Rund 10 000 Ausländer leben illegal in der Stadt, schlafen in Obdachlosenheimen und arbeiten schwarz

"Der Tag ist leer - man könnte verrückt werden"

Marlies Emmerich
5 Min

Sie leben in ständiger Angst. Wenn illegal in Berlin lebende Ausländer krank werden, trauen sie sich meistens nicht zum Arzt. Wenn Kontrolleure in die U-Bahn kommen, könnte das schon die Abschiebung bedeuten. Vermutlich 10 000 Ausländer, schätzen Wohlfahrtsverbände, geht es in Berlin so wie dem Kolumbianer und dem Polen, die der "Berliner Zeitung" ihren Alltag schildern. ----Carlos hat keine Wohnung. Seit Monaten zieht er von einer Obdachlosenunterkunft zu nächsten. Zwei Taschen mit Kleidung hat der Kolumbianer in einer Beratungsstelle für Nichtsesshafte abgestellt. Der Rest seiner Habe lagert bei Bekannten. Manchmal sucht sich der Lateinamerikaner auch einen Dachboden zum Schlafen. Nur wenn ihm mal ein Arbeitgeber neben Schwarzarbeit ein Zimmer zur Verfügung stellt, muss er sich keinen Platz suchen. Offiziell eine Wohnung mieten kann der 32-Jährige auch nicht. Die Ausländerbehörde darf nicht erfahren, dass er illegal in Berlin lebt - schon seit fast vier Jahren. Morgens geht Carlos nach dem kostenlosen Frühstück in der Notunterkunft erst einmal zur Technischen Universität oder zur Humboldt-Uni. Dort sucht der Lateinamerikaner an den Schwarzen Brettern nach Stundenjobs. Mittwochs geht er zu einer Selbsthilfegruppe von Lateinamerikanern. Dazwischen liegen viele Stunden, mit denen Carlos nichts anzufangen weiß. Manchmal setzt er sich in die Bibliothek des Lateinamerika-Institutes und liest oder trifft sich mit Bekannten. Manchmal steckt ihm einer von ihnen zehn Mark zu. Mitunter reicht das, denn das Abendessen ist in den Notunterkünften kostenlos, mitunter muss der Kolumbianer weiter nach Essbarem suchen. Hunderte Lateinamerikaner leben in Berlin ähnlich wie Carlos, sagt eine Caritas-Mitarbeiterin. "Der Tag ist leer - man könnte verrückt werden", sagt Carlos. Wenn er Arbeit findet, jobbt Carlos, der noch immer kein Deutsch spricht, auf Baustellen. Einmal wurden ihm zehn Mark pro Stunde geboten - am Schluss bekam er keinen Pfennig. Wehren konnte sich der junge Mann wegen seines illegalen Status dagegen nicht. Ein anderes Mal wäre ihm eine heruntergefallene Eisenstange fast zum Verhängnis geworden. Eine Wunde unterhalb des Auges musste genäht werden, die demolierte Brille ersetzt werden. Sein Chef gab ihm damals 300 Mark - für die Privatrechnung vom Arzt und den Optiker. Wenn es nicht unbedingt sein muss, geht Carlos ohnehin nicht zum Arzt.Bereits als 20-Jähriger hat der Lateinamerikaner sein Land verlassen. Der junge Sozialist nahm das Angebot der damaligen Sowjetunion an, in Odessa Meereskunde zu studieren - Stipendium inklusive. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion konnte Carlos die von der Ukraine verlangten Kosten für das Studium aber nicht mehr aufbringen. Irgendwann ging das Gerücht in Odessa um, in Deutschland gebe es die Möglichkeit, weiter studieren und arbeiten zu dürfen. Carlos reiste mit einem Touristenvisum ein. Die Hoffnungen, "die waren eine Lüge", sagt Carlos heute dazu. "Heute denke ich nicht mehr an Ideologie, nur noch ans Geld", sagt Carlos. Gelegentlich träumt er davon, nach Spanien zu gehen. Dort seien die Ausländergesetze nicht so streng, glaubt er. Vielleicht, sagt er, wolle er auch wieder anfangen zu studieren. Aber wann und wo - und vor allem wie lange das Nichtstun noch so weitergehen soll, weiß der Kolumbianer nicht: "Diese Fragen stelle ich mir selbst ständig."----Janousz erzählt, dass er sechs Monate lang auf einer Baustelle arbeitete - so lange wie noch nie am Stück. Meist bekommt der Pole, der seit zehn Jahren illegal in Berlin lebt, nur Gelegenheitsjobs - hier mal zwei Tage lang einen Teppich verlegen, mal dort eine Wohnung streichen. Der 38-Jährige hat - wie Carlos - Angst vor der Polizei und vor den Kontrollen des Arbeitsamts. Deshalb nimmt er nur Jobs bei Kleinunternehmern an, die er kennt oder bei Privatleuten. Oft vermitteln ihm legal in Berlin lebende Polen die Aufträge. Einer seiner Landsleute beherbergt ihn in seiner Wohnung. Untermieter Janousz zahlt ihm die Miete bar. Der Agrarfacharbeiter kam 1990 nach Berlin - von einem buddhistischen Meister wollte er "die Praxis des Meditierens lernen", sagt Janousz. Zunächst dachte er nicht daran, länger zu bleiben. Aber aus Janousz, der als Tourist einreiste, wurde zwischenzeitlich Janousz der Schwarzarbeiter, der in Deutschland jobbt und alle paar Wochen seine polnische Heimat besucht. Mindestens alle drei Monate fährt er nach Polen, um sich den dafür notwendigen Stempel als "Tourist" zu holen. Warum er 1990 überhaupt in Deutschland "hängen geblieben ist", das könne er nicht erklären, sagt Janousz. Manche seiner schwarz arbeitenden Kollegen wissen das hingegen genau: "Einige haben sich mit dem hier verdienten Geld in Polen Wohnungen gekauft", sagt Janousz. Manchmal erhält der Pole wochenlang keine Aufträge, dann wieder muss er sogar Job-Angebote ablehnen, so viele gebe es. "Es ist manchmal bedrückend, aber man gewöhnt sich an die illegale Situation", sagt der Pole, der inzwischen gut Deutsch gelernt hat. "Allerdings weiß ich jetzt nicht mehr, in welches Land ich gehöre."In zwei Jahren, sagt er, wolle er "Schluss machen mit der Illegalität". Zur Zeit lässt er sich an einer privaten Massageschule ausbilden. Wenn er 40 Jahre alt ist, möchte Janousz dann in Polen als Masseur arbeiten oder "irgendwo auf dem Land ein Alternativprojekt betreiben". Und wenn das nicht klappt, sagt Janousz, dann "wandere ich aus nach Australien oder Amerika".BERLINER ZEITUNG/GEORGE KALOZOIS Illegal in Berlin: Aus Angst vor Abschiebung will der Kolumbianer Carlos nicht erkannt werden.

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