Drohnenkrieg

Russland greift Kiews Brücken an – neue Taktik legt Verkehr in der Hauptstadt lahm

Erstmals seit 2022 greift Russland eine Brücke in Kiew mit Drohnen an. Wiederholte Treffer stören eine wichtige Dnipro-Verbindung – Experten sehen Hinweise auf eine neue Taktik.

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Die Südbrücke über den Dnipro in Kiew. Die wichtige Verkehrsverbindung wurde Anfang Oktober mehrfach von russischen Drohnen angegriffen.

Die Südbrücke über den Dnipro in Kiew. Die wichtige Verkehrsverbindung wurde Anfang Oktober mehrfach von russischen Drohnen angegriffen.

© Tetiana Dzhafarova/AFP

Russland greift seit Donnerstag immer wieder eine der wichtigsten Verkehrsadern Kiews an. Die Südbrücke über den Dnipro wurde innerhalb von zwei Tagen mehrfach von russischen Drohnen getroffen, zuletzt erneut am Freitagabend. Bürgermeister Vitali Klitschko bestätigte den neuerlichen Einschlag und erklärte laut Ukrainska Pravda, die Brücke sei bereits nach den vorherigen Attacken vollständig für Autos und die Metro gesperrt worden.

Die Angriffe sind für Kiew ungewöhnlich. Nach übereinstimmenden Berichten von AFP und dem Kyiv Independent hatten russische Drohnen zuvor seit Beginn der großangelegten Invasion 2022 keine der großen Brücken der ukrainischen Hauptstadt direkt angegriffen. Nun kehren sie wiederholt zu demselben Bauwerk zurück.

Russische Drohnen schlagen nahe den Brückenpfeilern ein

Am Donnerstag gegen Mittag trafen zunächst zwei Drohnen den Bereich nahe der Tragkonstruktion der Südbrücke. Zu diesem Zeitpunkt fuhren noch Autos und Metrozüge über das Bauwerk. Eine Journalistin von 5 Kanal, die sich in einem Zug befand, berichtete von einer Explosion. Durch die Lüftung sei Asche in den Waggon gelangt. Verletzte wurden dort nicht gemeldet.

Nach einer ersten Überprüfung fanden Fachleute zunächst keine kritischen Schäden, sodass der Verkehr wieder aufgenommen wurde. Doch noch am selben Abend folgte ein weiterer Angriff. Dabei wurden nach Angaben Klitschkos eine Brückenstütze, Teile der Fahrbahn und Leitplanke sowie eine Beton-Schutzkonstruktion entlang der Metrostrecke beschädigt. In der Nacht zum Freitag wurde die Südbrücke erneut getroffen.

Am Freitagabend meldete Klitschko schließlich einen weiteren Einschlag. Einsatzkräfte wurden erneut zur Brücke geschickt. Wann Metro und Autoverkehr zurückkehren können, soll erst nach einer technischen Begutachtung durch wissenschaftliche Institute entschieden werden.

Verkehrschaos nach Sperrungen in Kiew

Die Südbrücke ist für Kiew besonders wichtig, weil über sie sowohl Straßenverkehr als auch eine Metroverbindung zwischen dem östlichen und westlichen Dnipro-Ufer führen. Nach Reuters lebte vor Kriegsbeginn mehr als ein Drittel der rund drei Millionen Einwohner Kiews auf der östlichen Seite, während sich ein Großteil der Arbeitsplätze, Behörden und Unternehmen westlich des Flusses befindet. Ein ukrainischer Wirtschaftsanalyst schätzt die Zahl der täglichen Pendler über den Dnipro auf rund 500.000.

Nach der Sperrung der Südbrücke wurden zeitweise auch der Verkehr auf der Paton-Brücke und der Metro-Brücke eingeschränkt. Kilometerlange Staus entstanden in der Hauptstadt, Buslinien mussten umgeleitet werden. Reuters beschreibt lange Autoschlangen am Morgen und Abend. Klitschko bezeichnete die Lage nach einer Sitzung des Verteidigungsrats der Hauptstadt als „sehr dramatisch“.

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Steckt eine neue russische Taktik dahinter?

Ob Moskau damit offiziell eine neue Angriffstaktik verfolgt, lässt sich bislang nicht unabhängig feststellen. Das Muster fällt jedoch auf. Die Nachrichtenagentur AP wertet die wiederholten Attacken auf die Verkehrsverbindungen als offenbar neue Störungstaktik, die darauf abzielt, den Alltag in der Hauptstadt zu beeinträchtigen.

Auch das US-amerikanische Institute for the Study of War (ISW) sieht die Angriffe auf die Südbrücke als Teil einer breiteren russischen Kampagne gegen die ukrainische Wirtschaft und das öffentliche Leben. Russische Militärblogger beschrieben demnach selbst ein Vorgehen, bei dem dieselbe Stelle wiederholt getroffen werden soll, um Schäden zu vergrößern und Reparaturen zu erschweren. Das ISW macht sich diese Aussagen nicht vollständig zu eigen, hält ein solches Vorgehen technisch aber für möglich.

Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei einer neuen Variante russischer Angriffsdrohnen. Der ukrainische Berater für Verteidigungstechnologie Serhij Beskrestnow berichtete Ende September von einem 40 Kilogramm schweren Hohlladungsgefechtskopf für strahlgetriebene Geran-Drohnen. Die Ladung soll besonders gegen Stahlkonstruktionen, Hochspannungsmasten und andere verstärkte Ziele geeignet sein.

Ob ein solcher Gefechtskopf tatsächlich bei den Angriffen auf die Südbrücke zum Einsatz kam, ist nicht bestätigt. Das ISW weist ausdrücklich darauf hin, dass der verwendete Sprengkopf bislang unbekannt ist. Die neue Technik könnte jedoch wiederholte präzise Angriffe auf verwundbare Stellen großer Bauwerke erleichtern.

Moskau spricht von militärischer Infrastruktur

Das russische Verteidigungsministerium bestätigte einen Angriff auf eine Brücke in Kiew. Nach Darstellung Moskaus sei das Bauwerk für militärische Zwecke genutzt worden. Belege für diese Behauptung legte das Ministerium nicht vor. Russland griff in den vergangenen Tagen zugleich Energieanlagen, Häfen und weitere Infrastruktur in der Ukraine verstärkt aus der Luft an.

Die Attacken auf die Brücke sind Teil einer Serie nahezu pausenloser Luftangriffe auf Kiew. Am Freitag wurde nach ukrainischen Angaben bei einem Drohnenangriff auf ein Wohnhochhaus ein Mensch getötet, zwei weitere wurden verletzt. Einen Tag zuvor traf eine russische Drohne eine Schule. Mehr als 100 Schüler befanden sich zu diesem Zeitpunkt im Schutzraum und blieben unverletzt.

Damit deutet sich eine Veränderung an: Neben Energieanlagen und anderen wirtschaftlich wichtigen Zielen geraten nun auch die großen Verkehrsverbindungen innerhalb der Hauptstadt stärker unter Druck. Ob die wiederholten Schläge gegen die Südbrücke der Beginn einer dauerhaften russischen Kampagne gegen Kiews Dnipro-Übergänge sind, dürfte sich in den kommenden Tagen zeigen.

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