Zwischen dem Luftalarm und den ersten Einschlägen lagen offenbar nur wenige Minuten. Kurz nach 1.30 Uhr erschütterte eine erste Serie schwerer Explosionen Kiew, weitere Angriffswellen folgten. Russland feuerte in der Nacht zum Samstag zahlreiche ballistische Raketen und Drohnen auf die ukrainische Hauptstadt ab.
Mindestens neun Menschen wurden nach Angaben ukrainischer Behörden getötet. Mindestens 28 weitere erlitten Verletzungen, darunter vier Kinder. 17 Verletzte mussten in Krankenhäuser gebracht werden. Rettungskräfte holten nach Angaben des ukrainischen Katastrophenschutzes insgesamt 105 Menschen aus beschädigten Gebäuden.
Im Stadtteil Darnyzja kamen sieben Menschen ums Leben, 14 weitere wurden verletzt. Zwei Tote meldeten die Behörden aus dem Stadtteil Solomjanskyj. Dort wurde ein fünfstöckiges Wohnhaus schwer beschädigt. Teile des Gebäudes stürzten ein, im Innenhof brach ein Feuer aus. Bewohner waren zeitweise in ihren Wohnungen eingeschlossen.
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Bewohnerin aus Kiew: „Putin muss gestoppt werden“
Lidija Synowska befand sich nach eigenen Angaben noch in ihrer Wohnung im Stadtteil Solomjanskyj, als kurz nach dem Luftalarm bereits die ersten Explosionen zu hören waren. Für den Weg in einen Schutzraum habe die Zeit nicht gereicht, berichtete die 38-Jährige dem Kyiv Independent.
Auch Schanna Maidanska stand nach dem Angriff vor einem teilweise zerstörten Wohnhaus. Ihre Tante und ihr Bruder überlebten, mussten jedoch in ein Krankenhaus gebracht werden. Maidanska appellierte an die westlichen Staaten, keine Angst vor dem russischen Präsidenten zu haben: „Putin muss gestoppt werden.“
Nach Angaben von Wolodymyr Selenskyj wurden sieben Stadtteile getroffen. 18 Wohngebäude, eine Schule, die litauische Botschaft und mehrere Infrastruktureinrichtungen seien beschädigt worden. In verschiedenen Teilen Kiews brachen Brände aus. Schäden wurden auch an Lagerhallen, einem Autowaschplatz, einem Parkplatz und gewerblich genutzten Gebäuden gemeldet.
Russland feuert 35 Raketen und 185 Drohnen ab
Nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe setzte Russland in der Nacht 35 Raketen ein. 27 davon waren ballistische Raketen. Hinzu kamen 185 Angriffsdrohnen verschiedener Typen. Das Hauptziel der Angriffswelle war demnach Kiew, Treffer wurden aber auch aus den Regionen Dnipro, Sumy, Charkiw und Poltawa gemeldet.
Die ukrainische Flugabwehr fing nach eigenen Angaben 154 Drohnen, aber nur zwei Raketen ab. Unter den abgefangenen Flugkörpern war laut Selenskyj lediglich eine ballistische Rakete.
„Nur eine ballistische Rakete wurde heute Nacht abgeschossen, einfach weil es keine Raketen für die Patriot-Systeme gibt“, schrieb der ukrainische Präsident auf X. Gerade der Mangel an Abfangraketen ermutige Russland zu weiteren Angriffen.
Jedes zusätzliche Paket mit Patriot-Abfangraketen rette Menschenleben, erklärte Selenskyj. Die Waffen würden nicht für theoretische Bedrohungsszenarien in Depots benötigt, sondern „hier und jetzt“. Auch Außenminister Andrij Sybiha verlangte nach der von ihm als „Höllennacht“ bezeichneten Angriffswelle zusätzliche Systeme und Munition für die ukrainische Luftverteidigung.
Ein Feuerwehrmann zwischen ausgebrannten Autos vor einem bei russischen Raketenangriffen beschädigten Wohnhaus in Kiew.
© Danylo Antoniuk/imago
Trump rückt von Patriot-Zusage für die Ukraine ab
Nur wenige Stunden vor dem Angriff hatte US-Präsident Donald Trump eine frühere Ankündigung zur Produktion von Patriot-Raketen in der Ukraine relativiert. Beim Nato-Gipfel in Ankara hatte Trump im Juli noch erklärt, Kiew werde eine Lizenz zur Herstellung der Abfangraketen erhalten.
Bei einer Kabinettssitzung am Freitag sagte der US-Präsident dagegen: „Wir haben dem nicht zugestimmt.“ Die Gespräche liefen noch. Die Weitergabe einer solchen Technologie sei ein großer Schritt, bei dem die Vereinigten Staaten vorsichtig sein müssten.
Selenskyj hatte wenige Tage zuvor nach einem Treffen mit Trump im Weißen Haus erklärt, der US-Präsident habe einer Lizenz grundsätzlich zugestimmt. Ein konkreter Zeitplan für eine Produktion in der Ukraine liegt bislang nicht vor. Kiew bezeichnet zusätzliche Abfangraketen als eine seiner dringendsten militärischen Forderungen.
Zweiter russischer Großangriff binnen 48 Stunden
Es war bereits der zweite massive russische Luftangriff auf die Ukraine binnen 48 Stunden. Bei der vorherigen Angriffswelle wurden nach jüngeren Behördenangaben mindestens zehn Menschen getötet und mehr als 50 verletzt. Getroffen wurden unter anderem Kiew, Lwiw und das Gebiet um Krywyj Rih. Eine mutmaßlich russische Marschflugkörperrakete schlug zudem auf einem Feld in Polen ein.
Das russische Verteidigungsministerium erklärte, der jüngste Angriff habe Einrichtungen des ukrainischen militärisch-industriellen Komplexes und Logistikzentren in Kiew gegolten. Russland bestreitet regelmäßig, Zivilisten gezielt anzugreifen. Die ukrainischen Behörden meldeten jedoch erneut Tote und Verletzte in Wohnvierteln sowie Schäden an zahlreichen Wohnhäusern und einer Schule.
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