Russland hat seine Angriffe auf Kiew kurz nach der Abreise der US-Unterhändler Steve Witkoff und Jared Kushner wieder aufgenommen. Bei dem kombinierten Einsatz ballistischer Raketen und Drohnen wurden in der Nacht zum Dienstag nach Angaben des Bürgermeisters Vitali Klitschko zwei Menschen getötet und zehn weitere verletzt worden. Fünf Verletzte kamen demnach ins Krankenhaus, zwei von ihnen in ernstem Zustand.
Trümmer beschädigten laut Ukrinform ein fünfstöckiges und ein dreistöckiges Wohnhaus. Auch Fahrzeuge, Garagen und Lager wurden getroffen, in mehreren Stadtteilen brachen Brände aus. In einem Gebäude einer Bildungseinrichtung im Stadtteil Holossijiwskyj brannte es ebenfalls.
Wegen der Gefahr einer Verletzung seines Luftraums ließ das benachbarte Polen Militärflugzeuge aufsteigen. Gleichzeitig meldete der Gouverneur der russischen Region Saratow Schäden und Verletzte durch ukrainische Drohnen. Einwohneraufnahmen deuteten laut dem Kyiv Independent auf einen Brand in der dortigen Rosneft-Raffinerie hin; unabhängig bestätigt war ein Treffer zunächst nicht.
Selenskyj sieht Zeitfenster für Diplomatie
Der Angriff auf Kiew beendete die von Kremlchef Wladimir Putin angeordnete Ruhephase während des Besuchs der amerikanischen Gesandten. Dennoch erklärte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in einem Interview mit Axios, Witkoff und Kushner hätten ihm aus Moskau die Botschaft überbracht, „die Russen seien zu Verhandlungen bereit“. Nach seinem Verständnis sei Kremlchef Wladimir Putin zumindest bereit, über Vorschläge zur Wiederaufnahme des diplomatischen Prozesses zu sprechen.
Selenskyj zeigte sich angesichts der anhaltenden Angriffe allerdings skeptisch. Das russische Vorgehen auf dem Schlachtfeld lasse bislang keine Bereitschaft zu Zugeständnissen erkennen. Die Ukraine wolle dennoch die Monate September und Oktober nutzen, um die Gespräche wiederzubeleben.
Als möglichen Anlass für weitere Beratungen mit den USA nannte er die UN-Generalversammlung in New York. Auch eine neue trilaterale Verhandlungsrunde zwischen der Ukraine, Russland und den USA sei möglich, beschlossen sei sie aber noch nicht.
Nach Selenskyjs Darstellung prüfen die USA zugleich begrenzte Vereinbarungen, die eine weitere Eskalation im Winter verhindern könnten. Zur Debatte stünden gegenseitige Schritte bei Angriffen auf Energie- und Stromanlagen sowie Regelungen zu Getreidetransporten und russischen Öl- und Gasexporten. Zunächst sollten die Verhandlungen wieder aufgenommen und anschließend Absprachen für einen weniger zerstörerischen Winter gesucht werden.
Selenskyj: Putin könnte Trump entgegenkommen
Selenskyj vermutet, dass Putin auf einen weiteren harten Winter setzt, um die Ukraine militärisch und wirtschaftlich zu schwächen und zu zusätzlichen Zugeständnissen zu zwingen.
Gleichzeitig könne der Kremlchef ein Interesse daran haben, US-Präsident Donald Trump vor den amerikanischen Kongresswahlen einen diplomatischen Erfolg zu ermöglichen. „Putin braucht Trump“, sagte Selenskyj gegenüber Axios. Er glaube daher, dass Washington Russland zumindest zu begrenzten Schritten der Deeskalation bewegen könne.
Kiew fordert parallel weitere amerikanische Sanktionen gegen Russland sowie zusätzliche Luftabwehr- und Energiehilfe. „Putin braucht Geld. Putin will Geld, um den Krieg fortzusetzen“, sagte Selenskyj. Verhandlungen könnten aus seiner Sicht deshalb nur Erfolg haben, wenn die Ukraine währenddessen militärisch stark bleibe.
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