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Anti-Dollar-Allianz

Geopolitik in St. Petersburg: Wie Putin beim Wirtschaftsforum die Brics-Front gegen den Dollar schmiedet

Putin empfängt beim Wirtschaftsforum 130 Länder trotz Drohnenangriffen. Brics-Staaten schmieden Anti-Dollar-Allianz mit Yuan-Rubel-Achse. Wer wird abgekoppelt?

9 Min
Putin in Petersburg: Hier geht es auch um Währungspolitik.

Putin in Petersburg: Hier geht es auch um Währungspolitik.

© Dmitri Lovetsky/AP/dpa

Die Symbolik beim 28. Internationalen Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg (SPIEF) unübersehbar – im doppelten Sinne: Über dem Hafen seiner Heimatstadt steigt schwarzer Rauch auf, nachdem ukrainische Langstreckendrohnen in der Nacht ein Ölterminal getroffen haben.

Drinnen, in den Konferenzsälen, empfängt der Kreml-Chef Delegationen aus 130 Ländern, darunter die Präsidenten Usbekistans und Tansanias sowie Minister aus Kuba, Belarus, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien. Auch westliche Wirtschaftsvertreter werden erwartet. Die Botschaft an Washington, Brüssel und Berlin lautet: Russland ist nicht isoliert. Russland ist Gastgeber.

Das SPIEF ist die wichtigste internationale Bühne der russischen Regierung im eigenen Land – und es ist in diesem Jahr mehr denn je ein Schaufenster der Dedollarisierung. Während die ukrainische Armee mit Drohnen die Energieinfrastruktur Russlands ins Visier nimmt – allein in dieser Nacht meldete Moskau 354 abgeschossene Drohnen –, treibt Putin auf der wirtschaftspolitischen Bühne ein Projekt voran, das die Architektur der globalen Finanzordnung verändern soll.

Russland als Treiber der Brics-Entdollarisierung

Im Zentrum der russischen Forumsagenda steht das, was Moskau seit Beginn der westlichen Sanktionen 2022 zur Staatsräson erhoben hat: die Loslösung vom US-Dollar als Leitwährung im Außenhandel. Putin selbst hatte bereits in einer Videobotschaft vor seinem jüngsten China-Besuch im Mai betont, die bilateralen Abrechnungen mit Peking erfolgten „fast vollständig in Rubel und Yuan“. Für die Brics-Staaten ist dies kein Nebenprodukt, sondern strategisches Programm.

Rauch steigt auf über St. Petersburg, Russland.

Rauch steigt auf über St. Petersburg, Russland.

© Ulf Mauder/dpa

Russlands Rolle in dieser Konstellation ist die des Pioniers wider Willen: Als am stärksten sanktioniertes G-20-Land der Welt hat Moskau aus der Not eine Doktrin gemacht. Die Yuan-Rubel-Achse, die Verrechnung von Energielieferungen in Landeswährungen, die Anbindung an chinesische Zahlungssysteme jenseits von Swift – all das wird beim SPIEF nicht als Defensivmaßnahme verkauft, sondern als Modell für den Globalen Süden. Vertreter aus den Golfstaaten, Afrika und Lateinamerika sind die eigentliche Zielgruppe dieser Erzählung.

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Dass die Realität komplizierter ist, zeigt ein Blick auf die Daten der westlichen Konkurrenzwährung: Die internationale Nutzung des Euro stieg 2025 leicht auf rund 20 Prozent, blieb aber deutlich unter dem Niveau des Dollars – so der jüngste Jahresbericht der Europäischen Zentralbank. Bei den Devisenreserven entspricht der Euro-Anteil nur etwa einem Drittel des Dollar-Anteils. Mit anderen Worten: Die Hegemonie des Greenback steht weiter, der Euro tritt auf der Stelle – und in diese Lücke drängen Yuan und Rubel-Verrechnungssysteme, die Moskau und Peking organisieren.

Hinzu kommt: Der Dollar hat sich zuletzt sogar wieder gefestigt. Im Mai 2026 legte der Bloomberg Dollar Spot Index um 0,6 Prozent zu – die vierte Monatsrendite seit Beginn der Dollar-Schwächephase von 2025. Treiber waren steigende Zinserwartungen an die Federal Reserve und Haven-Flows infolge geopolitischer Unsicherheit, insbesondere im Konflikt zwischen den USA und Iran. Paradoxerweise stärkt also dieselbe geopolitische Krisendynamik, die Putin auf dem SPIEF anpreist, kurzfristig den US-Dollar als Krisenwährung – während sie mittelfristig die strukturelle Alternative zementiert, die Brics aufbauen.

Eine Partnerschaft mit harten Zahlen

Die Petersburger Bühne wäre ohne die Rückendeckung Pekings undenkbar. Erst Mitte Mai war Putin zum 25. Mal nach China gereist – nur Tage nach Donald Trumps Staatsbesuch in Peking. Zum 30. Jahrestag der „strategischen Partnerschaft der Koordinierung“ und zum 25. Jahrestag des Freundschaftsvertrags von 2001 lautete die Botschaft: Der Versuch der USA, „einen Keil zwischen Moskau und Peking zu treiben, ist zum Scheitern verurteilt“ – so der britische Regionalexperte Ian Storey gegenüber Reuters.

Das bilaterale Handelsvolumen erreichte 2025 laut Chinas Handelsministerium rund 228 Milliarden US-Dollar – das dritte Jahr in Folge oberhalb der 200-Milliarden-Marke. China ist seit 16 Jahren Russlands größter Handelspartner.

Russisches Öl nach China

Im Energiesektor verdichten sich die Bindungen: China importierte 2024 rund 108 Millionen Tonnen russisches Öl und ist damit Russlands größter Abnehmer. Über die Pipeline „Power of Siberia“ flossen 2024 etwa 31 Milliarden Kubikmeter Gas, für 2025 werden 38 bis 39 Milliarden Kubikmeter erwartet. Hinzu kamen 8,3 Millionen Tonnen LNG. 2025 vereinbarten beide Seiten zusätzlich 2,5 Millionen Tonnen Öl jährlich über Kasachstan. Verhandelt wird weiter über „Power of Siberia 2“ mit geplanten 50 Milliarden Kubikmetern Jahreskapazität – eine Pipeline, die Putin laut seiner Aussage vom 9. Mai „in greifbare Nähe“ gerückt sieht.

Luftaufnahme: Bohrturm im Gasfeld Tschajandinskoje, Jakutien 2015 Gazprom-Projekt

Luftaufnahme: Bohrturm im Gasfeld Tschajandinskoje, Jakutien 2015 Gazprom-Projekt

© imago stock&people

Peking hält den Preis allerdings offen – ein Hinweis auf die strukturelle Asymmetrie: Russland braucht den Deal dringender als China.

Asymmetrie als Systemmerkmal

Genau hier liegt der wunde Punkt der „grenzenlosen Partnerschaft“. Die New York Times beziffert die Schieflage präzise: China liefert über ein Drittel der russischen Importe und kauft mehr als ein Viertel der russischen Exporte – Russland steht jedoch nur für rund vier Prozent des chinesischen Außenhandels, weniger als Vietnam.

Moskau ist Junior-Partner einer Achse, die es selbst als gleichrangig zelebriert. Pekings Zurückhaltung bei „Power of Siberia 2“, die Diversifizierung mit Turkmenistan und das jahrelange Zögern bei der vierten Turkmenistan-Pipeline zeigen: China kalkuliert, Russland kapituliert vor der Geografie der Sanktionen. So die westliche Lesart, oft mit selbstgefälligem Unterton.

Dennoch, das muss klar konstatiert werden, funktioniert die politische Symbiose. Storey bringt es auf den Punkt: „Es ist unrealistisch zu erwarten, dass Xi Druck auf Putin ausübt, den Ukraine-Krieg zu beenden. Peking wird Moskau weiter diplomatischen Schutz in der UNO, wirtschaftliche Hilfe und Dual-Use-Technologie für die Streitkräfte liefern.“ Eine Niederlage Russlands würde Putin politisch schwächen – und damit ein für Xi nützliches Gegengewicht zu den USA destabilisieren.

Brics, SCO und die Architektur der Multipolarität

Putin und Xi nutzen ihre Treffen seit 2013 – mehr als 40 Begegnungen – explizit zur Stärkung von Brics und der Shanghai Cooperation Organization (SCO). Beide Seiten „fördern die Entwicklung der internationalen Ordnung in eine gerechtere und gleichberechtigtere Richtung“ (Xinhua, 19.5.2026).

Die Entdollarisierung ist dabei kein Nebenprodukt, sondern strategisches Programm: Chinesische unabhängige Raffinerien wickeln russisches Öl „weitgehend in Yuan“ ab. Der Yuan wird zur Reservewährung des sanktionierten Russlands – und mittelfristig zur Verrechnungswährung des Globalen Südens. Beim SPIEF, dessen Gästeliste von Riad bis Havanna reicht, wird dieses Modell aktiv vermarktet.

Flankiert wird dies durch militärische Demonstration: Just am Tag von Putins Mai-Anreise lief der chinesische Flugzeugträger „Liaoning“ zu Übungen mit scharfem Schuss in den Westpazifik aus. Die Choreografie ist eindeutig.

Vom Akteur zum Subjekt: Europas stille Entkopplung

Hier wird die Frage virulent, die Berlin und Brüssel ungern stellen: Sind die „Abkoppler“ – Europa und Deutschland, die seit 2022 Russland sanktionieren – inzwischen selbst die Abgekoppelten?

Die Zahlen sind ambivalent. Russlands Anteil an den Extra-EU-Importen fiel laut Eurostat von 9,5 Prozent (Februar 2022) auf 1,9 Prozent (Dezember 2023). Der Anteil russischen Gases an EU-Gasimporten sank von 40–45 Prozent (2021) auf 17–19 Prozent (2024, Intereconomics). Die EU plant den vollständigen Ausstieg aus russischer Energie bis 2027. Deutschland hat direkte Gasimporte aus Russland weitgehend beendet, LNG-Terminals errichtet, norwegisches Gas substituiert.

Doch der Preis ist hoch – und China kassiert die Dividende. Während deutsche Industriestrompreise zu den höchsten weltweit zählen, importiert China russisches Öl und Gas mit Preisabschlägen. Pekings Wettbewerbsvorteil bei energieintensiver Produktion – Stahl, Chemie, Aluminium, E-Auto-Batterien – wird durch die russische Rohstoffsubvention zementiert. Deutschland exportiert seine Konjunktur, China importiert sie.

Politisch ist die Asymmetrie noch deutlicher: In Peking empfing Xi Trump und Putin binnen einer Woche. In Sankt Petersburg empfängt Putin nun die Repräsentanten des Globalen Südens. Brüssel und Berlin tauchen in keiner dieser Choreografien auf. Die EU war beim Trump-Xi-Gipfel nicht am Tisch, beim Putin-Xi-Gipfel ist sie es ohnehin nicht – und auf dem SPIEF gibt es zwar westliche Unternehmer, aber keine offiziellen europäischen Delegationen.

Gesprächsfenster mit Moskau – ohne die Architekten der neuen Ordnung

Immerhin: In der Bundesregierung wächst die Erwartung, dass es in den kommenden Monaten zu Gesprächen mit Russland über ein Ende des Krieges kommen könnte. „Langsam öffnet sich ein Fenster für Gespräche der europäischen Seite mit Russland“, heißt es aus Regierungskreisen. Diskutiert wird, in welchem Format – als wahrscheinlich gilt die E3-Gruppe aus Deutschland, Großbritannien und Frankreich, die schon im Vorjahr an den US-geführten Bemühungen beteiligt war. US-Außenminister Marco Rubio hatte zuletzt erklärt, aus US-Sicht könnten gerne auch andere versuchen, den Krieg zu beenden – die amerikanischen Vermittlungsbemühungen sind ins Stocken geraten.

Doch selbst wenn die E3 einen Verhandlungsfaden aufnehmen: Über Pipelines, Yuan-Settlements und SCO-Erweiterungen wird ohne europäische Beteiligung entschieden – Realitäten, die Europa dennoch definieren.

Geopolitische Perspektiven

Die Achse Moskau-Peking ist keine „Ehe aus Bequemlichkeit“, sondern eine arbeitsteilige Konstruktion: Russland liefert Rohstoffe, militärische Bindungskraft gegenüber den USA und UN-Vetomacht; China liefert Markt, Yuan-Liquidität, Dual-Use-Technologie und diplomatische Bühne. Brics und SCO sind die institutionellen Klammern, das SPIEF eines ihrer Schaufenster, die Entdollarisierung das ökonomische Vehikel.

Für Europa und Deutschland heißt das: Die Sanktionsstrategie hat Russland von Europa entkoppelt – aber sie hat Europa nicht zum Gestalter der neuen Ordnung gemacht. Im Gegenteil. Wer in Peking nicht am Tisch sitzt und in Sankt Petersburg nicht einmal als Delegation erscheint, steht auf der Speisekarte. Der Übergang vom Abkoppler zum Abgekoppelten vollzieht sich nicht durch einen einzigen Bruch, sondern durch eine Summe von Abwesenheiten: bei Trumps Besuch, bei Putins Besuch, bei der Power-of-Siberia-2-Verhandlung, bei der Yuan-Internationalisierung – und nun beim SPIEF, wo der Globale Süden ohne Europa über seine eigene Währungsordnung berät.

Der Rauch über dem Petersburger Hafen erzählt die eine Hälfte der Geschichte: Russland ist verwundbar, der Krieg holt Putin auch in seiner Heimatstadt ein. Die andere Hälfte erzählt die Gästeliste im Forumssaal: Russland ist eingebunden, vernetzt, wirtschaftlich anschlussfähig. Beides ist gleichzeitig wahr – und für Berlin und Brüssel gleichermaßen ernüchternd.

Dieser Artikel erschien in einer früheren Version erstmals am 19.05.2026 aus Anlass der damaligen Peking-Reise von Wladimir Putin; der Text wurde heute geprüft und aktualisiert.

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