Während sich heute der Tag der Sozialistischen Oktoberrevolution zum 90. Mal jährt, hat Russland einen seiner höchsten Feiertage bereits hinter sich. Am vergangenen Wochenende beging man den Tag der Nationalen Einheit. Er wird auf Geheiß des russischen Präsidenten seit zwei Jahren am 4. November gefeiert und erinnert nicht an den Staatsstreich der Bolschewiki am 7. November 1917, sondern an die Befreiung Russlands von polnischer Besatzung im November 1612.Die Kommunistische Partei der Russischen Föderation will sich den höchsten Feiertag der verblichenen Sowjetunion indes nicht nehmen lassen. Schon die Umbenennung des des 7. Novembers in "Tag der Eintracht und Versöhnung" unter Boris Jelzin hielt Russlands Kommunisten nicht davon ab, auch weiterhin den Jahrestag der Oktoberrevolution zu feiern. Der Neunzigste soll nach dem Willen des Vorsitzenden der KPRF, Gennadi Sjuganow, mit einem Massenaufmarsch begangen werden. Er rechne, allein in Moskau, mit mehr als 50 000 Teilnehmern, ließ Sjuganow in der vergangenen Woche wissen.Erinnert wird an die Ereignisse im Herbst 1917 dieser Tage auch in den russischen Medien. Im Ersten Kanal des Fernsehens streiten Gennadi Sjuganow und der Vorsitzende der liberalen Jabloko Partei, Grigori Jawlinski, über die Bedeutung des Oktober 1917. In der russischen Regierungszeitung Rossiskaja Gaseta liefert Sergej Mironow, Vorsitzender des russischen Föderationsrates und Vorsitzender der Partei "Gerechtes Russland" seinen Beitrag zur historischen Einordnung, und eben dort findet sich auch eine Streitschrift der Historikerin Natalja Narotschnizkaja, stellvertretende Vorsitzende des auswärtigen Ausschusses des russischen Parlaments, für eine Würdigung des Roten Oktober.Gestritten wird vor allem darüber, ob die Folgen der Oktoberrevolution für den Fortgang der russischen Geschichte im 20. Jahrhundert nun ausschließlich kritisch oder auch wohlwollend zu betrachten seien. Keiner der erwähnten Kommentatoren unterlässt es, das Leiden der Zivilbevölkerung im Bürgerkrieg, die stalinistischen Repressionen und die Opfer des Gulag zu erwähnen. Im gleichzeitigen Bemühen, der sowjetischen Vergangenheit auch positive Seiten abzugewinnen, geraten sie indes ins Stolpern. Sergej Mironow etwa erklärt in seinem Beitrag, nicht das totalitäre Regime sei "Quelle der Errungenschaften der sowjetischen Epoche" gewesen, auf die Russland auch heute "stolz sein könne und müsse", sondern "die Energie einer Volkserhebung" für ein "würdiges und gerechteres Leben".Dieser gesammelte Volkswille habe das Land aus der reinen Agrarwirtschaft zur Industriemacht geführt, mit seiner Hilfe sei die Alphabetisierung geglückt, der Zweite Weltkrieg gewonnen und der Weltraum erobert worden. Dass sich Mironow einer näheren Definition des Begriffs "Volkserhebung", enthält, überrascht nicht.Die Verheerungen des Stalinismus, die Opfer des Gulag, sind am Ende doch wieder "der Preis, der für all dies gezahlt wurde". Mit dem nebulösen Begriff "Volkserhebung", einer gemeinsamen, vorgeblich übermenschlichen, tatsächlich aber unmenschlichen Anstrengung, geht Mironow zudem - gewollt oder ungewollt - der sowjetischen Propaganda auf den Leim.Für ihn sei es keine Frage, ob man den Jahrestag der Oktoberrevolution nun "feiern oder sich grämen", ob man "jubeln oder sich schämen sollte", schreibt Mironow. Er empfehle, "sich zu erinnern und nachzudenken". Das ist hilfreich, führt aber nicht zwangsläufig zu einem Ergebnis.Ebenfalls in der Rossiskaja Gaseta antwortet die Historikerin Natalja Narotschnizkaja, auf die Frage, welches denn nun die wichtigste Lehre ist, die aus den Ereignissen des Oktober 1917 zu ziehen sei. Sie zitiert den russischen Philosophen Iwan Iljin, dessen Überlegungen indes ebenso unentschlossen bleiben wie die Sergej Mironows. Russland sei vielstimmig und widersprüchlich, heißt es bei Iljin, zugleich aber eine "organische und geistige Einheit".Narotschnizkaja bestellt Iljin als Zeugen für einen künftigen russischen Staat. "Russland war ein Imperium und wird ein Imperium sein", heißt es bei Iljin. Das künftige Russland werde sich "nicht auf Angst, sondern auf Liebe, nicht auf Klassenkampf, sondern auf Recht und Gerechtigkeit gründen." Mit dieser Rückendeckung plädiert Natalja Narotschnizkaja für einen "völlig neuen, russischen Sozialismus, dessen geistiger Nukleus eine sittliche Solidarität ist." Im brachial-kapitalistischen Russland dieser Tage mutet dieser Utopismus entweder erstaunlich naiv oder zynisch an.Irina Scherbakowa, Professorin für Zeitgeschichte an der Moskauer Afanassjew-Universität, hält es für "keinen Zufall", dass der 7. November als Feiertag ausgedient hat. Das Verhältnis der gegenwärtigen russischen Führung zur Revolution von 1917 und ihren Führern sei widersprüchlich, erklärt sie. Zwar bleibe Lenin für die Mehrheit der Bevölkerung, besonders für die ältere Generation, eine positiv besetzte mythologische Figur. Dieser Haltung entspreche die Führung, indem sie seinen konservierten Leichnam im Mausoleum auf dem Roten Platz belasse.Grundsätzlich aber sei man gegen jede Art von Revolutionen. "Jede Umwälzung ist gefährlich. Mit Solschenizyn etwa wisse man sich darin einig, dass die Februarrevolution ein noch weit schlimmeres Ereignis war als die Oktoberrevolution, weil sie eine bürgerliche, eine liberale Revolution war. Die gegenwärtige Parole lautet: Stabilität." Auch die Ideologie der Bolschewiki, ihr Internationalismus, die Idee der Weltrevolution - Proletarier haben keine Heimat! - passe nicht ins nationalistische Konzept des Kreml, erklärt Scherbakowa. Tatsächlich triumphiere nun Stalin über Lenin. Er repräsentiere das so populäre Bild von einem starken Staat, einem starken Führer und der Mobilisierung des ganzen Landes.------------------------------"Jede Umwälzung ist gefährlich. Die Parole lautet: Stabilität." Eine Historikerin------------------------------Foto: Hammer und Sichel, die einstigen Symbole des Sowjetimperiums, dienen hier nur noch als Abstellfläche.
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