Der Luftalarm in Kiew endet nicht mehr mit der Nacht. Seit vergangener Woche schickt Russland kleine Gruppen schneller Angriffsdrohnen beinahe rund um die Uhr auf die ukrainische Hauptstadt und ihr Umland. Geschäfte unterbrechen den Betrieb, Menschen müssen während der Arbeit Schutz suchen. Bei neuen Warnungen ziehen sich mitunter selbst Rettungskräfte von bereits getroffenen Orten zurück.
Eine zentrale Rolle spielen dabei neue russische Jet-Drohnen. Anders als die älteren Shahed-Modelle werden sie nicht von einem Kolbenmotor mit Propeller, sondern von einem Strahltriebwerk angetrieben. Dadurch fliegen sie deutlich schneller und sind schwerer abzufangen.
Am Dienstag berichtete Reuters von Drohnenschwärmen über Kiew und dem Umland, darunter viele der neuen Modelle mit Strahltriebwerk. Es war der sechste Angriffstag in Folge. Am Mittwoch trafen weitere russische Drohnen Lagerhallen in Kiew und im Umland, wie AP berichtete.
Wie stark Russland den Einsatz dieser Waffen ausgeweitet hat, zeigte die folgende Nacht: Nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe griff das russische Militär landesweit mit 163 Drohnen an. Ungefähr die Hälfte davon sei strahlgetrieben gewesen. Die Luftabwehr habe 135 Flugkörper abgeschossen oder elektronisch gestört. Einschläge wurden demnach an 15 Orten registriert. Die Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen.
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Russland setzte im August mehr als 2800 Jet-Drohnen ein
Die neuen Drohnen sind nicht erst seit wenigen Tagen bekannt. Verändert hat sich vor allem die Zahl, in der Russland sie einsetzt. Im August seien mehr als 2800 strahlgetriebene Drohnen gegen die Ukraine gestartet worden, sagte der Sprecher der ukrainischen Luftwaffe, Jurij Ihnat. Bereits im Juli habe Russland fünfmal so viele dieser Flugkörper eingesetzt wie im Juni.
Wolodymyr Selenskyj nannte am Sonntag Zahlen zu den russischen Drohnenangriffen vom 27. bis 30. August: „Allein in diesen vier Tagen waren es fast 1500 Drohnen aller Typen, etwa 800 davon mit Strahlantrieb.“ Die schnellen Modelle machten damit mehr als die Hälfte der in diesem Zeitraum eingesetzten Drohnen aus.
Ein Feuerwehrmann bringt eine Frau nach einem russischen Raketenangriff auf ein Wohnhaus im Kiewer Stadtteil Solomjanka in Sicherheit.
© Jack Hill/imago
Serhij Beskrestnow, Selenskyjs Berater für Verteidigungstechnologie, erklärte, die Ukraine habe im August rund 3000 Einsätze strahlgetriebener Drohnen gezählt. Nach Informationen ukrainischer Nachrichtendienste plane Russland eine Jahresproduktion von 36.000 bis 40.000 Angriffsdrohnen. Das entspräche mehr als 3000 Stück im Monat. Beskrestnow erwartet, dass etwa 60 Prozent der Produktion künftig auf strahlgetriebene Modelle entfallen. Die Zahlen sind nicht unabhängig bestätigt.
Produktionsstempel auf geborgenen Drohnenteilen deuteten darauf hin, dass einige Flugkörper nur wenige Tage nach ihrer Fertigung im russischen Jelabuga gestartet wurden, berichtete der Guardian unter Berufung auf Beskrestnow.
Geran-4 fliegt etwa doppelt so schnell wie ältere Shahed-Drohnen
Russlands ältere Geran-2 basiert auf der im Iran entwickelten Shahed-136. Ihr Kolbenmotor treibt einen Propeller an und bringt sie auf etwa 180 bis 200 Kilometer pro Stunde. Das charakteristische Motorengeräusch hat diesen Drohnen in der Ukraine den Spitznamen „Moped“ eingebracht.
Die Geran-4 besitzt dagegen ein Strahltriebwerk. Die öffentlich genannten Geschwindigkeiten schwanken je nach Ausführung und Quelle. Beskrestnow nennt bis zu 500 Kilometer pro Stunde. Andere ukrainische Angaben liegen bei 300 bis 400 Kilometern pro Stunde. Damit ist die Drohne ungefähr doppelt so schnell wie eine Geran-2.
Die noch größere Geran-5 ähnelt äußerlich eher einem Marschflugkörper als einer klassischen Drohne. Nach einer Analyse des International Institute for Strategic Studies soll sie bis zu 600 Kilometer pro Stunde erreichen können, eine Reichweite von rund 950 Kilometern besitzen und einen etwa 90 Kilogramm schweren Sprengkopf tragen.
Die russische Geran-Reihe basiert zwar auf iranischer Technologie, neuere Modelle wie Geran-4 und Geran-5 wurden in Russland aber weiterentwickelt und werden nun dort gefertigt. Der ukrainische Militärgeheimdienst HUR dokumentierte nach der Untersuchung geborgener Drohnen unter anderem chinesische Strahltriebwerke sowie elektronische Bauteile von Herstellern aus mehreren Ländern.
Ein Ermittler der ukrainischen Polizei fotografiert Fragmente einer russischen Drohne, die am 27. August im Kiewer Stadtteil Petschersk gefunden wurden.
© Danylo Antoniuk/imago
Günstige Abfangdrohnen verlieren das Geschwindigkeitsrennen
Gegen die langsameren Geran-2 hatte die Ukraine eine mehrstufige und vergleichsweise günstige Abwehr aufgebaut. Mobile Trupps schießen mit Maschinengewehren auf die Drohnen. Andere werden elektronisch gestört oder von kleinen Abfangdrohnen verfolgt. Im Frühjahr erklärte die ukrainische Regierung, die Abfangquote bei russischen Langstreckendrohnen auf etwa 90 Prozent gesteigert zu haben.
Genau dieses System gerät nun unter Druck. Die damals eingesetzten Abfangdrohnen erreichten nach Recherchen von Reuters Geschwindigkeiten von bis zu 300 Kilometern pro Stunde. Eine Geran-4 können sie nur angreifen, wenn sie rechtzeitig vor deren Flugbahn aufsteigen. Eine Verfolgung von hinten ist bei den schnellsten Varianten nicht möglich. Zugleich bleibt weniger Zeit zwischen Ortung und Einschlag.
Selenskyj zufolge setzt die Ukraine deshalb bereits Kampfflugzeuge gegen die neuen Modelle ein. Vier ukrainische Unternehmen hätten entsprechende Abfangdrohnen entwickelt, eines davon verfüge über die bislang erfolgreichste Technik. Einzelheiten nannte er nicht.
Das ukrainische Verteidigungsministerium präsentierte am 21. August zudem die Alexa Spatium als erste eigene Abfangdrohne mit Strahlantrieb. Wenige Tage später dämpfte Beskrestnow jedoch die Erwartungen. Es gebe noch keine ausreichend erprobte und breit einsetzbare Lösung gegen Geran-4 und Geran-5. Derzeit würden nach seiner Darstellung Luft-Luft-Raketen, Boden-Luft-Raketen und tragbare Flugabwehrsysteme eingesetzt.
Beskrestnow schätzt, dass die Ukraine dennoch bis zu 80 Prozent der strahlgetriebenen Drohnen abfängt. Auch diese Zahl ist nicht unabhängig überprüfbar. Von einem Zusammenbruch der Luftabwehr kann daher nicht gesprochen werden. Der Aufwand, den sie für jeden Abschuss betreiben muss, nimmt jedoch zu.
Ein ausgebranntes Auto in einer zerstörten Lagerhalle in Pohreby bei Kiew. Russische Drohnen griffen die Hauptstadtregion Ende August tagelang nahezu ununterbrochen an.
© Chubotin Kirill/Ukrinform/imago
Russlands Drohnen sollen die Luftabwehr zermürben
Die Jet-Drohnen ersetzen die älteren Modelle nicht vollständig. Russland kombiniert sie mit langsameren Geran-2, Täuschkörpern, Marschflugkörpern und ballistischen Raketen. Unterschiedliche Geschwindigkeiten, Flughöhen und Routen erschweren es der Ukraine, ihre Abwehrmittel richtig zu verteilen.
Patriot-Systeme werden vor allem gegen ballistische Raketen benötigt. Maschinengewehre und viele günstige Abfangdrohnen reichen gegen die schnellsten Geran-Varianten nicht mehr aus. Wenn stattdessen Flugabwehrraketen oder Kampfflugzeuge eingesetzt werden müssen, bindet jeder russische Angriff mehr Personal und teurere Waffensysteme.
Welche Folgen ein einziger Treffer haben kann, zeigte am 28. August der Angriff auf ein ukrainisches Munitionslager in Myla westlich von Kiew. Der Guardian und die Washington Post identifizierten den eingesetzten Flugkörper als Geran-4. Durch den Treffer geriet das Lager in Brand, anschließend explodierten dort gelagerte Granaten, Minen und Drohnen.
Selenskyj bezifferte die Zahl der Toten später auf 38. Zahlreiche Opfer lebten in einem nahe gelegenen Pflegeheim. Selenskyj kritisierte die Lagerung der Munition in der Nähe von Wohnhäusern scharf und kündigte strafrechtliche Ermittlungen an.
Der ukrainische Präsident beschreibt die russische Angriffstaktik als Versuch, „die Ukraine und die Ukrainer zu zermürben“. Entscheidend ist dabei nicht nur, wie viele Drohnen ihr Ziel erreichen. Bereits die nahezu ununterbrochenen Warnungen binden Personal, halten Kampfflugzeuge in Bereitschaft und unterbrechen das öffentliche Leben.
Der Ukraine droht damit der Verlust eines wichtigen Vorteils: Sie konnte einen großen Teil der russischen Drohnen zuletzt mit deutlich günstigeren Flugkörpern abfangen. Sollte Russland die Jet-Modelle schneller in Serie bauen, als die Ukraine geeignete Abfangdrohnen herstellen kann, verschiebt sich dieses Verhältnis zugunsten Russlands.
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