Militär

Görlitz baut für KNDS: Warum Sachsens Rüstungsboom für Gewissensbisse sorgt

Görlitz steht symbolisch für den Wandel strukturschwacher Regionen. Dort werden statt Straßenbahnen und Zügen nun Teile für Kampfpanzer geschweißt.

8 Min
Ministerpräsident Michael Kretschmer (Mitte) besuchte kürzlich das Werk von <a href="https://knds.com/de/standorte">KNDS in Görlitz</a>

Ministerpräsident Michael Kretschmer (Mitte) besuchte kürzlich das Werk von KNDS in Görlitz

© IMAGO/Matthias Wehnert

Als Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer kürzlich das Werk von KNDS in Görlitz besuchte, ging es um weit mehr als einen gewöhnlichen Unternehmensrundgang. Es ging um Transformation, Industriepolitik und um eine Frage, die in Zeiten des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine und einer veränderten europäischen Sicherheitslage immer drängender wird: Welche Rolle soll die Rüstungsindustrie künftig im Osten und speziell in Sachsen spielen?

Für Kretschmer ist dabei die Antwort eindeutig: „Die Produkte, die in Görlitz hergestellt werden, sind die Grundlage für alles, denn es geht um unsere Sicherheit.“ Die Technik werde gebraucht, um nicht eingesetzt zu werden, so der Ministerpräsident.

Görlitz könnte dabei zu einem Symbol des Wandels werden. Wo über Jahrzehnte im ehemaligen Alstom-Werk Waggons und Schienenfahrzeuge produziert wurden, werden nun militärische Fahrzeugkomponenten hergestellt. Mit dem Einstieg von KNDS – dem Zusammenschluss von Krauss-Maffei Wegmann und dem französischen Nexter, einem der bedeutendsten europäischen Rüstungskonzerne – wird Görlitz Teil einer Branche, die politisch so stark gefördert wird wie lange nicht. Die Mitarbeiter müssen sich nach Aussage der Chefetage für die nächsten 10 bis 15 Jahre keine Sorgen machen, die Auftragslage sei gut.

100 Millionen Euro Investitionen und feste Jobs

Görlitz vervollständigt dabei das Dutzend der deutschen KNDS-Standorte. Investiert wurden hier bisher rund 100 Millionen Euro, um die Hälfte des 70.000 m² umfassenden ehemaligen Alstom-Betriebsgeländes für die neue Nutzung umzugestalten. Über 300 Mitarbeiter wurden übernommen, bis zum Jahresende sollen weitere folgen.

Für Ministerpräsident Kretschmer ist das alles ein strategischer Erfolg. Sachsen positioniert sich damit nicht nur als Industriestandort, sondern zunehmend auch als Teil der europäischen Sicherheitsarchitektur. Gerade in strukturschwächeren Regionen wie der Lausitz seien industrielle Investitionen von dieser Größenordnung von enormer Tragweite.

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Im Freistaat existieren derzeit über 80 Unternehmen mit etwa 2000 Beschäftigten, die direkt oder indirekt Produkte der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie herstellen. Diese Firmen entwickeln Komponenten, die in Militärfahrzeugen, Drohnen, Radar- oder Kommunikationssystemen eingesetzt werden. Teilweise handelt es sich auch um Zulieferer und Dual-Use-Unternehmen, die neben der zivilen Produktion auch Rüstungsgüter herstellen, so beispielsweise Mikroelektronik, Sensorik, Präzisionsmechanik, Optik und Lasertechnik oder eben Spezialfahrzeugbau wie in Görlitz.

Wie sieht die Wirtschaft den Wandel vom traditionellen Maschinen- und Fahrzeugbau zur Rüstungsindustrie, die auch kräftig vom Bund unterstützt wird? Lars Fiehler, Pressesprecher der IHK Dresden, erklärt auf OAZ-Anfrage: „Bislang spielt der Sicherheits- und Verteidigungssektor für die sächsische Wirtschaft so gut wie keine Rolle. Die traditionell starken Kerne der Branche befinden sich bekanntlich in den alten Bundesländern. Vor dem Hintergrund des in Aussicht gestellten Sondervermögens des Bundes zur Ertüchtigung der Verteidigungsfähigkeit möchte nun auch Sachsen profitieren, wobei Neuansiedlungen genauso im Fokus stehen wie die Werbung um Aufträge für bestehende Unternehmen und Start-ups.“

Die IHK warnt: „Zögert Sachsen oder lehnt ab, würden diese Investitionen anderswo in Deutschland getätigt und mit ihnen gingen neue Arbeitsplätze, Innovationen und industrielle Wertschöpfung verloren. Inwieweit es Sachsen gelingen wird, einen Teil der Investitionen für den Freistaat zu generieren, muss angesichts des harten Wettbewerbs abgewartet werden.“

Rüstungsindustrie „legitime Option“

Und wie wägt die IHK den wirtschaftlichen Nutzen gegen die Tatsache ab, dass die produzierten Güter für bewaffnete Konflikte bestimmt sein können?

Dazu Lars Fiehler: „Die sächsische Wirtschaft befindet sich seit mehreren Jahren in schwierigem Fahrwasser. Erschwerend kommen strukturelle Veränderungen in mehreren Branchen (Automotive, Energie, Metall etc.) hinzu, die zu einer sinkenden Wettbewerbsfähigkeit, Arbeitsplatzabbau, weniger Wirtschaftsleistung und damit sinkenden Gewerbesteuerauskommen führen. In diesem Kontext sollte es mehr als legitim sein, neue Optionen ins Auge zu fassen, um Sachsen einen seiner langjährigen Standortvorteile, einen starken Branchenmix, zu sichern.“

Die Sicherheits‑ und Verteidigungsindustrie könne neben der Halbleiterfertigung ein wachsender und strategisch wichtiger Wirtschaftszweig sein, der Unternehmen weit über klassische Rüstungsbereiche hinaus Chancen bieten könne, so der IHK-Sprecher weiter. Entsprechende Informationsveranstaltungen für Firmen, bei denen auch die Bundeswehr bzw. das Bundeswehrbeschaffungsamt in Sachsen beteiligt waren, wurden bislang sehr gut besucht.

CDU-Bundestagsabgeordneter Jens Lehmann, der Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu, KNDS-CEO Florian Hohenwarter, Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, KNDS-Standortleiter Enrico Blocksdorf (v.l.n.r.) bei einem Betriebsrundgang.

CDU-Bundestagsabgeordneter Jens Lehmann, der Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu, KNDS-CEO Florian Hohenwarter, Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, KNDS-Standortleiter Enrico Blocksdorf (v.l.n.r.) bei einem Betriebsrundgang.

© IMAGO/Matthias Wehnert

Der Branchenverband IHK wolle nicht bewerten, „inwieweit sich Unternehmen Geschäftsmöglichkeiten im Bereich von Sicherheit und Verteidigung erschließen wollen“. Das läge an der individuellen, unternehmerischen Abwägung und Entscheidung. Man müsse sich der geänderten Sicherheitslage stellen, wozu „auch gehört, wie wir unser Land so gut ausrüsten und vorbereiten können, dass niemand auf die Idee kommt, eine tatsächliche Eskalation zu riskieren“, so Lars Fiehler abschließend.

Für viele Beschäftigte in Görlitz ist der Wandel zunächst vor allem eines: eine Chance. Der Umbau des Standorts sichert Perspektiven in einer Region, die in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder mit Strukturbrüchen konfrontiert war. Nach dem Kohleausstieg, dem Rückgang klassischer Industrie und den Unsicherheiten in der Bahnbranche könnte KNDS nun langfristige Beschäftigung schaffen. Experten sprechen von einem erheblichen Wachstumspotenzial. Europas Verteidigungsetats steigen massiv. Allein Deutschland hat mit dem Sondervermögen von 100 Milliarden Euro ein klares Signal gesetzt.

Für Görlitz bedeutet das: Aufträge, Investitionen, Ausbildungsmöglichkeiten. Die Produktion von Komponenten für moderne Waffensysteme verlangt hochqualifizierte Fachkräfte. Unter anderem werden insbesondere Schweißer gebraucht. Die Nachfrage könnte junge Menschen in der Region halten oder ehemalige Bewohner dazu bewegen, zurückzukehren. Für Oberbürgermeister Octavian Ursu ist die Akzeptanz der Transformation hin zum Rüstungsbetrieb unter den Mitarbeitern, aber auch in der Bevölkerung überwiegend positiv.

Rüstung als moralische Herausforderung

Doch die Entwicklung hat auch Kritiker. Denn wo Kriegsgerät produziert oder gewartet wird, geht es nicht nur um Wirtschaft. Die Rüstungsindustrie bleibt moralisch ambivalent. Friedensinitiativen und Teile der Lausitzer Zivilgesellschaft sehen die Ansiedlung deshalb skeptisch. Ihre Sorge: Mit jedem Ausbau der Waffenproduktion steigt auch die Normalisierung militärischer Logik im Alltag.

„Wollen wir wirklich, dass Görlitz künftig vor allem mit Waffenproduktion verbunden wird?“, fragen sich manche der ehemaligen Alstom-Beschäftigten. Gerade in einer Stadt, die historisch stark von europäischer Verständigung geprägt ist und unmittelbar an der polnischen Grenze liegt, ist diese Debatte nicht vom Tisch zu wischen.

Die früheren Waggonbauer, die nun bei KNDS in Görlitz arbeiten, sehen ihre neue Arbeit unterschiedlich. „Weil es für die Sicherheit wichtig ist“, sagt ein Mitarbeiter. Ein Kollege ergänzt: „Ich hätte gern weiter Züge gebaut, aber das jetzt geht absolut in Ordnung, weil es die Soldaten schützt.“ Die Lehrlinge sind froh, „übernommen worden zu sein“. Eine Mehrheit der Belegschaft habe Bauchschmerzen, nur rede man darüber nicht, sagt ein KNDS-Mitarbeiter der OAZ.

Viele von den Beschäftigten erleben den Wandel sehr konkret. Sie müssen neue Prozesse lernen, sich weiterqualifizieren: „Früher haben wir Fahrzeuge gebaut, die Menschen verbinden. Jetzt bauen wir Systeme für den Ernstfall“, sagt ein Mitarbeiter. Im Gespräch mit der Belegschaft wird genau diese Mischung aus Hoffnung und Skepsis deutlich.

Für Menschen aus der Friedensbewegung dürfte das Ganze ein gefährliches Signal sein. Wenn Rüstungsproduktion zum zentralen Jobmotor werde, könne dies politische Abhängigkeiten schaffen. Eine Region, die wirtschaftlich von militärischen Aufträgen abhängt, habe möglicherweise weniger Interesse an Abrüstung.

Alstom repariert in Görlitz noch in kleinem Rahmen Züge, doch KNDS hat jetzt das ehemalige Waggonbau-Werk übernommen

Alstom repariert in Görlitz noch in kleinem Rahmen Züge, doch KNDS hat jetzt das ehemalige Waggonbau-Werk übernommen

© Claudia Lord

Befürworter halten diese Sichtweise spätestens seit dem russischen Überfall auf die Ukraine im Jahr 2022 für überholt. Verteidigungsfähigkeit sei keine abstrakte Größe mehr, sondern Voraussetzung für Frieden und Freiheit. Rüstungsproduktion so gesehen, kein Kriegstreiber, sondern Abschreckung.

Gerade KNDS gilt als zentraler Akteur bei der Modernisierung europäischer Landstreitkräfte. Das Unternehmen steht für die Entwicklung und Wartung von Systemen, die Nato-Partner und europäische Staaten als essenziell betrachten. In dieser Perspektive wird Görlitz nicht zum Symbol der Militarisierung, sondern der europäischen Selbstbehauptung. Auch Ministerpräsident Kretschmer hat mehrfach betont, dass wirtschaftliche Stärke und Sicherheit zusammengehören. Für ihn dürfte der Besuch deshalb auch eine politische Botschaft sein: Sachsen will Teil dieser strategischen Neuaufstellung sein.

Deutschland erlebt derzeit eine Renaissance der Verteidigungsindustrie und kehrt damit zurück zum politischen Lagerdenken in den Kategorien Freund und Feind. Was lange politisch umstritten, teilweise sogar gesellschaftlich geächtet war, gilt wieder als strategisch notwendig. Görlitz ist dafür ein Musterbeispiel.

Die Stadt steht exemplarisch für die Frage, wie sich traditionelle Industriestandorte im 21. Jahrhundert neu erfinden können. Doch sie steht ebenso für die gesellschaftliche Debatte darüber, welchen Preis wirtschaftliche Stabilität hat und wie hoch dieser Preis sein darf.

Übrigens: Das Wort „Frieden“ wurde während des Besuches des Ministerpräsidenten im Görlitzer Werk nicht ein einziges Mal von offizieller Seite ausgesprochen, von den Mitarbeitern schon. Am Ende bleibt ein Spannungsfeld, das sich nicht einfach auflösen lässt.

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