Ukraine-Krieg

15 Tote: Keine der 28 russischen Raketen auf die Ukraine wird abgefangen

Russland greift Kiew und das Umland erneut vor allem mit ballistischen Flugkörpern an. Vier Tage zuvor hatte die Ukraine nur eine von 27 ballistischen Raketen abgefangen.

5 Min
Kiew: Feuerwehrleute löschen einen Brand, nachdem russische Raketen ein Lagerhaus getroffen haben.

Kiew: Feuerwehrleute löschen einen Brand, nachdem russische Raketen ein Lagerhaus getroffen haben.

© Dan Bashakov/AP/dpa

Die ukrainische Luftwaffe hat nach dem schweren russischen Angriff in der Nacht zum Mittwoch keinen Abschuss einer der 28 eingesetzten Raketen gemeldet. Mindestens 15 Menschen kamen in Kiew und der umliegenden Region ums Leben. Dutzende weitere wurden verletzt. Rettungskräfte suchten am Morgen noch an mehreren Orten nach möglichen Verschütteten.

Nach Angaben der Luftwaffe feuerte Russland 24 ballistische Raketen vom Typ Iskander-M beziehungsweise aus umgerüsteten S-400-Systemen ab. Hinzu kamen vier Zirkon-Flugkörper und 115 Drohnen verschiedener Typen. Der Hauptstoß richtete sich demnach gegen Kiew und das Umland der ukrainischen Hauptstadt.

Die ukrainische Flugabwehr habe 98 Drohnen abgeschossen oder elektronisch gestört. In der offiziellen Bilanz wurden dagegen keine abgefangenen Raketen aufgeführt. Einschläge von Raketen und 17 Angriffsdrohnen seien an 26 Orten registriert worden. An sechs weiteren Orten gingen Trümmer abgeschossener Flugobjekte nieder.

14 Tote bei russischem Angriff auf die Region Kiew

Besonders viele Opfer meldeten die Behörden aus der Region Kiew. Dort wurden nach Angaben des ukrainischen Katastrophenschutzes 14 Menschen getötet. Neun Tote gab es im Bezirk Browary, vier im Bezirk Butscha und einen weiteren im Bezirk Fastiw.

Bei der Zahl der Verletzten machten die Behörden am Morgen unterschiedliche Angaben. Der Katastrophenschutz nannte 27 Betroffene, die regionale Militärverwaltung sprach von 22 Verletzten. Zwölf von ihnen seien im Bezirk Browary, sieben im Bezirk Butscha und drei im Bezirk Fastiw verletzt worden.

Rettungskräfte arbeiteten an sieben Orten in den drei Bezirken. In Browary, Welyka Dymerka, Kwitnewe und Peremoha gerieten große Lagergebäude in Brand. Im Bezirk Fastiw brannten Fahrzeuge auf einem Betriebsgelände. In dem Dorf Tschajky kämpften Einsatzkräfte gegen ein Feuer in einer Lagerhalle. In Sofijiwska Borschtschahiwka wurde ein Logistikbetrieb getroffen.

Eine Tote und 26 Verletzte in Kiew

In der Hauptstadt starb nach Angaben der Stadtverwaltung eine Frau. Die Zahl der Verletzten stieg bis zum Morgen auf 26. 16 von ihnen wurden in Krankenhäuser gebracht, vier waren schwer verletzt.

Schäden wurden an mindestens sieben Orten in den Stadtbezirken Holossijiw, Obolon, Desna und Swjatoschyn registriert. In mehreren großen Lagerhallen brachen Brände aus. Im Bezirk Holossijiw wurde ein privates Wohnhaus zerstört. Dort vermuteten die Behörden zunächst Menschen unter den Trümmern.

Bei einem weiteren Treffer wurde laut Stadtverwaltung ein Behälter mit rund 300 Litern Ammoniak beschädigt. Die Einsatzkräfte brachten den Austritt nach Angaben der Kiewer Militärverwaltung gegen 2.10 Uhr unter Kontrolle. Eine Gefahr für die umliegenden Wohngebiete habe nicht bestanden. Bei erneuten Explosionen an einem der Einsatzorte wurde zudem ein Rettungswagen beschädigt und dessen Fahrer verletzt.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Erneut kaum russische Raketen abgefangen

Die Bilanz reiht sich in mehrere russische Großangriffe ein, bei denen die ukrainische Armee nur wenige ballistische Raketen abfangen konnte. Erst am 1. August hatte Russland nach ukrainischen Angaben 35 Raketen eingesetzt, darunter 27 ballistische Flugkörper. Insgesamt wurden zwei Raketen abgefangen, unter den ballistischen Raketen lediglich eine. Mindestens zehn Menschen kamen bei dem Angriff auf Kiew und das Umland ums Leben.

Wolodymyr Selenskyj führte die niedrige Abschussquote damals direkt auf fehlende Patriot-Munition zurück. „Nur eine ballistische Rakete wurde heute Nacht abgeschossen, einfach weil es keine Abfangraketen für die Patriot-Systeme gibt“, erklärte der ukrainische Präsident. Jedes weitere Paket mit Abfangraketen rette Menschenleben.

Feuerwehrleute in einer zerstörten Lagerhalle im Gebiet Kiew. Russland traf bei dem nächtlichen Angriff mehrere Betriebe und Logistikstandorte.

Feuerwehrleute in einer zerstörten Lagerhalle im Gebiet Kiew. Russland traf bei dem nächtlichen Angriff mehrere Betriebe und Logistikstandorte.

© Efrem Lukatsky/AP

Bereits Anfang Juli hatte die ukrainische Luftwaffe keine der 23 bei einem Angriff eingesetzten ballistischen Raketen abfangen können. Nach von Reuters ausgewerteten Luftwaffendaten wurden in den ersten Julitagen insgesamt nur vier von 49 russischen ballistischen Raketen abgeschossen. Bei anderen Raketentypen und Drohnen lagen die gemeldeten Abfangquoten deutlich höher.

Aus einzelnen Angriffsnächten lässt sich keine pauschale Aussage über die Leistungsfähigkeit der gesamten ukrainischen Luftabwehr ableiten. Die offiziellen Zahlen zeigen jedoch, wie verwundbar Kiew bei konzentrierten Angriffen mit ballistischen Raketen ist. Wegen ihrer hohen Geschwindigkeit und Flugbahn ist die Ukraine bei der Abwehr solcher Waffen vor allem auf Patriot-Systeme und die dazugehörigen Abfangraketen angewiesen.

Selenskyj fordert mehr Patriot-Munition

Nur wenige Stunden vor dem jüngsten Angriff hatte Selenskyj die Luftverteidigung erneut als „ersten Priorität“ bezeichnet. „Jedes Paket für unsere Luftverteidigung schützt tatsächlich Leben“, sagte er am Dienstagabend. In einem Gespräch mit dem niederländischen Ministerpräsidenten Rob Jetten erklärte Selenskyj zudem, Russland spare bei seinen Angriffen nicht mit ballistischen Raketen.

Moskau erklärte nach dem Angriff, russische Truppen hätten Logistik- und Versorgungszentren in Kiew und der Region getroffen, die militärisch genutzt worden seien. Belege legte das russische Verteidigungsministerium nicht vor. Ukrainische Behörden meldeten neben zerstörten Lagerhallen auch Schäden an einem Wohnhaus. Die Angaben beider Kriegsparteien zu Zielen, eingesetzten Waffen und Abschüssen ließen sich nicht vollständig unabhängig überprüfen.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner