Flair vergangener Tage schon wieder zu spüren. Erst recht, wenn man mit Silke König unterwegs ist. Im historischen Kostüm führt sie Gäste durch den Badeort, liest aus dem Reiseroman "Elizabeth auf Rügen" , in der Elizabeth von Armin ihre elftägige Kutschfahrt über die Insel Rügen beschreibt oder schlüpft zur Freude der Besucher in Badekleider, wie sie vor hundert Jahren Mode waren.Ina Pachmann
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