Meinung

Wie Kinder im Sandkasten: „Haust du meine Burg kaputt, hau ich deine Burg kaputt“

Die Politik der eskalierenden Maßnahmen führt zu Krieg als letztem Ausweg. Neben die Militärlogik muss als zweite Säule das Gespräch treten. Ein Kommentar.

4 Min
Kommt es nun zur Eskalation zwischen Deutschland und Russland?

Kommt es nun zur Eskalation zwischen Deutschland und Russland?

© Thomas Trutschel/imago

Die Engländer nennen es „Tit for Tat“. Die kleinen Kinder im Sandkasten: „Haust du meine Burg kaputt, hau ich deine Burg kaputt.“ Die Erwachsenen: „Schickst du mir deine Drohne, schließ ich dein Konsulat.“

Man sollte meinen, die Europäer würden sich mit Kriegen auskennen. Wie sie zustande kommen, ohne dass man sie will. Wie sie so ganz anders verlaufen als geplant. Wie leicht es ist, sie zu beginnen, und wie schwer, sie zu beenden.

Zwischen 1600 und 1700 gab es nur 22 Jahre ohne Krieg auf dem europäischen Kontinent. So gesehen kann man von Fortschritt reden; das 20. Jahrhundert wies schon 88 Friedensjahre auf. Anders die Bilanz bei den Kriegsopfern: Im 17. Jahrhundert starben rund drei Millionen, im 20. Jahrhundert fast 25 Millionen Soldaten in europäischen Kriegen – hinzu kam ein Mehrfaches an zivilen Opfern.

Wie viele Kriegstote wird der Kontinent im 21. Jahrhundert beklagen? Im Ukraine-Krieg sind es inzwischen fast eine halbe Million, so die jüngste amerikanische Schätzung.

Effizienz des Tötens

Real liegt der Fortschritt in der Effizienz des Tötens. Die Lebenserwartung russischer Frontsoldaten, die in die „Kill Zone“ des Drohnenkriegs geschickt werden, wird auf 20 bis 30 Minuten geschätzt.

Wo der Fortschritt ausbleibt, ist in der Verhinderung von Krieg. Dabei wurden über Jahrzehnte hinweg Milliarden in die Friedensforschung investiert. Vergangene Kriege wurden analysiert, Lehren gezogen, Lektionen aufbereitet. Beispielhaft das Buch des Australiers Christopher Clarke, „Die Schlafwandler“, über die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs.

Man kann Krieg wollen, allerdings ist das historisch eher selten der Fall. Die großen Eroberer und jene, die sich dafür halten, sind Ausnahmen: Alexander von Makedonien, Friedrich II., Napoleon Bonaparte, Adolf Hitler. In den meisten Fällen ist Krieg nicht gewollt, sondern wird in Kauf genommen. So wird es auch beim nächsten europäischen Krieg sein. Ein neuer Eroberer, und Wladimir Putin ist ganz sicher keiner, ist nicht in Sicht.

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„In Kauf genommen“ ist die saloppe Version der Clausewitzschen Definition des Krieges als bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Als ihre Ultima Ratio. Für den Eroberer ist Krieg das erstrebenswerte Ziel, für den Politiker der letzte Ausweg.

Umso wichtiger ist es, andere Auswege zu suchen, unterhalb der Schwelle zur militärischen Auseinandersetzung. Das ist aber nur gemeinsam möglich, im Zusammenwirken der Konfliktparteien.

Im konkreten Fall kommt negativ zum Tragen, dass der russisch-europäische Konflikt der Gegenwart eine Fortsetzung des ideologisch aufgeladenen Ost-West-Konflikts der Vergangenheit ist. Der moralisch-ideologische Krieg ist seiner Tendenz nach total, der Gegner wird dehumanisiert („Orks“) und abgewertet, es gibt keine gemeinsame Sprache, keine Gemeinsamkeit. Es gibt auch kein gemeinsames Gespräch. Darin unterscheidet er sich von den Kabinettskriegen des 18. Jahrhunderts. Damals wurde gegeneinander gekämpft und miteinander geredet, zur gleichen Zeit.

Ohne Gespräch gibt es keine Suche nach Auswegen. Und ohne diese Suche, die nur gemeinsam möglich ist, bleibt am Ende nur ein Ausweg, der letzte.

Die Militärlogik führt zum Krieg, nicht gewollt, aber hingenommen. Da hilft es auch nicht, dass man die Eskalation sorgfältig dosiert. Vielleicht existieren eindeutige Beweise, dass die Leipziger Drohne aus Russland stammt. Man zeigt sie der Öffentlichkeit nicht, um den Kreml nicht zu kompromittieren. Aus demselben Grund hält sich der Bundeskanzler mit seinen Äußerungen zurück. Das ändert nichts daran, dass die Eskalation nur eine Richtung kennt: hin zum letzten Ausweg.

Krieg als selbsterfüllende Prophezeiung

Auch Russland wird eskalieren. Russland muss eskalieren. Jede Seite hat ihr Gesicht zu wahren, muss Maßnahmen treffen. Über die wird debattiert, ebenfalls auf beiden Seiten. Die Roderich Kiesewetters und Nico Langes gibt es ja hüben wie drüben; gröbere Keile für grobe Klötze zu fordern, verlangt nicht viel.

Wenn es nicht gelingt, aus dem gegenwärtigen Rahmen auszubrechen, wird der Krieg zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Ausbrechen bedeutet dabei nicht, der Militärlogik abzuschwören. Gesichtswahrende Maßnahmen sind auch künftig vorauszusetzen, auf beiden Seiten. Entscheidend ist die Erkenntnis, dass weder Eskalation noch Abschreckung eine Lösung bringen.

Es braucht eine zweite Säule neben der Militärlogik: das Gespräch. Deutschland und Russland, Europa und Russland – nach fast fünf Jahren Krieg in der Ukraine muss geredet werden. Auf welcher Ebene und in welchem Grade öffentlich, ist eine andere Frage. Gespräche sind auch keine Verhandlungen.

Im Kalten Krieg kam die Erkenntnis mit dem sogenannten Harmel-Bericht der Nato 1967. Erst die Politik der zwei Säulen – Abschreckung und Gespräch – führte zum Helsinki-Prozess und zu den Ereignissen um 1990. Anders kommen wir nicht aus dem Sandkasten.

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