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Ruhestand nach 40 Jahren Arbeit: Was passiert, wenn der Leistungsdruck plötzlich weg ist

Kein Wecker, keine Monatsziele, keine Tätigkeitsbilanz: eine persönliche Erfahrung darüber, wie sich das Leben nach dem Berufsleben verändert.

Dirk Lambracht
7 Min
Ein älteres Paar genießt das warme Wetter am Steinsee bei München.

Ein älteres Paar genießt das warme Wetter am Steinsee bei München.

© Frank Hoermann/Sven Simon/Imago

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Am ersten Morgen im Ruhestand wachte ich von selbst auf, ungefähr um die Zeit, zu der vierzig Jahre lang der Wecker geklingelt hatte. Ich blieb noch eine Weile liegen und wartete auf das vertraute Gefühl der Eile. Es blieb aus. Stattdessen lag ich da und lauschte den Vögeln vor dem Fenster.

Erst nach einer Weile begriff ich, was fehlte. Das schrille Geräusch, das all die Jahre den Beginn meines Tages bestimmt hatte, war verstummt. Es hatte mich aus dem Schlaf gerissen, gleichgültig, wie müde ich war. Jetzt stand der Wecker still auf dem Nachttisch, ein Relikt aus einem anderen Leben.

Ich erinnere mich an einen Sonntagabend im Herbst. Drei Tage vor Monatsende fehlten mir noch etwa zweitausend Euro Umsatz bis zum Monatsziel. Wir saßen beim Abendessen, aber mein Blick wanderte immer wieder zum Telefon neben dem Teller. Ein Kunde hatte am Freitag gezögert. Ich hatte ihm versprochen, ihn am Montag früh noch einmal anzurufen, und mein Körper reagierte bereits auf diesen Montag, obwohl er noch Stunden entfernt lag.

Der Nacken verspannte sich, der Magen zog sich zusammen, während am Tisch über etwas ganz anderes gesprochen wurde. Ich war anwesend und gleichzeitig schon im Betrieb, am Telefon, mitten im nächsten Gespräch. Dieses Sonntagabendgefühl begleitete mich jahrzehntelang. Es war mir so vertraut, dass ich es für selbstverständlich hielt.

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Als ich in den Ruhestand ging, erwartete ich eine Art Leere. So hatten es mir Kollegen und Bekannte erzählt, die schon früher aufgehört hatten zu arbeiten. Man würde in ein Loch fallen, hieß es, und die alte Struktur vermissen. Ich wartete auf dieses Loch. Stattdessen kam eine Erleichterung, die mich selbst überraschte. Der Wegfall der Verpflichtungen fühlte sich an wie das Ablegen eines Mantels, dessen Gewicht mir längst selbstverständlich geworden war. Erst ohne ihn spürte ich, wie leicht meine Schultern sein konnten.

Die ständige Prüfung als Selbstverständlichkeit

Heute stehe ich auf, wenn der Schlaf zu Ende ist. Das klingt banal, doch es war eine der größten Umstellungen meines Lebens. Früher bestimmte die Uhr, wann mein Tag begann. Heute folgt er einem Rhythmus, der aus mir selbst kommt. Jeder Tag hat inzwischen die Farbe eines Samstags angenommen. Früher war der Samstag ein besonderer Tag, ein kleines Fest der Freiheit zwischen den grauen Wochentagen. Jetzt tragen alle Tage etwas von dieser Farbe und sind frei von jener Spannung, die früher jeden Morgen begleitete.

Das größte Geschenk des Ruhestands ist die Erleichterung, nur noch mir selbst Rechenschaft schuldig zu sein. Vierzig Jahre lang hing mein Selbstwertgefühl an den Zahlen des Monats und an Anerkennung, die ich mir immer wieder neu verdienen musste. Diese ständige Prüfung war so tief in mich eingeschrieben, dass ich sie für selbstverständlich hielt. Erst jetzt, mit einigem Abstand, sehe ich, wie sehr sie mich geformt hat. Jahrzehntelang wollte ich beweisen, dass man mich brauchte. Mein Selbstbild hing von der Bestätigung anderer ab. Heute darf ich einfach jemand sein.

Doch sobald ich mit anderen darüber spreche, meldet sich der alte Maßstab zurück. Vor einigen Wochen fragte mich ein ehemaliger Kollege bei einem Grillfest, was ich denn nun mit meiner Zeit anfange. Ich begann sofort zu erzählen, was ich las und woran ich schrieb, als müsste ich beweisen, weiterhin ein nützlicher Mensch zu sein.

Erst auf dem Heimweg wurde mir bewusst, wie seltsam meine Reaktion gewesen war. Weshalb sollte ein Rentner erklären, wie er seine Tage verbringt? Selbst im Ruhestand antwortet der ehemalige Leistungsmensch mit einer Tätigkeitsbilanz, als liefe irgendwo noch immer die alte Prüfung weiter. Offenbar fällt es uns schwer, einem Tag einen Wert zuzugestehen, wenn er kein sichtbares Ergebnis hervorbringt. Wir sprechen von Arbeitskräften und Humankapital, als wäre der Mensch vor allem eine Funktion. Wer aus dieser Funktion herausfällt, gerät schnell in den Verdacht, seine besten Jahre hinter sich zu haben.

Der Ruhestand gibt Raum für Spaziergänge.

Der Ruhestand gibt Raum für Spaziergänge.

© Hohlfeld/Imago

Raum für Spaziergänge und Gespräche

Diesen Maßstab verstehe ich, weil ich ihn selbst jahrzehntelang angelegt habe. Auch ich hätte früher gedacht, ein Tag müsse mit Terminen gefüllt sein, um zu zählen. Heute sehe ich das anders. Heute haben lange Spaziergänge und Gespräche Raum, die früher zu kurz kamen. Ein Buch kann ich zu Ende lesen, ohne auf die Uhr zu sehen. Diese Fülle lässt sich schwer in Zahlen fassen und taucht in keiner Tätigkeitsbilanz auf.

Manchmal denke ich daran zurück, wie ich mit fünfundzwanzig und noch mit vierzig durch die Stunden jagte. Ständig hatte ich das Gefühl, zu wenig zu tun und trotzdem am Rand der Erschöpfung zu stehen. Ich frage mich, wie viel dieser Hetze nötig war und wie viel ich mir selbst auferlegt hatte, weil ich glaubte, es müsse so sein. Die Arbeit verlangte tatsächlich viel von mir, das erkenne ich rückblickend an. Ein Teil der Eile kam jedoch aus mir selbst, aus dem Wunsch, gesehen zu werden, und aus der Angst zu versagen. Ich hielt diesen Maßstab für gegeben, obwohl ich selbst an ihm mitgewirkt hatte.

Der Ruhestand hat mir die Möglichkeit gegeben, diese Vorstellung zu prüfen. Zeit ist für mich heute etwas geworden, das ich besitze, statt etwas, das mir zugeteilt wird und das ich rechtfertigen muss. Diese Verschiebung klingt klein, aber sie verändert die ganze Tönung eines Tages. Ein Vormittag, an dem ich im Garten stehe und den Pflanzen beim Wachsen zusehe, hat für mich heute denselben Wert wie früher ein erfolgreich abgeschlossener Auftrag. Vielleicht sogar einen größeren, weil dieser Vormittag mir allein gehört. Früher hätte ich einen solchen Vormittag als vertane Zeit empfunden, als Leerlauf, der sich schlecht rechtfertigen lässt. Heute erkenne ich in ihm eine eigene, stille Form von Reichtum. Meine Erleichterung sagt auch etwas über die Gesellschaft, aus der ich komme.

Nicht jeder freie Tag ist ungenutztes Potenzial

Während Politik und Wirtschaft Anreize dafür schaffen, dass ältere Menschen über die Regelaltersgrenze hinaus weiterarbeiten, erfahre ich nach vierzig Berufsjahren, wie es sich anfühlt, frei über die eigene Zeit zu verfügen. Wer freiwillig weiterarbeiten möchte, soll das tun. Problematisch wird es, wenn selbst der freiwillige Ruhestand als ungenutztes Potenzial erscheint.

Manche wollen weiterarbeiten, andere müssen es aus finanziellen Gründen. Meine Erfahrung ist eine andere.

Der Wecker steht noch immer auf meinem Nachttisch. Ich brauche ihn nicht mehr, doch weggeräumt habe ich ihn auch nicht. Vierzig Jahre verschwinden nicht an einem Morgen.

Dirk Lambracht, Jahrgang 1961, lebt in Lemgo und ist nach vier Jahrzehnten im Vertrieb seit 2025 im Ruhestand. Er veröffentlichte zwei gesellschaftskritische Bücher über Macht, Sprache und Deutung.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

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